Mit-Favorit schwört Enteignungen ab

Ex-Guerillero als Friedensbringer? Kolumbien stehen brisante Wahlen bevor

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Petro, der Präsidentschaftskandidat der Linken hat bei der Wahl am 29. Mai 2022 gute Chancen.
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Bewaffnete Gruppen bedrohen die Sicherheit Kolumbiens extrem - eine der Konfliktparteien sind linke Guerillas. Kann Ex-Guerillo Petro die Probleme lösen?

Bogotá/München – Kolumbien erlebt aktuell die gewalttätigste Phase seit 2016. Das damalige Friedensabkommen hatte einen fast sechs Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg offiziell beendet. Die Aufarbeitung der Gräueltaten dieser Zeit dauern noch an. Nach diesem Abkommen hatte man für einige Zeit an ein endgültiges Ende des Guerilla-Kampfes in Kolumbien geglaubt. Der Konflikt spitzt sich dennoch wieder zu. Immerhin: Die für 29. Mai angesetzten Präsidentschaftswahlen schüren hier und da im Land Hoffnung auf Veränderungen.

Gegen den konservativen Kandidaten Federico Gutiérrez hat ein Kandidat der Linken gute Chancen auf den Sieg: Gustavo Petro, selbst ehemaliges Mitglied der linken Guerilla-Gruppierung Movimiento 19 de Abril, kurz M-19, gibt sich inzwischen politisch deutlich gemäßigter - und, so hoffen einige, sein Insider-Blick auf die Konfliktparteien Kolumbiens könnte sich als hilfreich erweisen.

Kolumbiens Präsidentschaftswahl 2022: Brutaler bewaffneter Konflikt im Hintergrund des Wahlgeschehens

Doch zunächst ist vor allem das Konfliktpotenzial der sich gegenüberstehenden Parteien - insbesondere linksgerichteten Guerillas auf der einen und rechtsgerichteten Paramilitärs auf der anderen Seite - groß. Beiden Favoriten könnten bei den anstehenden Wahlen riskieren, einer Gewalttat aus dem jeweils anderen Lager zum Opfer zu fallen.

Immerhin verkündete die marxistische Nationale Befreiungsarmee (ELN) jüngst anlässlich der Präsidentschaftswahl am 29. Mai. eine zehntägige Feuerpause vom 25. Mai bis zum 4. Juni. Die ELN ist seit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der Rebellenorganisation Farc und dem kolumbianischen Staat im Jahr 2016 die letzte offiziell anerkannte Rebellengruppe in dem südamerikanischen Land.

Die ELN entstand 1964 nach der kommunistischen Revolution in Kuba. Ihre angeblich rund 2.500 Kämpfer sollen sich vor allem in den Grenzgebieten zu Venezuela und entlang der Pazifikküste befinden. Aber auch in den urbanen Zentren Kolumbiens verfügt die ELN über ein bedeutendes Netzwerk an Unterstützern. Finanziert wird die ELN vor allem durch den Drogenhandel, der im Land unverändert floriert und nach Europa vernetzt ist.

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Präsidentschaftswahl 2022 in Kolumbien: Enges Rennen zwischen Petro und Gutièrrez erwartet

Nach der Wahl vom 29. Mai wird mit einer Stichwahl zwischen Petro und Gutièrrez gerechnet, die am 19. Juni stattfinden soll. Petro gehörte früher der Guerillagruppe M-19 an, die in den 90er-Jahren ihre Waffen niederlegte. Von 2012 bis 2015 war er Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá. Derzeit ist Petro Senator. Er hat angekündigt, mit den Rebellen zu verhandeln, sollte er zum Präsidenten gewählt werden. Es bestehen wohl Hoffnungen, dass der Ex-Guerillo mit seinem Insider-Wissen in die komplexen Konflikte des Landes möglicherweise neue Hebel findet, um langfristig Frieden herbeizuführen.

Die Linke war aus der Parlamentswahl in Kolumbien am 13. März gestärkt hervorgegangen. Die Wahl galt auch als Stimmungstest für die Präsidentschaftswahl. Das südamerikanische Land ist auch aufgrund des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts zwischen der Regierung und der linken Farc-Guerilla traditionell konservativ. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 verlor Petro gegen den konservativen Iván Duque, der nun nicht mehr antreten darf. Die Verfassung sieht eine Wiederwahl des Staatschefs nicht vor.

Petro achtet auf gemäßigtes Image - Ex-Guerillo versprach unter Eid, von Enteignungen abzusehen

Gefährlich könnte – dem nach aktuellen Umfragen als Favorit geltenden – Petro werden, dass seine Vergangenheit als Guerilla-Kämpfer die (spärliche) politische Mitte abschrecken könnte. Diese könnte ihm neben seinen linkeren Stammwählern möglicherweise einen entscheidenden Vorteil vor Gutièrrez bringen. So ist er sichtlich darum bemüht, öffentlich nun gemäßigtere Positionen zu präsentieren. Rund einen Monat vor der Präsidentschaftswahl in Kolumbien versprach Petro, im Falle eines Sieges keine Enteignungen vornehmen zu wollen.

„Es hat nie zu unserem Programm gehört, das Privateigentum von jemandem zu schädigen“, hatte Petro auf Twitter am Montag (16. Mai) verkündet: „Heute bekräftigen wir diese Verpflichtung noch einmal unter Eid.“ Petro gab sein Wahlversprechen Medienberichten zufolge auch vor einem Notariat in Bogotá ab. Er reagierte mit den Versprechen auf Mutmaßungen von Kritikern, dass er radikal in die Wirtschaft des südamerikanischen Landes eingreifen wolle. (mvz mit Material von dpa und AFP)

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