Ukraine

„Wir bekommen eine neue Wüste“

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Die Nationalgarde bringt Menschen in isolierten Häusern in Cherson Nahrungsmittel.
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In der Ukraine werden Millionen Klimaflüchtlinge aus dem Süden des Landes erwartet. Da der Stausee Wasser verliert, droht eine Umweltkatastrophe für Europas Kornkammer.

Der Wasserspiegel fällt wieder. „Um 20 Zentimeter ist das Wasser in der Nacht gesunken“, erklärte am Freitag Oleksandr Prokudin, Chef der ukrainischen Region Cherson. Am rechten Dnjepr-Ufer stehe das Wasser im Durchschnitt bei einem Pegel von 5,38 Meter. Aber noch immer seien 3624 Häuser in 32 Ortschaften der Region Cherson überschwemmt.

Was aber schlimmer sein mag: Auch der Wasserspiegel in dem beschädigten Stausee ist weiter gefallen. Er lag gestern nach ukrainischen Angaben bei 11,74 Meter. Ein Pegel, der die Existenz von Millionen Menschen in der Südukraine bedrohen könnte.

Auf beiden Seiten des Dnjeprs, dessen linkes Ufer von russischen Truppen und dessen rechtes Ufers von der Ukraine kontrolliert wird, wurden nach dem Dammbruch des Wasserkraftwerkes Kachowka insgesamt etwa 3 200 Personen in Sicherheit gebracht, sechs Menschen kamen um, 13 werden vermisst.

Die Ukraine macht die russischen Besatzer für die Sprengung verantwortlich. „Das ist Ökozid“, schimpfte Andrej Jermak, Chef des Präsidialbüros. Die internationale Ermittlergruppe „InformNapalm“ verglich die Flutkatastrophe mit dem Einsatz einer taktischen Atombombe von fünf bis 10 Kilotonnen Sprengkraft. Und wie bei einem Atomschlag befürchten die Fachleute verheerende Langzeitfolgen.

Die Zerstörung des Wasserkraftwerks sowie der Ausfall des unteren Dnjeprs als Wasserstraße für Getreideexport-Frachter dürften noch die geringsten Schäden darstellen. Seit drei Tagen ergießen sich immer neue Wassermassen aus dem zerstörten Stausee in den Unterlauf des Dnjeprs. Die Fluten verbreiterten den Fluss an seinem niedrigeren linken Ufer um mehrere hundert Meter, überschwemmten außer Ortschaften auch Öl- und Chemielager, Müllkippen und Friedhöfe. Sie hinterlassen tausende Tierkadaver und tonnenweise verendete Fische. Außer scharfen Minen werden Umweltgifte und Krankheitskeime bis ins Schwarze Meer gespült und drohen auf dem Weg dorthin Trinkwasser und Ackerböden zu vergiften. Mediziner:innen warnen vor Cholera und anderen Epidemien.

Aber noch schlimmer dürfte sein, dass das Wasser dabei ist, aus der Region zu verschwinden. Der 1955 in Betrieb genommene Stausee war der mit einem Fassungsvermögen von 16 Kubikkilometern größte Süßwasserspeicher in der Südukraine mit ihren Steppen. Um ihn herum formierten sich neue Agrarlandschaften und ganze Städte. Nun könnte sein sandiger Grund zum Zentrum künftiger Sandstürme werden. „Wir bekommen eine neue Wüste“, fürchtet die Ökologin Ljudmila Zyganok. „Die Temperaturen in der Region steigen, es besteht das Risiko, dass die Felder in der Süd- und Zentralukraine austrocknen“. Auszutrocknen drohen auch der Nordkrimkanal zur Krim und der Kachowka-Magistralkanal, der Trinkwasser in die Städte Melitopol und Berdjansk am Ufer des Asowschen Meers brachte. Und der Dnjepr-Kriwbas-Kanal, der die 630 000-Personen-Stadt Kriwyj Rih und ihre Industriebetriebe zu 70 Prozent mit Wasser versorgte. Nach einem im Februar vom Naturschutzministerium vorgestellten Rechenmodell werden sie und insgesamt über eine Million Ukrainer:innen ohne Wasser bleiben, wenn der Pegel im Stausee unter 13,1 Meter fällt. Am Freitag lag er schon unter 12 Metern. Zyganok sagt 1,5 Millionen ukrainische Klimaflüchtlinge voraus.

Auch agrarisch steht die Region vor katastrophalen Veränderungen. Nach Angaben des exilrussischen Portals Meduza bewässerte der Kachowka-Stausee 584 000 Millionen Hektar sehr ertragreiche Agrarfläche. Das Naturschutzministerium erwartet einen Verlust von 14 Prozent der Weizenexporte, wenn der Wasserspiegel im Stausee auf unter 14,5 Meter fällt. Noch sind all diese Zahlen Prognosen und keine Erfahrungswerte. Die tatsächlichen Folgeschäden des Dammbruches werden erst in Monaten absehbar werden.

Aber optimistisch ist kaum jemand. Fachleute befürchten, dass allein in der Chersoner Landwirtschaft bis zu 200 000 Menschen ihre Arbeit verlieren. „Wir werden zum Trockenfeldbau zurückkehren müssen“, befürchtet Valentin Sidorenko, Chef der Agrarfirma „Sina“. Eine Anbaumethode, mit der auch Bauern in Afghanistan gegen chronische Dürre kämpfen.

Es bleibt abzuwarten, welche der Albtraumszenarien Realität werden. Immerhin: Der Kühlteich des AKWs Saporischschja, das sein Wasser bisher ebenfalls aus dem Dnjepr-Stausee erhielt, war trotz der Katastrophe am Freitag mit einer Wasserhöhe von 16,66 Metern gut gefüllt. Die Kühlung der seit vergangenem September ausgeschalteten Reaktoren ist nach Ansicht der Fachleute nicht gefährdet.

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