Kolumne

Weltordnung im Umbruch: Was folgt auf den Zerfall?

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Zerstörte Windschutzscheibe eines Autos in Kiew. Russlands Angriff auf die Ukraine hat einige Gewissheiten des Westens zerstört.
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Afghanistan, Ukraine, Gaza: Die internationale Weltordnung ist im Umbruch. Die Zukunft kann nur global gedacht werden. Die Kolumne.

Den Anfang machte Afghanistan: Auf den plötzlichen Zusammenbruch der Regierung folgten 20 Jahre, in denen die westlichen Nationen gebunden waren. Dann folgte die Ukraine: der erste große konventionelle Krieg in Europa seit 1945. Russland maximierte in diesem Krieg die gefesselt geglaubte Barbarei des 20. Jahrhunderts mit den Methoden des Informationskriegs des 21. Jahrhunderts.

Und nun die Terroranschläge der Hamas am 7. Oktober. Die unmittelbare Gefahr besteht darin, dass Israel mit dem Einmarsch in den Gazastreifen einen regionalen Krieg auslöst, bei dem die iranischen Stellvertreter im Libanon, im Jemen und im Irak ihre Angriffe koordinieren. Dahinter lauert die viel bedeutendere strategische Gefahr, dass die Macht der USA im Nahen Osten in sich zusammenbricht.

Die aktuellen Analysen belegen bei jedem der jüngsten traumatischen Ereignisse das Versagen der USA. Trumps Friedensabkommen mit den Taliban ist gescheitert, und Joe Biden hat es nicht geschafft, dies rückgängig zu machen. Biden ist es auch nicht gelungen, die russische Aggression gegen die Ukraine zu verhindern. Aktuell drohen die USA im Nahen Osten zu scheitern. In jener Region, in die sie seit dem Rückzug aus Vietnam ihre Macht projiziert haben. Der Einfluss in den wichtigen Hauptstädten ist nur noch minimal, der Ruf der USA auf den Straßen Arabiens ist ramponiert.

Krieg in Gaza: Was wir durchleben, ist ein Prozess des Zerfalls

Wenn nun massive Seestreitkräfte im östlichen Mittelmeer kreuzen, sollen sie den Iran und seine Verbündeten von einer Eskalation abhalten. Und sie sollen den Verbündeten in Gewissheit wiegen, dass die grundlegende Sicherheitsarchitektur aus Militärbasen, Abhörposten und schäbigen Abkommen mit Autokraten Bestand haben wird.

Doch wird sie das? In den dunkelsten Fantasien des islamistischen Extremismus ist auf einmal etwas vorstellbar, was der Westen für undenkbar gehalten hatte: dass Israel unterliegt und in den USA der Kampfeswille für Israel schwindet.

Was wir durchleben, ist ein Prozess des Zerfalls. Ich beobachte dies schon länger. Im Februar 2022 erlebte ich in einem Seminar, wie sich die Annahmen berühmter Russland-Expertenteams in Luft auflösten. Ich erinnere mich an Ökonominnen und Ökonomen, an Beamtinnen und Beamte, mit denen ich während der Finanzkrise zusammengearbeitet habe. Letztlich erweisen sie sich als Fachleute für das, was Stefan Zweig „die Welt von gestern“ genannt hat.

Über alle Disziplinen hinweg tobt ein Wettstreit um die richtige Einordnung. Nur wenn wir die Gesamtheit der miteinander verflochtenen Krisen exakt erfassen, können wir die passenden Maßnahmen entwickeln, um das zu verteidigen, was unbedingt verteidigt werden muss.

Paul Mason.

In den internationalen Beziehungen sind wir in einer fruchtlosen Debatte gefangen zwischen Realismus und Idealismus. Aber es ist noch nicht einmal eine Debatte, es ist die ritualisierte gegenseitige Bekräftigung unvereinbarer Prämissen.

Um voranzukommen, schlägt Benjamin Tallis von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik einen „Neo-Idealismus“ vor – die Wiederbelebung der humanitären und universalistischen Prinzipien, die den UN und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zugrunde liegt - nur diesmal ohne Kompromisse mit den Diktaturen auf „unserer Seite“ der Weltpolitik. Er zitiert Führungspersönlichkeiten wie Katja Kallas, Sanna Marin und Wolodymyr Selenskyj, die diesen Geist verkörpern. Und er beklagt die anhaltende Duldung der russischen Macht durch Scholz und Macron.

Auf die Frage, wie ich mich in dieser Debatte einordne, antworte ich: „Ich bin ein Idealist in einer realistischen Welt.“ Das heißt, ich möchte eine regelbasierte globale Ordnung, ein universelles Konzept der Menschenrechte und ein Völkerrecht, das den einzelnen Menschen und nicht den Staat in den Mittelpunkt stellt. Dabei weiß ich, dass sich die bestehende Ordnung längst auflöst.

Die Weltwirtschaft deglobalisiert sich in rivalisierende Sphären

Es gibt, um eine Metapher von Karl Marx zu gebrauchen, einen rechtlichen und geopolitischen Überbau, der nicht mehr von der darunterliegenden Struktur getragen werden kann, die zerbrochen ist. Die Weltwirtschaft deglobalisiert sich in rivalisierende Sphären, Russland und China haben einen Systemwettbewerb gegen den Westen gestartet und rekrutieren erfolgreich Oligarchien wie gescheiterte Demokratien für ihr Projekt.

Selbstverständlich müssen wir ein Nachhutgefecht führen, um globale Institutionen zu erhalten – vom UN-Hilfswerk für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten UNWRA bis zum Internationalen Strafgerichtshof. Aber gleichzeitig müssen wir erkennen, dass ihr Auflösungsprozess in vollem Gang ist.

Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet nicht: „Wie halten wir die alte Weltordnung aufrecht?“ Wir sollten vielmehr aufgreifen, was John Maynard Keynes und sein US-Kollege Harry Dexter White 1943 gefragt haben: Wie soll die Welt aussehen, wenn wir gewinnen. Und mit „wir“ sind alle Völker der Welt gemeint, nicht nur der Westen.

Ich wünsche mir weder die Rückkehr zur „unipolaren Welt“ mit US-amerikanischer Vormacht noch einen Multilateralismus, der mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Armut und der Gewalt von Diktaturen belässt. Die humanistischen Traditionen Chinas, Indiens, Afrikas und Lateinamerikas werden ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Gestaltung haben.

Eine wichtige Lektion, die wir dafür aus dem Ordnungsprozess nach 1945 für heute lernen sollten, ist diese: Den zu verteidigenden Gesetzen und Institutionen ging eine intellektuelle Anstrengung voraus, die Jahrzehnte dauerte und fundamentale Innovationen erforderte.

Paul Mason ist Autor in London.

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