Biodiversität

Wald in der Klimakrise: „Pilze sind die Bienen des Bodens“

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Zu sehen sind nur die Fruchtkörper der Pilze, die Hyphen sind unter der Erde.
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Mikrobiologe Lukas Wick über die unterschätzte Leistung von Pilzen für das Ökosystem und ihren Nutzen für die Bau - und Modebranche / Ein Interview von Sereina Donatsch

Herr Wick, Pilze sind wichtig für unsere Umwelt. Leiden Pilze aber auch unter den Folgen des Klimawandels?

Pilze sind normalerweise hart im Nehmen. Dennoch reagieren sie als Individuen und auch als Artengemeinschaft auf klimabedingte Umweltänderungen wie höhere Temperaturen oder längere Trocken- und Feuchtigkeitsperioden. Zum Beispiel ist zu erwarten, dass sich mit höheren Temperaturen neue Pilzarten ausbreiten und häufiger pflanzenpathogene Pilze auftreten. Viele Pilze sind zudem spezifisch im Wurzelbereich mit Pflanzen verbunden. Wenn sich Pflanzengemeinschaften klimabedingt verändern, so werden dies auch die Pilze tun. Die Pilzdiversität ist jedoch riesig und unser Wissen noch beschränkt; von den geschätzt zweieinhalb Millionen Pilzarten sind bislang nur etwa fünf Prozent beschrieben. Bezüglich Klimawandel ist daher wichtig, die Diversität und Aktivität von Bodenmikroben im Blick zu behalten. Denn diese sind wesentlicher Bestandteil unseres Nahrungsnetzes.

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Wie erklären Sie, dass wir so wenig über Pilze wissen?

Ich sehe es ein bisschen wie vor Jahren bei den Bienen. Wir haben ihre Ökosystemdienstleistungen als selbstverständlich angesehen und daher kaum beachtet. Bei Pilzen denken die meisten an Champignons, Pfifferlinge, Steinpilze, die sie im Supermarkt kaufen oder im Wald sammeln. Dabei handelt es sich um deren Fruchtkörper und nur um den kleinsten Teil der Pilzbiomasse. Der weitaus größte Teil der Pilzbiomasse und Aktivität verbirgt sich im Boden. Deshalb sind Pilze schwer fassbar, aber erbringen eine unglaubliche Ökosystemdienstleistung. Pilze sind daher für mich wie die Bienen des Bodens.

Welchen Beitrag leisten Pilze zu unserem Ökosystem?

Für das Klima sind vor allem Mykorrhizapilze und Saprobionten wichtig. Die Mykorrhizapilze sind eng mit dem Wurzelbereich der Pflanze verknüpft. Sie unterstützen sie in ihrem Wachstum. Die Pflanze absorbiert das CO2 und wandelt es mittels Fotosynthese in organischen Kohlenstoff um. Pilze nehmen diesen auf und geben der Pflanze im Gegenzug Mineralien, Stickstoff, Phosphor und Wasser. Es ist eine Art Tauschhandel. Mal zugunsten der Pflanze, mal zugunsten des Pilzes. Je besser das funktioniert, desto mehr wächst die Pflanze und desto mehr CO2 kann sie der Atmosphäre entziehen. Pilze sind also ein ganz wesentlicher Bestandteil des Kohlenstoffkreislaufs. Außerdem gibt es die sogenannten Saprobionten, das heißt Pilze, die für das Recycling verantwortlich sind. Sie bauen abgestorbenes organisches Material ab – beispielsweise tote Blätter oder totes Holz – und wandeln es in Produkte um, die sie selbst, aber auch andere Organismen verwenden können. Sie sind extrem wichtig, weil so Materialien recycliert und wieder in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden.

Wie würde denn ein Wald ohne Pilze aussehen?

Ohne Pilze gäbe es wohl keine Bäume und keinen Wald. Wenn es dennoch so wäre, dann würden wir durch hohe Schichten von Tannennadeln oder Laubblättern wandern. Im Herbst würden die Blätter zu Boden fallen, doch dort von Pilzen und ihren Helfern nicht zersetzt und beispielsweise in Humus umgewandelt. Die Zersetzung ist auch deshalb wichtig, weil sie Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor den Pflanzen wieder für ihr Wachstum zur Verfügung stellt. Und ohne Pilze hätten wir auch viel mehr CO2 in der Luft. Mykorrhiza-Pilze speichern einer Studie zufolge jährlich etwa 13 Gigatonnen Kohlenstoff – und damit mehr als ein Drittel jener Menge, die jedes Jahr weltweit bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestoßen wird. Pflanzen geben zwischen drei und dreizehn Prozent ihres Kohlenstoffs an Mykorrhizapilze weiter.

Und was machen die Pilze?

Sie wachsen. Und zwar in langen, fadenförmigen Gebilden (Hyphen), die eine unglaubliche Größe und Weite erreichen. In einem Gramm Boden kann man bis zu einem Kilometer dieser Pilzfäden finden. Hyphen sind daher gute Kohlenstoffzwischenspeicher, umso mehr weil Pilze 30 bis 50 Prozent der mikrobiellen Biomasse im Boden ausmachen können. Deshalb ist es wichtig, ihre Habitate so zu gestalten, dass sie sich optimal entfalten können und durch ihre Aktivität langfristig möglichst viel Kohlenstoff im Boden bleibt. Dies ist auch in der Landwirtschaft wichtig, wo passende Praktiken helfen können, den oft beobachteten schleichenden Verlust an Bodenkohlenstoff zu bremsen.

Sollten wir Pilze denn nicht so schützen wie Bienen?

Im Jahr 2013 inkludierte Chile als erstes Land der Welt den Schutz von Pilzen in sein Umweltrecht. Das ist ein Signal und zeigt eine Wertschätzung der mikrobiellen Prozesse. Es ist wichtig, dass die Politik ein Zeichen setzt. Bei den Bienen hat es ebenfalls lange gedauert, bis ein kollektives Bewusstsein entstand. Eigentlich wohl erst, als die Bestäubung nicht mehr gut funktionierte, das große Bienensterben stattfand und der Honig plötzlich teuer wurde. Man sollte die Menschen sensibilisieren und auch im Alltagsleben zeigen, was Pilze neben CO2-Speicherung auch noch alles können. Pilze bilden einen hervorragenden Fleischersatz, erweisen sich als mögliche Bau- und Verpackungsmaterialien und in der Modeindustrie bieten sie künftig Alternativen zu Leder.

Wie kann man sich das vorstellen, woher kommen dann diese Pilze? Werden sie gezüchtet?

Pilze können relativ einfach gezüchtet und ihre Biomasse kann industriell hergestellt werden. Zur Produktion benötigt man, anders als zum Beispiel bei Raps für den Biodiesel, wenig Wasser, Energie und landwirtschaftliche Flächen. In Verbindung mit ihrem Wachstumssubstrat (etwa pflanzliche Rückstände aus der Landwirtschaft) können Pilzfäden auch als Baustoffe für die Zukunft verwendet werden. Pilze zerkleinern die Rückstände und verkleben sie. Solche Komposit-Materialien werden vielleicht nicht den Beton ersetzen, doch beim nachhaltigen Bauen von Gebäuden oder auch Möbeln noch eine wichtige Rolle spielen.

Lukas Wick , 58, ist Umwelt- mikrobiologe und leitet die Arbeitsgruppe Bioverfügbarkeit im Departement Angewandte Mikrobielle Ökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig. FR / Foto: Hannah Gessler

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