VonStefan Schollschließen
Die blinde Moskauerin Oksana und ihre sehende Freundin Ljubow protestieren in Russland für das Recht, ohne Angst zu leben. Sie riskieren Festnahmen, Bußgeld und Schlimmeres.
Scharrende Schritte und die Stimmen der vorübergehenden Menschen, summende Pkw-Motoren, irgendwo hämmert eine verspätete Baustelle. Der letzte warme Atem des Moskauer Tages und das Licht des Sonnenuntergangs. Dann rumpelt die Trambahnlinie 3 heran, bremst in der Kurve quietschend, laut und lange. Neue Menschentrauben eilen vorbei. Oksana steht mitten drin im Feierabendtrubel an der Metrostation Tschistyje Prudy und ist doch sehr allein. Eine junge Frau mit einem großen Pappschild: „Es gibt kein größeres Verbrechen als den Mord der Seele. Stoppt die Strafpsychiatrie!“ Ihr grauroter Blindenstock fällt kaum auf, die Lider ihrer honigbraunen Augen sind gesenkt, als lausche sie nach innen. Aber Oksana Ossadtschaja, 27, ist hochkonzentriert: „Ich versuche alle Geräusche und Bewegungen wahrzunehmen, vor allem, ob sich jemand nähert.“ Jemand, der sie fragt, was „Strafpsychiatrie“ bedeutet. Oder der sie festnimmt.
Oksana ist aus Sicht vieler Menschen in Moskau eine Ungeheuerlichkeit: Sie steht vor dem Denkmal des Dichters Alexander Gribojedow auf der Straße und hält ein Schild hoch, um zu zeigen, dass sie dagegen ist. Nicht nur gegen psychiatrische Zwangsbehandlung für Oppositionelle. Sondern gegen Putin-Russland überhaupt.
Einzelmahnwachen sind der letzte Rest der politischen Versammlungsfreiheit hier. Auf die Straße gehen darf man praktisch nur noch für Wladimir Putin, alle Friedensdemos seit Februar 2022 räumte die Einsatzpolizei mit Wucht ab. Auch die Einzelmahnwachen werden immer mehr zur Mutprobe, dahinter lauern Festnahme, Verhör, Bußgeld oder gar Gefängnis.
„Uns haben vor Angst die Knie gezittert“, erzählt Ljubow Lukaschenko, Oksanas beste Freundin. Am 17. Februar, am Tag nach Aleksej Nawalnyjs Tod, versammelten sich Dutzende Menschen zur „Trauerwand“, einem Denkmal für die Opfer der Sowjetrepressalien. Auf Oksanas Plakat stand „Putin ist Nawalnyjs Mörder“, auf Ljubows nur ein Wort mit rot triefenden Buchstaben: „Mörder“. Dann wurde ein Nachbar nach dem anderen weggezerrt. „Nur wir nicht. Aber die Polizei hat uns fotografiert“, erzählt die 29-jährige Ljubow, eine lebhafte junge Frau mit klugen Augen, während sie am Gribojedew-Denkmal neben mir auf einer Steinbank sitzt. Nach dem Protest an der Trauerwand belagerte die Polizei ihre Wohnung eine Woche lang, um ihr die Vorladung auszuhändigen, 10 000 Rubel, umgerechnet gut 100 Euro Strafe.
Oksana, Französischlehrerin, und Ljubow, Philologin, sind Protestpartnerinnen: Ljubow malt Plakate, Oksana stellt sich damit auf, Ljubow fotografiert. Seit Februar 2022 taten sich das dutzende Male. Beide wurden dreimal zu Bußgeldern verurteilt.
Im August 2023 standen sie tolldreist mit einem Plakat mit der Aufschrift „1,5 Jahre sinnloser und schändlicher Krieg“ vor dem Marschall-Schukow-Denkmal an der Kremlmauer. Nach wenigen Minuten wurden sie festgenommen, wegen „Diskreditierung der Armee“ zu Geldstrafen verurteilt, Oksana kam als Invalidin der ersten Gruppe mit 45 000 Rubeln (umgerechnet etwa 450 Euro) davon, Ljubow mit 50 000 Rubeln (etwa 500 Euro), für sie drei Monatsgehälter. Aber im Wiederholungsfall drohen bis zu sieben Jahren Gefängnis.
„Ich mag außergewöhnliche Menschen“, sagt Ljubow über Oksana. „Sie hat so etwas Gesegnetes. Im positiven Sinn.“ Oksana spielt Theater, hat an der Uni die Blindenschrift Braille für altrussische Buchstaben umgeschrieben, bei der Bergsteiger-WM für Blinde geklettert, im Januar als Freiwillige im Wahlkampfstab des Oppositionspolitikers Boris Nadeschdin gearbeitet. Sie lebt leidenschaftlich und neugierig.
Alexander Filippow, unser Fotograf, setzt sich dazu und schweigt. Hinterher sagt er, er habe kein gutes Gefühl gehabt. Inzwischen sei es sicherer, solche Aktionen aus dem Hintergrund zu fotografieren, mit dem Handy.
