Kolumne

Weniger ist nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen

+
Der Axel-Springer-Verlag sorgt mit „Bild“ immer mal wieder für Debatten.
  • schließen

ARD-Sendungen gehören nicht abgeschafft. Vielmehr sollten hochwertige und kritische Beiträge gefördert werden, um die Demokratie zu schützen. Die Kolumne.

Eigentlich solle ich mich schämen, sagen manche Leute zu mir, wenn sie auf meinem Schreibtisch die „Bild“-Zeitung liegen sehen. Ich erwidere da schon gar nichts mehr. Denn gewiss, ich werfe dem Springer-Konzern täglich 1,50 Euro in den Schlund.

Doch das hat seine guten Gründe. Denn durch das tägliche Überfliegen des Blatts tue ich das, was einst der hehre Grundsatz der meisten angehenden Lokaljournalistinnen und -journalisten war: dem Volke aufs Maul schauen.

Das ist nicht despektierlich gemeint, denn der Satz stammt ursprünglich von Martin Luther, und zu dessen Zeit war Maul ein gebräuchlicher Ausdruck für Mund. Was er damit meinte, ist klar. Hören, was die normalen Leute sagen. Doch wer ist das?

Zu Zeiten Luthers waren das Bäuerinnen und Bauern, Tagelöhner und kleine Handwerker. Also alle außer Geistlichen, Gelehrten und dem Adel. Aber wer ist das heute? Und wie macht man das jetzt, dem Volke aufs Maul schauen? „Bild“ lesen?

Das stimmt nicht mehr so ganz. Denn „das Volk“ bedient sich längst nicht mehr dieses Blatts, um seine Meinung bestätigt zu sehen. Das Volk mault mittlerweile im Netz umher. Es wühlt in den Untiefen des Internets und sucht und findet dort Seiten, mit deren Botschaften es sich politisch und gesellschaftlich einverstanden erklärt. „Bild“ bietet da – wenn überhaupt – nur noch eine grobe Orientierung.

Gewiss, dies alles ist fürchterlich pauschalisiert und am Ende gar elitär. Einen Kern Wahrheit jedoch beinhalten diese Thesen, zumindest was das Fünftel der Gesellschaft betrifft, das die potenzielle Wählerschaft der AfD bildet.

Dort ist man größtenteils der Ansicht, seriöse Zeitschriften und Zeitungen seien vom Staat gelenkt, und die Anstalten der ARD gehörten allesamt abgeschafft – mitsamt dem monatlichen Rundfunkbeitrag. Klar, dass sich „Bild“ in diesem Meinungsbild wälzt wie die Wildsau in der Suhle. Verdient doch der Springer-Konzern schon jetzt gutes Geld mit privaten Sendern und sieht zudem in diesem Bereich ein Zukunftspotenzial. Also springt man seit Jahren voller Wonne auf den Zug des ARD-Bashings, zumal man in diesem Umfeld vor allem für „Bild“ eine mögliche Leserschaft vermutet.

Logisch, dass man dieser Tage vor Freude jodelt. Stehen doch gewaltige Änderungen bei der ARD an. „Deutschland braucht einen vernünftig aufgestellten öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, kommentierte „Bild“, „den die Zuschauer und Zuhörer akzeptieren und dem sie vertrauen können.“ Und Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer erklärte: „Die Menschen haben zu Recht die Erwartung, dass Reformen stattfinden“.

Doch wer sind sie, „die Menschen“? Die 30 Prozent, die in Sachsen die AfD wählten? Der Mob, der auf den Straßen „Lügenpresse“ brüllt? Und überhaupt: Was und wen will man mit einer „Reform“ der ARD erreichen? Anhängerinnen und Anhänger der AfD heim ins Reich holen?

In Wahrheit handelt es sich um einen Kniefall der demokratischen Parteien vor dem nationalistischen Ungeist. Denn gerade jetzt bräuchte es eine Stärkung des bestehenden ARD-Konzepts. Eine Förderung hochwertiger und kritischer Sendungen in den Bereichen Politik und Kultur. Das wäre die Reform. Aber nicht deren Abschaffung oder Zusammenlegung. Denn hier lauert die wahre Gefahr für unsere Demokratie.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Kommentare