Ukraine-Krieg

Wagner-Söldner wollen plötzlich keine Häftlinge mehr rekrutieren

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Monatelang war die Rekrutierung von Häftlingen ein probates Mittel für die Wagner-Gruppe. Jetzt wollen die Söldner davon jedoch ablassen.

Moskau – Die Söldnergruppe Wagner hat die Rekrutierung von Gefangenen für den Kampf in der Ukraine angeblich eingestellt. Das behauptete zumindest Jewgeni Prigoschin, Warlord und Anführer der paramilitärischen Organisation, am Donnerstag (9. Februar) auf einer Pressekonferenz. Zunächst berichteten unabhängige russische Medien wie die Moscow Times darüber.

„Die Rekrutierung von Gefangenen in der Wagner PMC ist vollständig eingestellt worden“, sagte Prigoschin. Medienberichten zufolge wurde die Rekrutierung in Gefängnissen in den vergangenen Wintermonaten intensiviert, da Russland besonders viele Verluste einstecken musste. Insbesondere die Kämpfe um die Kleinstädte Bachmut und Soledar im Donbass sorgten für hohe Opferzahlen.

Vergiftetes Geschenk aus Moskau: Wagner-Rekruten wurden mit Begnadigungen gelockt

Prigoschin gab jedoch keine Erklärung für den angeblichen Strategiewechsel an und äußerte sich auch nicht dazu, wieso sich Moskau in den vergangenen Monaten derart häufig in den Haftanstalten bediente. Über seine Pressestelle hieß es nur, dass Wagner „alle seine Verpflichtungen gegenüber all jenen erfüllt, die jetzt bei uns arbeiten“.

Mitglieder der Wagner-Gruppe verlassen das im Jahr 2022 eingeweihte Wagner-Hauptquartier in St. Petersburg. (Archivfoto)

Möglicherweise hat der Sinneswandel auch etwas mit den Schilderungen früherer Wagner-Kämpfer zu tun, denen zufolge frische Rekruten lediglich als Kanonenfutter dienten. Laut einer Einschätzung der Nichtregierungsorganisation Rus Sidjaschtschaja („Russland hinter Gittern“)  sind bislang rund 80 Prozent der rekrutierten Häftlinge in Gefechten im Ukraine-Krieg umgekommen. Die beiden unabhängigen Nachrichtenportale Mediazona und Agentstvo berichteten, dass widerstrebenden Häftlingen zuletzt mit neuen Gefängnisstrafen gedroht wurde, falls diese sich dem Krieg verweigerten.

Ukraine-Krieg: Kriminelle im Dienst von Wagner

Bisher setzten Prigoschin und der Kreml darauf, den Häftlingen den Kriegsdienst mithilfe einer Begnadigung sowie einer vorzeitigen Entlassung schmackhaft zu machen. Vom russischen Parlament ist allerdings nie eine entsprechende Amnestie ausgerufen worden. Dennoch mussten die Rekruten einen sechsmonatigen Vertrag unterzeichnen, in dem angeblich jedoch das Risiko einer Hinrichtung im Falle einer Desertion betont wird.

Ob die verurteilten Verbrecher schlussendlich in Freiheit leben könnten, steht ohnehin nicht fest. Die russische Rechtsanwältin Jana Gelmel sagte focus.de, dass die rekrutierten Häftlinge nicht wirklich frei wären: „Die Wagner-Truppe behält sie bei sich, denn sie alle sind irgendwie abhängig, von der Strafvollzugsbehörde und von Prigoschin.“ Laut der Juristin, die sich für die Rechte von Gefangenen einsetzt, würde den Männern auch nach dem Krieg weitere Haftstrafen drohen, falls sie die Forderungen der Wagner-Gruppe verweigern würden. (nak)

Rubriklistenbild: © Valentin Yegorshin/Imago

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