VonSebastian Borgerschließen
Nachdem ein 17-Jähriger in Southport mutmaßlich drei Mädchen ersticht, schüren Rechtsradikale rassistische Ressentiments.
Der Amoklauf eines 17-Jährigen, tote und schwerverletzte Kinder, Krawalle mit Dutzenden von verletzten Polizeikräften – im nordenglischen Southport nahe Liverpool spielen sich Szenen ab wie in einem Horrorfilm. Während die Mordkommission den tatverdächtigen Teenager auch am Mittwoch verhörte, kündigte Labour-Innenministerin Yvette Cooper Randalierenden harte Konsequenzen an. Schon gibt es Verbotsforderungen gegen die rechtsextremistischen Organisationen, die zu Protesten aufgerufen hatten. Diskutiert wird auch über die Verantwortung der sozialen Medien.
Am Montagmorgen hatten sich 25 Mädchen zu einem Yoga- und Tanzworkshop zur Musik des Pop-Idols Taylor Swift versammelt. Gegen Ende der zweistündigen Veranstaltung in einem Nachbarschaftszentrum gingen gegen 11.45 Uhr erste Notrufe bei der Polizei ein. Ein maskierter Mann war mit dem Taxi vorgefahren und ohne Bezahlung durch die unverschlossene Tür des Zentrums gestürmt. Dort stach er – offenbar wahllos – auf Kinder und Erwachsene ein. Binnen weniger Augenblicke lagen elf Kinder und zwei Erwachsene in ihrem Blut.
Zwei Mädchen erlagen noch am Montag ihren Verletzungen, am Dienstag starb das dritte Kind. Für die drei Toten im Alter von sechs, sieben und neun Jahren sowie die anderen Opfer der Attacke organisierten Geistliche und die Stadt am Abend eine Gedenkveranstaltung, zu der Tausende Menschen kamen. Es sei „hart, in dieser furchtbaren Situation die richtigen Worte zu finden“, sagte Bürgermeisterin June Burns.
Währenddessen nutzten Rechtsextremisten die Ereignisse für ihre Zwecke. Die Mobilisierung von mehreren Hundert gewaltbereiten Krawallos gelang offenbar aufgrund gezielter Falschinformationen. Der festgenommene Tatverdächtige ist minderjährig, sein Name darf daher weder von der Polizei noch von den Medien genannt werden, wie es bei Volljährigen üblich ist. Die Polizei ließ lediglich verlauten, es handele sich um einen 17-Jährigen, im walisischen Cardiff geborenen Sohn von Geflüchteten aus Ruanda. Örtlichen Medien zufolge war die Familie vor rund zehn Jahren in einen Vorort von Southport gezogen. Früheren Nachbar:innen zufolge soll der mutmaßliche Täter als Kind sehr zurückhaltend und eher schüchtern gewesen sein.
Der dubiose Nachrichtenkanal „Channel 3Now“ sowie andere soziale Medienaccounts identifizierten den Tatverdächtigen mit einem islamisch klingenden Namen und als kürzlich angekommenen Asylbewerber. Daraufhin riefen rechtsextremistische Gruppierungen zu einer Protestkundgebung vor der örtlichen Moschee auf, die rasch zu Ausschreitungen führte. Ein Geschäft wurde geplündert, die Randalierenden warfen Steine, Mülltonnen und Bauziegel auf Einsatzkräfte, ein Kleinbus der Polizei sowie mehrere Privatautos gingen in Flammen auf.
Die Polizei zog am Mittwoch Bilanz: Mehr als 50 Polizeikräfte wurden verletzt, 27 von ihnen schwer; zu den Verletzungen gehörten Knochenbrüche sowie eine gebrochene Nase, ein Beamter wurde bewusstlos geschlagen. Drei Polizeihunde erlitten ebenfalls Verletzungen.
Die politische Diskussion konzentriert sich auf rechtsextreme Organisationen wie die „English Defence League“ (EDL), „Britain First“ sowie „Patriotic Alternative“. Diese seien nach zeitweiligem Verbot wieder auf Plattformen wie X, Facebook und YouTube aktiv, sagt Sunder Katwala vom Thinktank British Future. „Die Plattformen könnten sofort reagieren, doch fehlt ihnen der Wille und das Leistungsvermögen.“
Reform-Chef Nigel Farage wandte sich auf X mit „Fragen“ an seine Anhängerschaft. Dabei brachte er den Amoklauf von Southport in Verbindung mit dem Messerangriff auf einen Uniform-tragenden Oberstleutnant in der südenglischen Grafschaft Kent vergangene Woche. In beiden Fällen schloss die Polizei rasch eine Verbindung zu (islamistischem) Terrorismus aus. „Ich frage mich, ob die Wahrheit vor uns verborgen wird“, sagte Farage.
Labour-Innenstaatssekretärin Jess Phillips konterte: Als Unterhaus-Abgeordneter hätte Farage seine angeblich legitimen Fragen am Dienstag bei der aktuellen Stunde an die Innenministerin oder ihr Team richten können. „Aber er hat sich lieber gedrückt.“
Politologe Colin Talbot von der Uni Manchester meint, dass sich die Behörden womöglich zuletzt zu sehr auf den islamistischen Terrorismus konzentriert hätten. „Wenn die entsprechenden Informationen vorliegen, womit ich rechne, sollten Organisationen wie EDL verboten und ihre Anführer ins Gefängnis geschickt werden.“ Zwar werde von prominenten Extremisten wie dem flüchtigen Tommy Robinson beteuert, die EDL existiere nicht mehr, aber: „Das heißt ja nicht, dass dies der Wahrheit entspricht.“
