VonJoachim Willeschließen
Der Windkraft-Ausbau geht schleppend voran und hinkt den Zielen der Bundesregierung hinterher.
Das Jahr 2023 war ein absolutes Rekordjahr für die Ökostrom-Erzeugung. Rund 57 Prozent der Elektrizität stammte aus erneuerbaren Quellen, so jüngst das Fraunhofer Institut ISE in Freiburg. Doch um das Ziel der Ampel-Bundesregierung für 2030 zu erreichen, muss noch Einiges geschehen, dann sollen nämlich 80 Prozent erreicht sein. Dabei zeigen sich große unterscheide zwischen den Energieträgern.
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Der Ausbau der Solarenergie läuft neuerdings sehr gut. Im vorigen Jahr wurde mit rund 14,1 Gigawatt (GW) ein neuer Zubau-Rekord aufgestellt; geplant hatte die Ampel neun Gigawatt. Bei der Windkraft an Land hingegen wurde der von der Regierung abgesteckte Ausbaupfad trotz Verbesserungen nicht erreicht. Der Windkraft-Zubau hat nach jetzt vorgelegten Zahlen gegenüber den Jahren der Großen Koalition, in denen hier zuletzt eine extreme Flaute herrschte, deutlich zugelegt.
2023 wurden so an Land 745 Windkraft-Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 3,6 GW errichtet. 2021 waren es nur 1,9 und 2022, als die Ampel gerade erst gestartet war, 2,4 MW gewesen. Der Zuwachs lag 2023 also immerhin rund 50 Prozent über dem des Vorjahres. Die Daten stammen vom Bundesverband Windenergie (BWE) und von dem für den Anlagenbau zuständigen Verband VDMA.
Windkraft ist wichtigster Energieträger
Insgesamt gab es Ende des letzten Jahres knapp 29 000 Windräder an Land mit einer Gesamtleistung von 61 Gigawatt. Sie lieferten rund 26,6 Prozent des bundesweit erzeugten Stroms und waren damit der wichtigste Energieträger, vor Kohle (26 Prozent) und Solar (12). Trotz des Aufwärtstrends blieb 2023 die Lücke zum Ampel-Plan groß. Netto, also nach Abzug abgebauter Altanlagen, kamen rund drei Gigawatt hinzu, die Vorgabe 2lautete allerdings 4,3 GW. Auch in diesem Jahr dürfte der Ausbaupfad nicht erreicht werden. Der Ampel-Plan sieht einen Zuwachs von rund acht auf dann 69 GW vor, die Verbände aber rechnen nur mit 3,6 bis 4,2 GW, also kaum mehr als im vorigen Jahr.
BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek lobte zwar die „Spitzenwerte bei den Neugenehmigungen“ anno 2023, sage aber auch: „Wir haben eine deutliche Lücke zu dem politischen Ziel.“ Ins gleiche Horn blies der Geschäftsführer von VDMA Power Systems, Dennis Rendschmidt. Es müsse schnellere Genehmigungen, mehr Flächenausweisungen und den Abbau von Hürden bei Realisierung der Anlagen geben. Große Probleme gibt es laut den Verbänden weiterhin bei den Genehmigungen für den Transport der Komponenten für die immer größer werdenden Windräder müssten immer noch drei bis vier Monate auf sie warten, während sie in anderen Ländern, etwa den Niederlanden, in zwei Wochen zu haben seien.
Die aktuellen Zahlen zeigen auch, dass der Windkraftausbau bundesweit weiterhin in einem Nord-Süd-Gefälle verläuft. So wurde alleine in Schleswig-Holstein gut ein Drittel der neuen Anlagen aufgestellt, im Ranking folgen Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Besonders gering war die zugebaute Leistung in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen. Heidebroek sagte dazu, der Süden müsse endlich „aufwachen“ und handeln. Insbesondere in Bayern mangele es bisher am politischen Willen.
Die Umweltorganisationen WWF und DUH legten unterdessen eine Analyse vor, wonach das von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) formulierte Ziel für den Windenergieausbau verfehlt werden dürfte. Scholz hatte gesagt, bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode sollten pro Tag vier bis fünf Windenergieanlagen errichtet werden. Laut der Prognose ist aber nur ein Zubau von im Schnitt 2,8 Anlagen pro Tag möglich – und bestenfalls von 3,3. Die Hochrechnung bezieht sich auf die maximal möglichen Ausschreibungen für Windräder von Sommer 2023 bis 2025 sowie auf die durchschnittliche Realisierungsdauer.
Die Organisationen appellieren daher an Bundeskanzler Scholz, den Windenergieausbau zu priorisieren und Vorkehrungen für einen beschleunigten Ausbau zu ergreifen.
