VonPeter Siebenschließen
Amazon bietet hunderte AfD-Fanartikel an. Ein No-Go, sagen Politik-Experten. Einer der Händler ist nach einer Presseanfrage plötzlich spurlos verschwunden.
Berlin – Wer AfD-Fan ist, muss nicht unbedingt Blau tragen. Beim Versand-Giganten Amazon kann man hunderte T-Shirts und Kapuzenpullover mit Parteilogo und diversen Slogans in allen erdenklichen Farben erwerben. Auch mit Bild von AfD-Chefin Alice Weidel auf der Brust, wenn man das mag. Neben Fan-Bekleidung bietet Amazon auch Fahnen und viele andere Merchandising-Artikel mit AfD-Motiven an. Meist läuft der Versand direkt über den Amazon-Dienst „Merch on Demand“, bei Bestellung wird gedruckt und dann verschickt. Eine sehr spezielle Form der Wahlwerbung, vor allem ausgerechnet im Superwahljahr 2024 mit drei Landtagswahlen. Experten sehen das überaus kritisch – vor allem geben einige Produktbeschreibungen demnach Anlass zur Sorge.
AfD-Fanartikel bei Amazon: „Versuch einer Normalisierung radikaler Inhalte“
Der Politikberater Johannes Hillje sagt: „Das ist ein neues Phänomen der Parteienwerbung. Andere Parteien und ihre Anhänger verfolgen solche Praktiken eher nicht.“ Tatsächlich sind bei Amazon keine Fanartikel anderer Parteien zu finden – nur von der AfD. Die Angebotsseiten liefern politische Botschaften gleich mit. In der Produktbeschreibung für ein T-Shirt mit dem Aufdruck „AfD aus Überzeugung“ steht beispielsweise: „Alice Weidel für Deutschland. Sei klug und wähle Blau aus Liebe zur Heimat. Für alle Fans die Alternative für Deutschland Wählen (sic!).“ Und weiter: „Für unsere Kinder, Freiheit, Sicherheit und Deutschland. Gegen Zensur und Mainstream. Perfektes Geschenk für Demonstrationen (...) Widerstand gegen das System. Kein Millimeter nach Links.“
Hillje sagt: „Diese Produktplatzierung ist der Versuch einer Normalisierung radikaler Inhalte. Man nutzt eine populäre und seriöse Plattform, um Botschaften der AfD zu platzieren“. Unter diesen Botschaften sind die üblichen Parolen, die man von AfD-Veranstaltungen und rechtsextremen Demos kennt. Der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Thüringer AfD-Chef Björn Höcke propagiert seit Jahren einen „Widerstand“ gegen das „System“. Bereits vor Jahren zitierte er in einer Rede ausgerechnet den antifaschistischen Dramatiker Bertolt Brecht: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“
Verwandte Produkte bei Amazon: Reichskriegsflaggen und Stiefel mit Stahlkappen
Dieser Spruch taucht übrigens in Frakturschrift auf vielen Pullovern bei Amazon auf: Artikel, die als „Verwandte Produkte“ angezeigt werden, wenn man sich für AfD-Merchandising interessiert. Und das ist noch nicht alles: Auch Reichskriegsflaggen, Stiefel mit Stahlkappen, Messer oder T-Shirts mit Sprüchen wie „Gewalt ist eine Lösung“ tauchen schnell auf. Bedeutet das, dass potenzielle Käufer von AfD-Waren öfter auch an solchen Artikeln interessiert sind? Amazon möchte auf Nachfrage nicht erklären, wie der dahinterliegende Algorithmus funktioniert. Überhaupt hält sich der Online-Riese bei diesem Thema bedeckt. Wer die Auftraggeber für die Parteienwerbung der AfD sind, wie viele Artikel verkauft werden – keine Stellungnahme.
Auch zu den Produktbeschreibungen, die klare politische Botschaften enthalten, äußert sich Amazon nicht. Dabei ist Amazon zumindest bei gesponserter Werbung offiziell sehr sensibel, wenn es um Politik geht: „Politische Inhalte, z. B. Kampagnen für oder gegen einen Politiker oder eine politische Partei, im Zusammenhang mit einer Wahl oder Inhalte im Zusammenhang mit politischen oder öffentlich diskutierten Themen“ sind laut den Richtlinien verboten. Für die angebotenen AfD-Produkte gilt das offenbar nicht.