Währenddessen steht Oksana weiter vor dem Fünf-Meter-Gribojedow, selbst ein Denkmal der Stille und Friedfertigkeit. Die Menschen um sie herum ignorieren sie oder streifen ihr Plakat mit dem Blick, bevor sie den Kopf wegdrehen, manche gehen schneller. Über einige Gesichter zieht ein Schatten der Scham.
„Global ändern Mahnwachen nichts“, sagt Oksana. „Aber sie können Leute dazu bringen, nachzudenken. Oder zu spüren, dass sie nicht allein sind.“ Eine Frau kommt zu ihr, sie reden, die Frau nimmt ihre rote Handtasche über die Schulter und umarmt Oksana.
Russische Angst trifft russischen Mut, die Gefühle verwirren sich. Einmal, auf dem Arbat, sagte ein Passant zu Oksana, hoffentlich werde sie abgeführt. Aber dann kam er zurück und bot ihr etwas zu essen an.
Nach 40 Minuten des Protests schlendern zwei dunkelblaue Uniformen heran. Zeit, zu verschwinden. Ljubow ruft Oksana, die kommt zur Bank, aber die Polizei ist schon da. Ein schweigsamer Jüngling und eine kleine, streng schauende Frau mit kastanienbraunem Haardutt unter der Schirmmütze. „Tourist Police“ steht auf ihren kurzen Hemdsärmeln, an den Gürteln hängen Pistolen, Handschellen und Gummiknüppel. „Einen ziemlich unerwarteten Platz haben sie gewählt“, sagt die Polizistin zu Oksana. „Warum unerwartet?“, Oksanas helle Stimme klingt sachlich. Normalerweise fänden Einzelmahnwachen an der Manege oder auf dem Puschkinplatz statt, antwortet die Ordnungshüterin. „Am Puschkinplatz wird man sofort festgenommen“, retourniert Oksana.
Die Polizistin fängt an zu telefonieren, ihr Kollege baut sich vor der Sitzbank auf. Aber da ist Ljubow schon leise weggegangen. Wie verabredet. Sie habe Angst um ihre Freundin, hat Oksana vorher gesagt, ihr drohen als nicht behinderter „Wiederholungstäterin“ bis zu 15 Tage Haft.
Oksanas Blindheit bestimmt die Arbeitsteilung mit. Sie riskiert als „Invalidin erster Klasse“ weniger harte Strafen. Und viele Polizist:innen schrecken vor Scherereien mit blinden Menschen zurück.
„Häufig schlagen sie dir vor, die Straßenseite zu wechseln, dort sei nicht mehr ihr Revier“, erzählt Oksanas Mann Walerij bei einem Weizenbier. Walerij, 29, selbst blind, war Aktivist des Nawalnyj-Stabs in Samara, organisierte dort jahrelang Proteste. Aber in der vergleichsweise liberalen Provinzstadt landete er kein einziges Mal auf der Polizeiwache. Festgenommen und mit 10 000 Rubeln (100 Euro) abgestraft wurde er erst bei einer Einzelmahnwache auf dem Roten Platz in Moskau.
Der studierte Jurist arbeitet als Masseur in der Moskauer Vorstadt Ramenskoje, wo das Ehepaar jetzt lebt. Heute ist er nicht dabei, Walerij steht jetzt keine Mahnwachen. Er sei sich nicht sicher, ob man damit wirklich noch viel verändere. „Außerdem“, sagt er lächelnd, „ist mit unserer Polizei nicht zu spaßen“.
Allen früheren Nawalnyj-Unterstützer:innen droht jetzt wegen Teilnahme an einer extremistischen Organisation Gefängnis. Walerij auch. Zwar ist Haft für Blinde gesetzeswidrig, aber in der russischen Praxis landen sie immer wieder hinter Gittern.
Die Polizistin interessiert sich jetzt für Alexander, den Fotografen. „Sind sie Blogger?“, fragt sie. „Und, war Ihre Aktion erfolgreich?“ Sie hat ihn wohl als Hauptschuldigen ausgewählt. Ich dagegen scheine ihr mit meinem guttural-germanischen Akzent nicht ganz geheuer zu sein.
Weiter bummeln die Menschen vorbei, noch immer übersehen die meisten unsere kleine, eindeutig unfreiwillige Gruppe. Aber es gibt auch mitleidige Blicke. „Genossin Oberleutnant“, ruft ein offenbar Wohnungsloser von der Nebenbank mit vom Alkohol angestifteter Zivilcourage. „Sie verhaften einen blinden Menschen!“ Die Beamtin überhört ihn.
Minuten später sitzen wir zu dritt im durchaus komfortablen Heck eines Polizei-Kleinbusses. Alexander, Oksana und ich. Auch die Angst fährt mit, Angst vor den Verhören und willkürlichen Verdächtigungen auf der Polizeiwache.
