Söldner-Aufstand mit Folgen

Nach Wagner-Schock: Wie ernst ist die Lage für Putin wirklich?

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Nach dem Wagner-Rückzug wähnen Experten die Gefahr eines Umsturzes für Wladimir Putin und seinen Moskauer Zirkel nicht gebannt. Muss Sergej Schoigu gehen?

München/Moskau - Wladimir Putin ist offenbar nochmal davongekommen. Die Wagner-Söldner von Jewgeni Prigoschin haben ihren Marsch auf Moskau abgebrochen und sich zurückgezogen. Grund dafür soll ein Kuhhandel zwischen dem Kreml und dem Militärunternehmer sein - Prigoschin und seine Söldner sollen straffrei bleiben.

Gerade so einem Aufstand entgangen: Moskau-Machthaber Wladimir Putin. (Archivfoto)

Aufstand gegen Wladimir Putin? Gefahr für Kreml-Machthaber noch nicht vorüber

Ist Putins Not so groß, dass er solche Zugeständnisse eingehen muss? Während die russische Front im Süden der Ukraine bröckelt, glauben Experten, dass für Putin die Gefahr innenpolitischer Umwälzungen und Widerstände nicht vorüber ist. Prigoschin ging auf angebliche Vermittlung Alexander Lukaschenkos ins Exil nach Belarus. Es ist eine Version aus Moskau und aus Minsk, die Fragezeichen hinterlässt.

Bleibt Prigoschin ein Risiko für Putin? Der britische Ex-General Richard Dannatt hat etwa vor einem eigenwilligen Angriff der Privatarmee Wagner auf die Ukraine aus Belarus gewarnt, sollten viele Söldner ihrem Chef ins Exil folgen. „Obwohl es den Anschein macht, dass diese Angelegenheit abgeschlossen ist, denke ich, dass sie alles andere als das ist und dass die Nachbeben noch eine ganze Weile zu spüren sein werden“, meinte der Ex-General.

Wagner-Aufstand in Russland: Muss Sergej Schoigu wegen Jewgeni Prigoschin gehen?

In der Vergangenheit hatte Prigoschin der russischen Armee wiederholt Unfähigkeit vorgehalten und diese stellenweise vorgeführt, zum Beispiel im Fall Bachmut, wo die Front wegen der ukrainischen Gegenoffensive ebenfalls wankt. 

Ist ein Teil des russischen Kuhhandels, dass Putin sich von Verteidigungsminister Sergej Schoigu trennt, dem erklärten Feind Prigoschins? Wie die Ukrainska Pravda berichtet, vermutet der ukrainische Geheimdienst, dass der Wagner-Chef die Entlassung des russischen Verteidigungsministers versprochen bekommen hat. Russlands Präsident würde sich in diesem Szenario von einem langjährigen Verbündeten lösen - was seine Machtstrukturen im Kreml beeinträchtigen könnte.

Putin muss Prigoschin als Verräter darstellen und so schnell wie möglich eliminieren. Ohne ihn ist Wagner kopflos.

Kreml-Kenner Gerhard Mangott im Gespräch mit IPPEN.MEDIA

Schon vor dem Moskauer Burgfrieden hatte der Kreml-Kenner und Politikwissenschaftler Gerhard Mangott im Gespräch mit IPPEN.MEDIA gewarnt: „Putin muss Prigoschin als Verräter darstellen und so schnell wie möglich eliminieren. Ohne ihn ist Wagner kopflos. Schafft er es nicht, ihn auszuschalten, wird es für ihn selbst gefährlich.“ Ein weiteres Problem sind unterdessen die Wagner-Aktivitäten in Afrika.

Laut dem viel zitierten Politikwissenschaftler Carlo Masala könnte Prigoschin die Vereinbarung „für sich durchaus als Sieg werten“. Er bekomme ja nun diverse Zugeständnisse, erklärte er in den „Tagesthemen“ der ARD. Der amerikanische Nachrichtensender CNN kommentierte, Putins Autorität sei seit dessen Machtübernahme im Jahr 2000 noch nie derart infrage gestellt worden.

Wagner-Söldner nach Russland-Aufstand: Weiterhin loyal gegenüber Jewgeni Prigoschin?

„Diese Leute sind dem Mann Prigoschin gegenüber loyal, nicht dem Land, nicht der Mission. Ich denke, wir haben noch viel mehr Fragen, die derzeit nicht beantwortet werden“, sagte der pensionierte US-Armee-Major und Militärexperte Mike Lyons CNN. „Putin verzeiht Verrätern nicht. Selbst wenn Putin sagt: ‚Prigoschin, geh nach Belarus‘, ist er immer noch ein Verräter. Und ich denke, Putin wird das nie verzeihen“, erklärte Jill Dougherty, ehemalige Moskauer CNN-Büroleiterin.

Es sei möglich, dass Prigoschin „in Weißrussland getötet wird“. Und es sei ein schwieriges Dilemma für Moskau, denn solange Prigoschin „irgendeine Art von Unterstützung hat, ist er eine Bedrohung, egal wo er ist“, meinte Dougherty. Sie verwies darauf, dass die Wagner-Söldner nach ihrem kurzen Aufstand im zwischenzeitlich besetzten Rostow am Don im äußersten Südwesten Russlands von einer jubelnden Menge verabschiedet wurden. „Wenn ich Putin wäre, wäre ich beunruhigt über diese Leute“, erklärte sie.

Die Wagner-Söldner hatten in Rostow just jenes Hauptquartier besetzt, von dem aus der Ukraine-Krieg geführt wird. TV-Aufnahmen hatten Prigoschin in einem beinahe freundschaftlichen Plausch mit den dortigen Armee-Chefs gezeigt. „Sie sind durch Russland gefahren, mit bewaffneten Kräften, mit Schützenpanzern. Sie sind nicht aufgehalten worden von russischen Sicherheitskräften, die offenbar keine Lust hatten, sich mit ihnen anzulegen für Putin“, sagte Sicherheitsexperte Nico Lange dem „heute journal“ des ZDF: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nach den Aussagen von Wladimir Putin und nach den Aussagen von Prigoschin und den Ereignissen des heutigen Tages eine Rückkehr zur Situation davor geben kann. Und auch Putin ist sehr stark beschädigt.“

Russland-Aufstand der Wagner-Söldner: Warum hielt öffentlich niemand zu Wladimir Putin?

Es sei auffällig, „dass viele sich nicht aus der Deckung wagen, dass viele sich lange nicht positioniert haben. Wir haben keine Unterstützung für Prigoschin gesehen“, meinte Lange: „Aber wir haben auch niemanden gesehen, der bereit war, sich für Putin leidenschaftlich in die Bresche zu werfen - nicht einmal seine eifrigsten Propagandisten.“

Es habe schon zuvor russische Aufständische gegeben, „die sich gegen Putin positioniert haben, die im Grunde in dem Gebiet Belgorod spazieren gefahren sind, gegen die keiner was unternommen hat. Es gab jetzt diesen bewaffneten Aufstand der Wagner-Gruppe, die Putin im Grunde auf der Nase herumgetanzt sind“, erklärte Lange im ZDF: „Er hat sich nach vielen Stunden erst gemeldet. Und er hat in dieser Ansprache am Samstagfrüh im Fernsehen nicht souverän gewirkt, nicht stark, sondern eher schwach und verängstigt. Also Putin ist beschädigt und es ist eine große Frage: Hat das eine Auswirkung auf sein Machtgefüge?“ (pm)

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