Politik-Expertin: Unverständlich, dass Amazon das zulässt
Wie sehr über die Produkte AfD-nahe Politik betrieben wird, zeigt zum Beispiel auch ein T-Shirt mit dem aufgedruckten Spruch „Hunde scheißen auf alles, was grün ist“. In der Beschreibung dazu gibt es klare Aufforderungen an die Käuferklientel: „Setze ein Zeichen bei der nächsten Landtagswahl / Bundestagswahl gegen linke Politik & deren realitätsfernen Ideen (sic!). Trage es bei Kundgebungen und Demos & setzte dich gegen Ideologien ein, die Deutschland kaputt machen. Pro Weidel und pro AFD, gegen Ampel.“
Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung und Professorin für Politik, findet das „recht unappetitlich“. „Ich finde diese Art der heimlichen Parteienwerbung gelinde ausgedrückt irritierend.“ Es sei unverständlich, warum Amazon solche politischen Botschaften bei den angebotenen Produkten zulasse.
Problematisch sei vor allem, dass Statements extremer politischer Kräfte normalisiert würden, wenn sie bei einem Mainstream-Portal wie Amazon auftauchen: „Es ist nur einen Klick entfernt. Niemand muss zu einem dubiosen Fanshop, um solche Shirts zu kaufen.“ Das radikale Angebot sei im wahrsten Sinne niedrigschwellig.
Amazon-Anbieter von AfD-Fanartikel verschwindet plötzlich – der ganze Shop ist offline
Wer die Anbieter sind, ist oft schwer herauszufinden. Ob die AfD selbst die Shirts und Fan-Artikel direkt oder indirekt in Auftrag gibt, dazu äußerte sich die Partei zunächst nicht: Auf Nachfragen gab es erst wochenlang keine Antwort. Erst nach Veröffentlichung des Artikels hat sich die AfD gemeldet. Die Anfrage sei wohl untergegangen, hieß es. Die AfD verkaufe keinerlei Werbemittel über Amazon, so die Antwort: „Jegliche Werbemittel mit dem Namen oder mit dem Logo unserer Partei, welche dort verkauft werden, werden ohne Zustimmung oder Erlaubnis der AfD angeboten. Wir behalten uns in jedem Einzelfall vor, mit rechtlichen Mitteln dagegen vorzugehen.“ Das gelte ausnahmslos, wenn durch angebotene Inhalte erkennbar gegen die Grundsätze, gegen die Ordnung oder gegen die Satzung der Alternative für Deutschland verstoßen werde.
„Selbst wenn sie nicht direkter Auftraggeber ist, dürfte der AfD solche Fan-Ware gut in den Kram passen“, sagt Politikberater Johannes Hillje. „Man kennt das von Demos: Wenn auf der Bühne Medien kritisiert werden, kommt schnell der Schlachtruf ‘Lügenpresse’ aus der Menge. Die AfD macht sich das Wort nicht direkt zu eigen, zeigt aber, dass sie es goutiert. Das ist eine Strategie des Anheizens, wie wir sie auch von Donald Trump kennen.” Mit solch radikalen Slogans signalisiere die AfD ihrer Kernwählerschaft, dass sie die parlamentarische Vertretung von radikalen Positionen ist.
Aber zumindest ein Händler, der bei Amazon zuletzt unter anderem AfD-Fahnen mit der Aufschrift „AfD – Deutschland. Aber normal.“ angeboten hatte, war auffindbar. Hinter dem Anbieter steckte ein Online-Shop, angeblich mit Sitz in einem kleinen Ort nahe Koblenz. Für ein Gespräch war die im Impressum angegebene Person offenbar nicht bereit – auf Nachfrage gab es keine Antwort. Und mehr noch: Am Tag nach der Anfrage war das AfD-Angebot bei Amazon verschwunden, der gesamte Online-Shop offline und die angegebene Telefonnummer nicht erreichbar.
Mitarbeit: David Huth
Rubriklistenbild: © Niall Carson/dpa & Screenshots/Montage:IDZRAGENDA
