Wahl im Mai oder im Januar? Sunak lässt Großbritannien zappeln
VonStefan Krieger
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In Großbritannien spielt Premier Sunak auf Zeit. Während die Opposition bereits in den Startlöchern steht, hofft er auf eine Wende in der Gunst der Wähler.
London – In Großbritannien ticken die Uhren schon immer etwas anders. Das beschränkt sich nicht nur auf die Zeitverschiebung zum europäischen Festland, sondern auch, wenn es darum geht, wann die nächsten Wahlen stattfinden. In Deutschland zum Beispiel ist das fest terminiert. Eine Neuwahl des Bundestages findet frühestens sechsundvierzig und spätestens achtundvierzig Monate nach dem Beginn der laufenden Wahlperiode statt. In Großbritannien hingegen legt der Regierungschef in Grenzen selbst fest, wann die Bevölkerung wieder zur Stimmabgabe aufgerufen wird.
Großbritanniens Premierminister Rishi Sunak, der im Oktober 2022 durch eine interne Abstimmung der Konservativen Nachfolger der reichlich glücklosen Liz Truss wurde, deutete unlängst an, dass er es nicht eilig hat, das Urteil der Wähler einzuholen. Er kann als Premier jederzeit vor Ablauf der Frist Neuwahlen einberufen – und die endet in Großbritannien erst im Januar 2025.
Diese Haltung hat Gründe. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Regierung in der Gunst der Wählerinnen und Wähler alles andere als gut dasteht. Sie sehen die oppositionelle Labourpartei durchweg im zweistelligen Bereich vor Sunaks Tories, die in den letzten 18 Monaten insgesamt drei Premierminister gestellt haben – Boris Johnson, Liz Truss und eben Rishi Sunak. Über das genaue Datum der Wahl wird seit Monaten spekuliert. Nun hat Sunak eine Abstimmung in der zweiten Jahreshälfte 2024 in Aussicht gestellt. Damit könne er seiner Partei mehr Zeit verschaffen – und darauf bauen, dass sich das Blatt noch zu seinen Gunsten wendet.
Bisher galt eine Wahl im Mai oder Oktober als wahrscheinlich, bevor dann im November die US-Wahl 2024 ansteht. Dass Sunak nun den Herbst ins Spiel bringt, sorgt für Kritik anderer Parteien. Der Abgeordnete Jonathan Ashworth von der sozialdemokratischen Labour-Partei sagte der BBC, er glaube, dass Wähler zu dem Schluss kämen, Sunak habe „Angst vor dem Urteil der britischen Öffentlichkeit“. „Und sie werden sich fragen, warum er weiterhin in der Downing Street hockt.“
Wahlen in Großbritannien: Das Vertrauen in die Politik schwindet
„Alle sind sich einig, dass wir in einem riesigen Schlamassel stecken“, sagte Keir Starmer, Vorsitzender der Labour-Partei, in einer Rede in der südwestenglischen Stadt Bristol nach Angaben der Nachrichtenagentur AP. „Der Dienstleistungssektor liegt in den Knien, die Wirtschaft funktioniert nicht für die arbeitenden Menschen, selbst wenn sie wächst, geschweige denn jetzt, wo sie stagniert.“
Starmer fuhr fort, dass die meisten Briten zwar darin übereinstimmten, „dass Großbritannien einen Wandel braucht … aber das Vertrauen in die Politik ist inzwischen so gering, dass niemand mehr glaubt, dass Sunak etwas bewirken kann.“ „Hört nicht auf sie, wenn sie sagen, dass wir alle gleich sind. Wir sind es nicht und werden es nie sein“, fügte er hinzu und sagte, die Wähler hätten die Wahl zwischen „fortgesetztem Niedergang mit den Tories oder nationaler Erneuerung mit Labour“. Ein früher Wahltermin käme ihm angesichts der Umfragen jedenfalls gelegen.
Sunak bleibt hart: „Ich möchte weitermachen“
Sunak selbst sieht das natürlich anders und verteidigt seinen Kurs. „Ich möchte weitermachen, die Wirtschaft gut managen und die Steuern der Menschen senken. Aber ich möchte auch die illegale Einwanderung weiter bekämpfen“, so der Premier zur BBC. „Ich habe also eine Menge zu tun und bin entschlossen, weiter für das britische Volk zu arbeiten.“
Beim Thema Einwanderung konnte er jetzt immerhin einen kleinen Sieg für sich verbuchen. Im Streit um die Asylpolitik hat sich der Premierminister innerhalb der Partei durchsetzen können. Eine Gesetzesvorlage, mit der Abschiebungen nach Ruanda ermöglicht werden sollen, erhielt am Mittwoch (17. Januar) im Unterhaus genügend Stimmen. So votierten 320 Abgeordnete dafür, 276 stimmten dagegen. Der Gesetzentwurf war innerhalb der regierenden Konservativen stark umstritten. Vor dem Votum hatten einige Abgeordneten damit gedroht, gegen das Gesetz zu stimmen, weil sie es als zu lax fanden. Für Sunak stand viel auf dem Spiel. Diesmal ging er als Sieger hervor – bei den kommenden Wahlen könnte das ganz anders aussehen. (skr)