VonPeter Rutkowskischließen
Wie kam es zu den verheerenden Atombomben-Abwürfen von Hiroshima und Nagasaki? Versuch einer Erklärung des Unerklärlichen.
Es ist die ewige Frage des Pazifismus. Aus den Wohngemeinschaften bewegterer Zeiten erinnert man sich vielleicht noch an das überall erhältliche Plakat mit einem anscheinend tödlich getroffenen vietnamesischen Soldaten, der anklagend seine Arme – wie Christus am Kreuz – ausbreitet und die Maschinenpistole von sich fliegen lässt. Darüber steht nur: „Why?“ Eventuell ist das Originalfoto, das scharf kontrastierten reproduziert wurde, gestellt – ein Verdacht, der auch gegen die Aufnahme des Todes einen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, fotografiert von Robert Capa, erhoben wird.
Zu perfekt, zu symbolmächtig. Aber die erschreckende, anklagende Wirkung wird nicht verfehlt.
Und auch die Bilder aus Hiroshima und Nagasaki wirken bis heute nach. Über jedes könnte man die Frage nach dem Warum platzieren. Die natürlich keine Frage ist oder höchstens eine rhetorische, da es sich ja um eine Anklage gegen den Krieg handelt. Und um das gleich vorweg mal klar zu formulieren: Die Antwort auf die rhetorische Frage lautet selbstverständlich, dass es keine auch nur hinnehmbare Rechtfertigung für einen Krieg gibt. Was nicht bedeutet, dass Menschen – heute insbesondere die in der Ukraine – sich nicht ihrer Haut erwehren dürfen.
Die USA und Russland konkurrieren bereits
Aber wie Menschen durch die Jahrtausende immer wieder eine Sinnsuche im und nach dem Krieg unternahmen – für irgendetwas muss das ganze elende Leiden gut sein –, so muss auch jede nicht Krieg führende Generation diese Frage für sich beantworten. Wenn nicht eine universell gültige, so wenigstens eine für ihre Zeit gültige. Nur in seltenen Fällen wie dem Zweiten Weltkrieg und der Opposition zu Putins Allmachtsambitionen braucht es keine Sinnsuche.
Was da zweimal Anfang August 1945 etwas mehr als 500 Meter über Japan explodierte, erfordert mehr als den Verweis darauf, dass das Ringen zwischen 1933 und 1945 sich um einen gerechten Verteidigungskrieg gegen Diktatur und Unterdrückung handelte. So gewaltig, so wirkmächtig und symbolträchtig sind die Detonationen von „Little Boy“ und „Fat Man“ bis heute.
Und das klärt schon ein Missverständnis in der historischen Bewertung der beiden Atombomben-Explosionen auf: Sie stehen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg, sie sind der schreckliche Augenblick, in dem die aus den Fugen geratene Welt eines heißen Krieges beendet wird und die festgefahrene Welt eines kalten Krieges beginnt. Weil? Die Sowjets. Und die USA.
Japan arbeitet seit vor dem Ende des Ersten Weltkrieges an der Ausweitung seines Herrschaftsbereichs in Asien. Zwischen 1932 und 1939 kommt es in Fernost zu Grenzkämpfen zwischen Sowjets und Kaiserreich, die damit enden, dass die Sowjetunion sich im Zweiten Weltkrieg für neutral gegenüber Japan erklärt.
Bis 1945: Josef Stalin will einer potenziellen US-amerikanischen Ausbreitung in Asien zuvorkommen und lässt deshalb japanische Besatzungstruppen in der Mandschurei angreifen. Die eilends aus Deutschland herangekarrten Sowjet-Armeen fegen ihre japanischen Widersacher hinweg, bereiten den Boden für den Chinesischen Bürgerkrieg, an dessen Ende Mao das Riesenreich beherrschen wird. Und einer der sowjetischen Stoßkeile treibt die Front bis zu der japanischen Kolonie Korea (seit 1910) vor, bis zum 38. Breitengrad, an dem fünf Jahre später der erste heiße Waffengang des Kalten Krieges entbrennt.
US-Präsident Harry Truman und die sehr starke China-Fraktion seines diplomatischen Korps wollen Stalin unbedingt bremsen. Die just fertig gewordene Atombombe erscheint als das Mittel, dem Mann im Kreml seine Grenzen aufzuzeigen und ein rasches Kriegsende mit Tokio zu erzwingen und allen Truppenbewegungen Einhalt zu gebieten.
