VonJohannes Dieterichschließen
Ukraine-Krieg: An diesem Donnerstag wird sich der neue Russland-Afrika-Gipfel als Gradmesser für Putins Isolation nutzen lassen. Afrikas Regierungen befinden über den Kremlherrn.
Das wichtigste Resultat des Russisch-Afrikanischen Gipfels wird bereits in der ersten Minute des Massenauftriebs feststehen: Wenn die afrikanischen Staatsspitzen am Donnerstagmorgen im Expo-Forum von Sankt Petersburg ihre Plätze einnehmen. Über Erfolg oder Misserfolg der Veranstaltung wird – zumindest für die Gastgeber – die Zahl der aus dem Süden angereisten Präsidenten entscheiden. Denn davon hängt ab, ob Wladimir Putin seine vom Westen betriebene Isolation abtun kann; oder ob er doch, abgesehen von einigen Co-Parias, alleine dasteht.
Kurz vor der Eröffnung des zweitägigen Gipfels sah es noch unentschieden aus. Der Kreml prahlt mit der Teilnahme von 49 der 54 afrikanischen Staaten – allerdings sind die meisten höchstens mit einer Delegation nicht aber mit der Nummer eins vertreten. Nur 16 Präsidenten bestätigten ihr Kommen im Voraus. Vor vier Jahren waren zum ersten derartigen Gipfeltreffen 43 Staats- und Regierungsspitzen in den russischen Kurort Sotschi angereist: Davon fehlen 60 Prozent in diesem Jahr. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hat den Westen für den Schwund verantwortlich gemacht: Vor allem die USA hätten enormen Druck auf Afrikas Staatsspitzen ausgeübt, der russischen Veranstaltung fern zu bleiben.
Schwerer als die Frage nach den freien Stühlen ist das Rätsel zu beantworten, warum überhaupt ein afrikanischer Präsident den weiten Weg gen Norden auf sich nimmt. In Angelegenheiten des Handels ist Russland vernachlässigbar: Nicht einmal 2,5 Prozent der afrikanischen Ein- und Verkäufe wird mit Russland abgewickelt. Afrika importiert sieben Mal mehr aus Russland als es ausführt – und zwar vor allem Waffen. Putins Reich ist für Afrikas Staatschefs vor allem in Sachen Sicherheit wichtig – und vor allem für jene Staatschefs, die wie die Militärdiktatoren in Mali, Burkina Faso oder dem Sudan um ihre Sicherheit bangen müssen.
Bereits seit einigen Jahren bietet Moskau außer Waffen auch die sie bedienenden Kämpfer an: Die Söldnertruppe Wagner, die in mindestens sechs afrikanischen Staaten tätig war oder noch ist. Die Frage, was aus den Söldnern in Afrika nach ihrer Meuterei in Russland wird, hat ihr Besitzer Jewgeni Prigoschin kürzlich so beantwortet: „Wir bereiten uns darauf vor, neue Wege zu finden und unsere Zahl in Afrika zu vergrößern.“
Keine gute Aussicht für die Bevölkerung des Kontinents: Die Wagnertruppe wird für schwere Menschenrechtsverletzungen und Massaker verantwortlich gemacht. Dass das Thema Wagner während des Gipfels zur Sprache kommt, ist eher unwahrscheinlich. Afrikas Präsidenten pflegen es totzuschweigen, obwohl das Söldnerwesen von der Afrikanischen Union (AU) ausdrücklich verboten wird. Der Petersburger Gipfel wäre eine gute Gelegenheit, das Tabu-Thema aufzugreifen und die russischen Söldner kollektiv nach Hause zu schicken. Doch dazu wird es nicht kommen, weil kein afrikanischer Staatschef einem Kollegen in die Suppe spucken will.
Zur Sprache gebracht soll dagegen der vor wenigen Tagen von Putin gekündigte Schwarzmeer-Getreide-Deal werden. In dieser Sache sah sich ausnahmsweise sogar die AU zu einer Verurteilung gezwungen: In den vergangenen zwölf Monaten hatten mehr als 30 Millionen Tonnen ukrainisches Getreide für Erleichterung auf den angespannten afrikanischen Märkten gesorgt. Dort waren nach Putins Blockade der ukrainischen Schwarzmeer-Häfen die Preise in die Höhe geschossen. Putin-Berater Juri Uschakow kündigte eine „bedeutende Stellungnahme“ seines Chefs während des Gipfels an: Vermutlich wird er die Lieferung russischen Getreides nach Afrika ankündigen; die Rede ist von zehn Millionen Tonnen Getreide, die zu einem günstigen Preis abgegeben oder sogar verschenkt werden sollen. Ein glänzender PR-Coup.
Viel mehr können Afrikas Gipfelstürmer nicht erwarten. Letztes Mal in Sotschi wurde etwa eine Verdoppelung des Handelsvolumens in den nächsten fünf Jahren beschlossen. Passiert ist danach nichts – der Handel nahm sogar ab.