Alexander ist dort schon im Winter gelandet, bei einer Aktion der Soldatenfrauen an der Kremlmauer, damals wurden fast alle männlichen Journalisten festgenommen. Jetzt schiebt er mir heimlich die Chipkarte mit seinen Fotografien zu. Oksana lächelt, sie habe keine Angst, mehr als ein Bußgeldprotokoll könne ihr nicht passieren. Sie redet mir zu: Da drinnen könne ich nichts mehr für sie tun. Ich denke an meine jüngsten Probleme mit den Behörden und daran, dass der spanische Kollege Xavier Colás, den man im März ausgewiesen hatte, vorher wegen seiner Anwesenheit bei Protestaktionen von der Polizei verwarnt worden war. Als wir vor der Basmannyj-Polizeiwache aussteigen, bleibe ich draußen, fühle mich klug, aber feige.
Hier ringen alle um Mut, haushalten mit ihm, lassen ihn fallen. Denn das Regime bekämpft Tapferkeit wie Unkraut, die Tapferen riskieren, dass ihr Leben zerstört wird. Eine Frau, die einen Lautsprecher mit der ukrainischen Nationalhymne ins Fenster stellte und dann noch Luftballons mit den falschen Farben aufsteigen ließ, landete wegen Terrorpropaganda für zwölf Jahren im Gefängnis.
Geschriebene und ungeschriebene Gesetze werden immer grausamer, ihre Zahnräder erfassen immer neue Personengruppen. Und die Zahl der Einzelmahnwachen schrumpft, wie Oksanas junger Verteidiger Anton Aptekar bestätigt. Keiner weiß, wie die nächste oder gar die übernächste Mahnwache ausgeht. Selbst Rechtsanwälte wurden schon verhaftet. „Die Augen fürchten sich“, erklärt der Jurastudent Wladimir Wassilenko, der Ljubow verteidigt, „aber die Hände arbeiten“.
Ljubow ging schon als Jugendliche 2011 zu Anti-Putin-Demos. 2018 bekam sie ein Stipendium für die Berliner Humboldt-Universität, aber nach einem halben Jahr hielt sie es fern ihrer Heimat Moskau nicht mehr aus. Sie gehe lieber ins Gefängnis als in die Emigration, sagt sie. „Niemand kann dir deine Freiheit geben, nur du selbst.“ Aber hoffentlich reiche ihre Kraft, wenn sich wirklich die Zellentür schließe.
Oksana will lieber ausreisen als hinter Gitter. Das junge, oppositionelle Moskau schwankt zwischen der großen Angst und dem Adrenalin. Oksana und Walerij ziehen sich beim Kaffeetrinken lachend an den Ohren, man will leben, man will kämpfen, sich gegenseitig Mut machen. Aber zumindest das Unterbewusstsein leidet, fürchtet sich. Viele konsumieren Alkohol oder Beruhigungsmittel, im „Open Space“, Moskaus letztem liberalen Treffpunkt, beraten Psycholog:innen kostenlos die Aktiven.
Oksana träumt nachts von Haustüren, die sich nicht vor der Polizei schließen lassen. In der Realität standen sie bereits vor ihrer Wohnung, drohten mit einem Flexschneider, wenn sie nicht aufmache. Oksana träumt auch von einem Erdbeben in der armenischen Emigration, das den Boden unter ihren Füßen wegreißt. Sie träumt, dass die Todesstrafe wiedereingeführt und ihre Schwester erschossen wird.
Zwei Stunden später stehen Oksana und Alexander wieder auf dem Bürgersteig vor dem Polizeirevier, mit einer jungen Anwältin, umringt von blutjungen Journalist:innen. Sie filmen mit ihren Handys, wie Oksana froh erzählt, am Ende habe es nicht einmal ein Protokoll gegeben. „Aber die Chefin hat mich beschimpft: Warum ich meine Behinderung so akzentuierte.“ Alle lachen. Es fühlt sich schon als Sieg an, wenn Unschuldige nur ein paar Stunden festgehalten werden.
Wenige Tage später sieht Alexander vor seiner Haustür zwei sehr verdächtig nach Zivilfahndern aussehende Männer. Am Vorabend war in Moskau ein junger Kollege als mutmaßlicher Extremist in U-Haft gelandet. Er hatte wie Alexander dem Exilsender SotaVision Bilder geliefert. Sascha zaudert nicht, fährt sofort zum Flughafen, ist jetzt in Georgien.
Oksana aber steht in einem Berufungssaal des Moskauer Stadtgerichts. Es geht um das Plakat mit der Aufschrift „Schändlicher Krieg“ an der Kremlmauer. Ljubows Berufung hat man vor ein paar Wochen abgewiesen, auch jetzt wird wieder kurzer Prozess gemacht, 21 Minuten. Eine kleine müde Richterin leiert das übliche „Urteil bleibt in Kraft“, herunter. Oksana kommt auch zu Wort, für etwa 50 Sekunden. „Wie mein Verteidiger schon gesagt hat, besitze ich das Recht, meine Meinung frei zu äußern“, Oksanas Stimme klingt kräftiger als die der Richterin. „Zum Glück steht dieses Recht ja noch in unserer Verfassung.“ Für das, was unter Putin passiere, dürfe jeder sein, „aber dann habe ich auch das Recht, dagegen zu sein“.


