Kampf gegen den Westen

„Will nicht Chruschtschow sein“: Lässt Putin den Ukraine-Krieg weiter eskalieren?

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Russlands Präsident Wladimir Putin (links) könnte den Ukraine-Krieg womöglich weiter eskalieren lassen. Schließlich wolle er nicht wie Nikita Chruschtschow, einst Parteichef der Sowjetunion, sein.
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Nach dem russischen Truppen-Abzug aus Cherson scheint Wladimir Putin angezählt. Experten wollen aber wissen, dass er den Ukraine-Krieg weiter ausweiten wird.

Moskau – Im Grunde ist es wie beim Pokern: Wer seinen Einsatz erhöht und gut spielt, kann viel gewinnen – oder alles verlieren. Ob Russlands Präsident Wladimir Putin den Ukraine-Krieg, den er nicht als solchen bezeichnet, als Spiel betrachtet, ist nicht bekannt. Vielmehr spricht der Kreml-Herrscher seit der Invasion der Russen in das osteuropäische Land Ende Februar 2022 von einer „Spezial-Operation“.

Diese ist immer wieder ins Stocken geraten, zuletzt musste das russische Militär seinen Truppen aus Cherson abziehen. Für Putins Bluthund Ramsan Kadyrow wäre dies aber kein Grund zur „Kapitulation“. So sieht es wohl auch der Kreml-Herrscher selbst, der die Historie bemüht und zu verstehen gibt, welche Rolle er nicht einnehmen will.

Ukraine-Krieg: Warum Wladimir Putin nicht wie Nikita Chruschtschow einknicken würde

„Nein, ich kann mir nicht vorstellen, Chruschtschow zu sein, auf gar keinen Fall“, hieß es vom womöglich vom Sturz stehenden Wladimir Putin bei einem viel beachteten Auftritt auf einem russischen Diskussionsforum. Eine Aussage, die von den Anwesenden mit viel Gelächter bedacht wurde. Zuvor war der Kreml-Herrscher nämlich gefragt worden, ob er sich anlässlich des 60. Jahrestages der Kuba-Krise in den damaligen sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow hineinversetzen könne.

Chruschtschow hatten in den 60er-Jahren im Streit mit den USA um die Stationierung von Atomwaffen auf Kuba nach einigen Tagen verbaler Auseinandersetzungen und unter äußerster Spannungen eingelenkt. Er wäre eingeknickt, kritisierten Betrachter, die es mit der Sowjetunion hielten. Solch ein Verhalten sei von Wladimir Putin in Bezug auf den Ukraine-Krieg nicht zu erwarten, heißt es 60 Jahre später vom Historiker Timothy Naftali von der New York University. Das weiß der Kanadier auch zu begründen.

„Scheint keinen Ausweg anzustreben“: Lässt Wladimir Putin den Ukraine-Krieg weiter eskalieren?

„Im Gegensatz zu Chruschtschow hat Putin den Einsatz bei der Konfrontation erhöht, als sich sein erster Schachzug als Fehlschlag erwiesen hatte. Es wird ihm schwerer fallen, nachzugeben – und sein Gesicht zu wahren. Er scheint auch keinen Ausweg anzustreben, zumindest vorerst nicht“, schreibt Naftali in einem Beitrag für das Fachmagazin Foreign Affairs. Das sollten die USA laut dem Historiker stets im Blick behalten.

Gleichwohl räumt Naftali ein, dass sich Putin wohl verkalkuliert habe. Damit meint der Historiker das Ergebnis der US-Kongresswahlen, wo sich entgegen aller Erwartungen die Demokraten behaupten konnten. Und auch den Rückzug seines Militärs aus Cherson könne Putin seinem Volk nur „schwer verkaufen“. Dennoch hätte sich nichts an den Zielen des Kreml-Herrschers geändert. „Anders als Chruschtschow auf dem Höhepunkt der Raketenkrise scheint Putin noch nicht von der Entschlossenheit der USA und Europas überzeugt zu sein“, merkt Naftali dann auch an.

„Nato erschüttern“: Wie Wladimir Putin seinen Krieg gegen den Westen ausweiten könnte

Obendrein müsse laut Naftali auch bedacht werden, dass es in Bezug auf die Kuba-Krise unterschiedliche Wahrnehmungen in West und Ost gebe. Im Westen würde die damalige Bereitschaft zum Kompromiss und zur Verständigung gelobt. In Russland hingegen sei der Rückzieher Chruschtschows als schlichte „Demütigung“ verstanden worden. Nur zwei Jahre nach der Kuba-Krise, 1964, wurde Chruschtschow schließlich entmachtet. Sein Einlenken konnte er dem Volk nicht als „Sieg“ verkaufen. Mit Putin würde es sich anders verhalten, eine Kompromissbereitschaft sei nicht in Sicht.

Wer war Nikita Chruschtschow?

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow war von 1953 bis 1964 als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) der mächtigste Politiker der Sowjetunion. 1958 wurde der gelernte Maschinenschlosser auch Vorsitzender des Ministerrats und somit zum Regierungschef der Sowjetunion.

Außenpolitisch propagierte Chruschtschow die friedliche Koexistenz mit dem Westen. Doch war er gleichzeitig auch darum bemüht, durch Raketentechnik und Aufrüstung die globale Führung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) zu erlangen.

Durch dieses Bestreben kam es 1962 zur Kuba-Krise mit den USA, die zu eskalieren drohte. Grob heruntergebrochen konnte ein Krieg durch Geheimdiplomatie mit dem damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy aber verhindert werden.

Infolge einer Parteireform und durch seine Annäherungsversuche an die BRD verlor Chruschtschow anschließend viele seiner Anhänger. 1964 wurde er von Leonid Breschnew gestürzt, 1966 aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen. Im September 1971 verstarb Chruschtschow dann in Moskau.

Regelmäßige, aber auch unbelegte Insider-Informationen aus dem Kreml, die auf einem Blog erscheinen, decken sich mit der Einschätzung des Historikers. So soll Putin bei einer Videokonferenz gefordert haben, die „Nato zu erschüttern“, sprich zu eskalieren, da der Ukraine-Krieg militärisch für ihn längst ins Stocken geraten ist. So interpretiert es zumindest der Blogger. Zudem wurde angedeutet, dass der Kreml-Herrscher versuchen könnte, Staaten wie die Türkei und Ungarn als „Eisbrecher“ innerhalb der Nato zu nutzen. Gleichzeitig könnte Putin Gegner wie Polen oder das Baltikum durch Geheimdienste weitgehend isolieren.

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