Russland und Nordkorea

Waffendeal: Was handelt Putin mit Kim aus?

+
Kim Jong-un hofft, von Russlands Bedarf nach Munition profitieren zu können.
  • schließen

Russland will von Nordkorea Militärgüter – und könnte dafür im Gegenzug Sanktionen fallen lassen.

Alexander Sladkow, Kriegsberichterstatter des russischen Staatsfernsehens, prophezeite schon im März – nicht ernst gemeint – den Masseneinsatz nordkoreanischer Soldaten in der Ukraine. „50 000 Mann regulärer Spezialeinheiten stehen bereit“, zitierte er einen russischen Koreakriegsveteranen. „Auch China muss Nordkorea sein Einverständnis für die Gründung einer Söldnerfirma mit 500 000 Mitarbeitern geben, die sich bei uns an die Arbeit machen könnten“, witzelte er in seinem Videoblog.

Gestern traf der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un in seinem Panzerzug in der russischen Fernostregion Primorje ein. Wladimir Putin, der zurzeit in der Gebietshauptstadt Wladiwostok weilt, wird ihn laut Pressesprecher Dmitrij Peskow zu Gesprächen empfangen. Ort und Zeit hielt man gestern noch geheim. Wahrscheinlich treffen sich Kim und Putin heute.

Und Sladkows März-Sprüche sind in der kriegspatriotischen Öffentlichkeit wieder groß in Mode. Für Moskau geht es bei Kims Besuch um Waffen, aber auch darum, beim heimischen Publikum möglichst viel Propagandalärm zu erzeugen.

Kim-Besuch: Vier-Augen-Gespräch mit Putin

Laut Bloomberg wird Kim Jong-un bei seiner zweiten Visite in Russland nach 2019 von hohen Militärs begleitet. Peskow sagte, es werde ein Vier-Augen-Gespräch der beiden Staatschefs geben, Verhandlungen in Anwesenheit der Delegationen und ein feierliches Gastmahl. Inhaltlich gehe es um bilaterale Zusammenarbeit, die Lage in der Region und internationale Fragen. Zu möglichen Waffengeschäften schwieg der Kremlsprecher. Aber auf die Frage nach den von Russland bisher mitgetragenen UN-Sanktionen gegen Nordkorea erklärte er, man sei bereit, dieses Thema mit „unseren nordkoreanischen Genossen“ zu diskutieren.

Nach Einschätzung der „New York Times“ ist Russland an nordkoreanischen Artilleriegeschossen und Raketen interessiert, die seine Streitkräfte in der Ukraine einsetzen könnten, um sich der Gegenangriffe des Feindes zu erwehren. Laut Bloomberg handelt es sich vor allem um Munition sowjetischer Kaliber sowie ungelenkte Kurzstreckenraketen. Westliche Experten bezweifeln, dass die zum Großteil veralteten Geschosse der Nordkoreaner die Lage an der Front wesentlich verändern könnten. Aber sie würden Putin helfen, seine Zeitspiel-Strategie gegen die Ukraine fortzusetzen. Schon vergangenes Jahr dementierte Pjöngjang Vorwürfe der USA, es verkaufe Granaten und Raketen an Russland.

Kim-Besuch: Womöglich würde Russland veraltete Rüstung kaufen

Einige russische Experten verweisen trotzdem auf die technische Rückständigkeit des potenziellen Lieferanten sowie auf mangelnden Bedarf. „Und wozu brauchen wir nordkoreanische Soldaten?“, zitiert das Portal Bisnes Online den Ostasien Experten Konstantin Asmolow. Deren Einsatz würde eine Menge logistischer Probleme schaffen und in der vaterländischen Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, Russland brauche fremde Hilfe.

Moskauer Medien spekulieren derweil, ob der devisen-klamme Kim statt Soldaten Arbeitskräfte an Russland, dem es daran chronisch mangelt, ausleihen könnte. Gebraucht werden sie etwa für Bauprojekte im besetzten Teil der Ukraine. Laut BBC hat das russische Ministerium für Industrie und Handel vor einer Woche in einem Rundbrief an über 90 Betriebe ihren möglichen Bedarf an koreanischen Arbeitern nachgefragt, das Schreiben aber einen Tag später widerrufen. Die UN verbieten ihren Mitgliedsstaaten die Ausnutzung koreanischer Leiharbeiter, Russland selbst stimmte 2017 einer entsprechenden Resolution zu.

Jetzt aber steht auch zur Debatte, wie Russland Kim seine Hilfe entgelten könnte. UN-Sanktionen verbieten umfangreiche Öllieferungen an Nordkorea, ebenso die Bereitstellung von Kriegstechnik. Laut „New York Times“ ist Pjöngjang aber vor allem an russischer Hochtechnologie für Satelliten- und Atom-U-Boote interessiert.

Kim-Besuch: Nordkorea könnte Lebensmittel und moderne Militärtechnik wünschen

Zahlreiche russische Kommentatoren halten den massiven Ausbau der Militärkooperation für ausgemachte Sache. „Wenn Kim nach Russland kommt, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Aufhebung der Sanktionen gegen Nordkorea erklären“, schreibt der kremlnahe Politologe Sergej Markow auf Telegram. Das eröffne die Möglichkeit für Munitionslieferungen aus und den Export von Lebensmitteln sowie Kriegstechnik nach Nordkorea.

Andere, wie Alexej Makarkin, halten einen offenen Ausstieg aus den UN-Sanktionen gegen Nordkorea und sein geächtetes Atomwaffenprogramm für kaum möglich. „Schauen wir, wie weit Russland Kim in diesem Punkt entgegenkommt.“ Fraglich ist auch, ob alles veröffentlicht wird, was der Nordkoreaner und Putin vereinbaren. Eine Pressekonferenz ist nicht geplant.

Kommentare