Denn die Prognostiker in den Stäben der westlichen Alliierten haben nachgerechnet, was eine Invasion der japanischen Hauptinseln – die geplanten Unternehmen „Olympic“ im Oktober 1945 und „Coronet“ im März 1946 – kosten würde: bis zu vier Millionen Verwundete und Tote. Die japanischen Militärplaner gehen von eigenen Verlusten von 20 Millionen aus (in Japan sind zwei Millionen Soldaten stationiert und eine dem deutschen „Volkssturm“ ähnliche, praktisch unbewaffnete Miliz von 28 Millionen Mann), sind aber guter Dinge, dass Japan den Krieg dann gewinnen wird.
Späte Friedensfühler aus Tokio nach Moskau
Die bis Anfang August durchlittenen Kriegsmühen der westlichen Alliierten stehen denen der Sowjets in nichts nach. Aber der Westen ist müde. In Großbritannien haben die Menschen mit der ersten Labour-Regierung den Neuaufbruch im Frieden gewählt. Frankreich und die Niederlande leiden Hunger, Australien, Neuseeland und Kanada haben sich weitgehend verausgabt und die USA stehen noch unter dem Schock der grotesk brutalen Schlachten um die Inseln Okinawa und Iwo Jima.
Die größte Invasion der Weltgeschichte dort, wo der Gegner sie erwartet, weil die Insel-Geografie gar keine anderen Landungsplätze zulässt? Niemand will das, nicht einmal die am meisten säbelrasselnden US-Generäle. Mit einem Schlag – vielleicht mit zwei Schlägen – das scheinbar endlose Schlachten und Morden beenden, klingt nach einem Ausweg.
Noch besser wäre aber, wenn Japan einfach endlich kapituliert, also die Bedingungen der Konferenz von Potsdam, die am 2. August endet, annimmt und ohne Bedingungen die Waffen niederlegt. In Japan selbst gibt es mächtige Leute, die genau das wollen – so die Alliierten den Kaiser auf dem Thron lassen (was die eigentlich nicht wollen). Parallel versuchen sie, über Moskau Friedensfühler auszustrecken – was Stalin jedoch nur so lange passt, wie er seine Armeen in Deutschland braucht, um die Nazis niederzuringen. Moskau hält die japanischen Emissäre hin, ehe die im Westen siegreiche Rote Armee letztlich auch in Fernost vorrückt.
Danach muss die japanische Führung alleine über ihren Untergang entscheiden. Doch erst, nachdem die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki gefallen sind, ist das halbe Kriegskabinett in Tokio für Kapitulation. Die andere Hälfte berauscht sich weiter wahnhaft an Fantasien, dass die Samurai-Kultur den Endsieg davontragen wird. Kaiser Hirohito gibt schließlich den Ausschlag: Er wählt den Frieden.
Wie wäre diese fatale Abfolge von Entwicklungen und Ereignissen vermeidbar gewesen? Angesichts der historischen Faktenlage kann man das nur als Frage stehen lassen. Deutlich wird aber: Jenseits von suizidal aggressiver Konfrontationslust wie während der Kubakrise 1962, die wohlgemerkt zwei Weltkriegsveteranen (Kennedy und Chruschtschow) diplomatisch beilegten, war die Welt bislang nie an einem solchen Punkt, wo die gegenseitige nukleare Auslöschung als eine realistische politische Option gesehen wurde. Selbst Putins Russland, das kontinuierlich mit zumindest taktischen (also „begrenzten“) Atomschlägen droht, tut eben nur dieses: große Töne spucken, die eigentlich die eigene Kleinheit entlarven.
Heißt das, dass es keine Gefahr eines nuklearen Holocaust gibt? Leider heißt es das nicht. Der Welt fehlen heute die Veteranen an den Hebeln der Macht, die um die unmenschlichen Verheerungen eines Krieges wissen und deshalb erahnen können, was ein Einsatz nuklearer Waffen mit der vieltausendfachen Sprengkraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki bedeuten würde.
Militärisch strategisch ist die Lage eindeutig: Mit Atombomben lässt sich kein Krieg gewinnen – denn alle verlieren. Politisch ist der Einsatz der Atombombe ein Tabu, dessen Bruch zwar im Hintergrund dräut, aber mehr als Drohkulisse und Druckmittel. Seit Putin und Trump erodiert das Tabu. Denn sie wissen nicht, was sie tun. Die neue nukleare Abrüstung beginnt mit dem Ende dieser beiden.


