Viel mehr als Wagner: Das sind Putins Privatarmeen im Ukraine-Krieg
VonPatrick Mayer
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Neben Wagner-Söldnern sind weitere Privatarmeen aus Russland im Ukraine-Krieg. Auch Ramsan Kadyrow plant offenbar eine PMC. Ein Überblick.
München – Ihr Auftreten sorgt in der Ukraine für Angst und Schrecken: Die Rede ist von Wagner-Söldnern. Die Privatarmee (PMC) von Jewgeni Prigoschin spielt für Russland im Ukraine-Krieg eine wesentliche Rolle im Donbass.
Ukraine-Krieg: Weitere Privatarmeen aus Russland neben der Wagner-Gruppe
So sollen zwischen Bachmut und Luhansk, zwischen Wuhledar und Donezk, zwischen Saporischschja und Melitopol Truppen mehrerer Privatarmeen stationiert sein. fr.de erklärt, um welche PMCs es sich handelt. Und welche Pläne Tschetschenen-Autokrat Ramsan Kadyrow diesbezüglich verfolgt.
PMC Patriot: In direkter Konkurrenz zu Prigoschins Wagner-Söldnern
Im Dezember 2022 hatte Moskau nach Angaben aus Kiew Patriot-Kämpfer in die Region Donezk verlegt. Das erklärte Serhii Cherevatyi, Sprecher der ukrainischen Streitkräfte, in einem TV-Interview, aus dem die Ukrajinska Prawda zitierte. „Insbesondere im Raum Stepne an der Wuhledar-Front haben wir festgestellt, dass neben der Gruppe Wagner auch das Militärunternehmen Patriot aufgetaucht ist, das mit dem derzeitigen russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu verbunden ist“, sagte er.
Laut US-Denkfabrik Jamestown Foundation ist Patriot wohl tatsächlich eng mit dem russischen Verteidigungsministerium verknüpft. Der Militärgeheimdienst GRU sei es, der Patriot dem Think Tank zufolge mit seinen Leuten regelrecht „vollpackt“. Im Gegensatz zur Wagner-Gruppe, die auch Häftlinge rekrutiert, soll Patriot professionelle russische Ex-Militärs mit Kampferfahrung anwerben. Die „Gehälter“ liegen laut Jamestown Foundation bei 6300 bis 15.800 US-Dollar pro Monat.
Insbesondere soll Patriot auch bei Russlands Einflussnahme in der Zentralafrikanischen Republik zum Einsatz kommen und dort für Moskau zum Beispiel Goldminen bewachen. Wegen der Nähe zum Verteidigungsministerium soll es eine Rivalität zu den Wagner-Söldnern geben, deren Chef Jewgeni Prigoschin Schoigu immer wieder öffentlich kritisiert. Laut Kyiv Post soll Patriot in sieben Ländern aktiv sein, unter anderem seit Frühjahr 2018 in Syrien.
E.N.O.T. Corp.: Kommandant Igor Manguschew wurde in der Ukraine getötet
Auch dafür, dass die E.N.O.T. Corp. Söldner in die Ukraine entsandt hat, gibt es Hinweise. Vor allem sprechen die Umstände des Todes ihres Gründers Igor Manguschew dafür, eines ehemaligen Anhängers der rechtsnationalen Bewegung Svetlaya Ru“. Manguschew hatte durch einen bizarren Auftritt für Aufsehen gesorgt. Auf Twitter kursierte ein Video, das zeigt, wie er auf einer Bühne mit einem Menschenschädel in der rechten Hand eine Rede hält. Er behauptete, dass es sich um die Überreste eines ukrainischen Soldaten handelt. „Wir sind am Leben, und dieser Mann ist bereits tot“, sagte der Söldner: „Lasst ihn in der Hölle schmoren.“
Wenige Tage später erlitt Manguschew offenbar einen Kopfschuss. Auch hierzu kursierten Fotos bei Twitter, die ihn auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Kadijiwka zeigen sollen. Laut Ukraine Today habe er die schwere Verletzung aber nicht bei Kämpfen mit der ukrainischen Armee erlitten, sondern angeblich an einem russisch kontrollierten Checkpoint in der ukrainischen Oblast Luhansk.
Am 8. Februar soll er seiner Verletzung erlegen sein. Davon berichtete die britische BBC. Er wurde nur 36 Jahre alt. Laut der Kreml-nahen Tageszeitung Kommersant kämpften schon im Frühjahr 2015 Söldner der E.N.O.T. Corp. im Donbass. Später sollen sie für Moskau im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach sowie im syrischen Bürgerkrieg zum Einsatz gekommen sein, wie die Jamestown Foundation schreibt. Laut Kyiv Post soll E.N.O.T. in sechs Ländern aktiv sein.
E.N.O.T. Corp. umweht dabei ein fragwürdiger Ruf – selbst bei Geschäftspartnern. In Serbien soll die ultranationalistische Gruppierung bei Rekrutierungen so aggressiv aufgetreten sein, dass die serbischen Behörden die Söldner laut dem amerikanischen Think Tank im Sommer 2017 des Landes verwiesen. In Belarus sollen indes sowohl das Regime von Alexander Lukaschenko als auch die politische Opposition beunruhigt gewesen sein, weil Jugendcamps der Truppe angeblich wie Schauplätze für einen möglichen Putschversuch aussahen. Im November 2018 nahm der russische Geheimdienst FSB angeblich mehrere Mitglieder der E.N.O.T. Corp. fest.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Gazprom: Welche PMC-Pläne verfolgt der russische Energiekonzern?
Laut Business Insider will der staatliche Energiekonzern Gazprom eine eigene Söldnertruppe aufstellen. So soll die russische Regierung Anfang Februar ihr Einverständnis gegeben haben. Die Truppe soll demnach den russischen Energiesektor bewachen. Ein Einsatz im Angriffskrieg gegen die Ukraine sei laut Business Insider zumindest denkbar.
„Das ‚Wettrüsten‘ zwischen den wichtigsten politischen Akteuren Russlands, die aktiv Privatarmeen nach dem Vorbild der Wagner-Gruppe von Jewgeni Prigoschin aufbauen, wird also weitergehen“, erklärte der ukrainische Geheimdienst laut Pressemitteilung. Gazprom soll 70 Prozent der Anteile an der neuen Söldnergruppierung halten.
Ramsan Kadyrow: Tschetschenen-Autokrat plant eigene Privatarmee
Seine Privatarmee solle „in verschiedene Staaten ziehen und die Völker verteidigen, die von den Ländern unterdrückt werden, die sich selbst als die demokratischsten bezeichnen“. Darüber, ob bereits eine Rekrutierung läuft, wurde nichts bekannt.
Nicht nur in der Ukraine: Angeblich sind 37 russische Söldner-Gruppen aktiv
Stand März 2023 waren insgesamt 37 russische PMCs mit 40.000 bis 50.000 Kämpfern in 34 Ländern aktiv, schreibt die Kyiv Post. Was sich nicht unabhängig überprüfen lässt. Demnach hatten zu diesem Zeitpunkt angeblich 25 PMCs Söldner in die Ukraine entsandt, Leute von zwölf privaten Militärunternehmen sollen zeitgleich in Syrien stationiert gewesen sein. (pm)