Merkur-Interview

Drogenbeauftragter Hendrik Streeck: „Politik braucht mehr Wissenschaft“

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Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrick Streeck. (Archivbild)
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Der neue Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) erklärt, warum Aufklärung so wichtig ist. Ein Interview von Leonie Hudelmaier.

Hendrik Streeck ist seit der Corona-Pandemie einer der bekanntesten Virologen Deutschlands. Seine Stelle als Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn pausiert Professor Dr. Streeck aber gerade. Berlin hat gerufen. Seit Anfang Mai sitzt der 47-Jährige für die CDU im Bundestag, seit Ende Mai ist er der neue Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. Im Interview erzählt er, wie er dieses Amt begreift und wo überall Suchtgefahren lauern.

Herr Streeck, einmal bildlich gesprochen: Wie ist es, den weißen Laborkittel gegen Anzug und Krawatte im Bundestag einzutauschen?
Das ist nicht ganz neu für mich. In den letzten fünf Jahren war ich schon sehr viel im Maschinenraum der Politik unterwegs. Ich war in verschiedenen Funktionen beratend tätig – ob im Corona-Expertenrat oder in Anhörungen. Und während der Corona-Pandemie ist mein Bedürfnis, Menschen zu helfen, auch politisch geworden.
Es ist also keine große Umstellung für Sie?
Natürlich ist es ein anderes Arbeiten, aber ich bleibe weiterhin Arzt und Wissenschaftler. Das lasse ich in meine politische Arbeit miteinfließen.

Drogenbeauftragter Hendrick Streeck: „Mehr Objektivität und weniger Ideologie“

Verstehen Sie auch so Ihr neues Amt als Drogen- und Suchtbeauftragter?
Ja, ich sehe die Rolle nicht zuallererst aus der Perspektive von Recht, Ordnung und Sitte, sondern aus der Sicht der Gesundheit. Gerade in der Politik braucht es mehr Wissenschaftlichkeit, mehr Objektivität und weniger Ideologie. In Gesundheitsfragen und im Umgang mit Drogen und Sucht ist es wichtig, dass wir analytischer werden und die Emotion aus der Debatte herausnehmen.
Was bedeutet das konkret für Ihr Handeln?
Ich will Menschen helfen, indem ich auf der einen Seite darauf aufmerksam mache, wo Gefahren lauern, und auf der anderen Seite aufkläre.
Gerade die Mediensucht von Kindern wird immer brisanter.
Seit der Corona-Pandemie sehen wir einen starken Anstieg bei der digitalen Mediennutzung vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Mittlerweile hat fast jedes vierte Kind oder Jugendliche ein riskantes Medienverhalten.

Historische Momente bei der Kanzlerwahl von Friedrich Merz

NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz
Vor dem ersten Wahlgang zur Kanzlerwahl im Bundestag war die Stimmung bei der Union noch bestens. NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz. Der wirkte entspannt und lächelte. Kurz darauf kippte die Stimmung. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn
Auch beim eigentlichen Koalitionspartner der CDU herrschte vor dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag noch eine gelöste Atmosphäre. SPD-Parteichef Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn. Klingbeil soll im schwarz-roten Kabinett unter Merz den Posten des Finanzministers übernehmen. Dafür muss der CDU-Chef aber erst einmal die Kanzlerwahl gewinnen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei der Wahl des Bundeskanzlers waren auch Prominente anwesend. Auf der Besuchertribüne im Bundestag zu sehen waren unter anderem Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), Astronaut Alexander Gerst (hinten) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts). © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Da schien die Welt noch in Ordnung: Der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab im Bundestag bei der Kanzlerwahl seinen Stimmzettel ab.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Eine erste Krisenrunde? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU, Mitte) sprach kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl mit Angehörigen des Bundestagspräsidiums.  © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Dann war es so weit: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) verkündete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl. Friedrich Merz erhielt in geheimer Abstimmung 310 von 621 abgegebenen Stimmen und damit sechs weniger als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
Sie hatte sich ihren ersten wichtigen Arbeitstag als Bundestagspräsidentin sicher anders vorgestellt: Julia Klöckner leitete die Sitzung, in der das Parlament den Bundeskanzler wählen sollte. So fiel der CDU-Politikerin auch die Aufgabe zu, die Niederlage ihres Parteichefs Friedrich Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zu verkünden. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Union hatte auf ein anderes Ergebnis gehofft: Friedrich Merz (CDU) zwischen Alexander Dobrindt (CSU) und Jens Spahn (CDU).  © Michael Kappeler/dpa
Jens Spahn und Friedrich Merz
Nachdem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl verkündet hatte, unterbrach sie die Sitzung. Im Plenarsaal des Reichstags wurde es kurz hektisch. Fraktionsvorsitzender Jens Spahn kam mit Friedrich Merz und weiteren CDU-Politikern zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Danach war erst einmal Pause angesagt: „Sitzungsunterbrechung“ stand nach dem ersten Wahlgang auf einem Bildschirm im Plenarsaal im Bundestag. Die Kanzlerwahl war zunächst vertagt. © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Im ersten Wahlgang brachten CDU, CSU und SPD die Kanzlermehrheit nicht zustande. Es galt, Fragen zu klären. Der designierte Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD, Mitte) suchte dabei auch das Unions-Fraktionsbüro auf. © Michael Kappeler/dpa
Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz
Gesprochen hat Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz (CDU). In der Union wurde vermutet, dass die fehlenden Stimmen aus der SPD gekommen seien. Doch aus Klingbeils Umfeld hieß es, es gebe keine Hinweise auf Abweichler in den eigenen Reihen. Darauf deute auch das Mitgliedervotum von 85 Prozent für den Koalitionsvertrag hin. „Auf uns ist Verlass.“ © Michael Kappeler/dpa
Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour
Kurz nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl befindet sich Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour. Der ehemalige Vorsitzende der Grünen ist ebenfalls Abgeordneter des Bundestags. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Schloss Bellevue
Eigentlich sollte Friedrich Merz nach der Kanzlerwahl und als frisch gewählter Regierungschef ins Schloss Bellevue fahren, um sich dort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vereidigen zu lassen. Doch die geplante Zeremonie musste nach der überraschenden Pleite von Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zunächst verschoben werden.  © JOHN MACDOUGALL/AFP
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz, verfolgte die Niederlage ihres Mannes im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl auf der Besuchertribüne des Bundestags. Beistand erhielt sie dort von den gemeinsamen Töchtern Carola Cluesener (2.v.l.) und Constanze Merz (l.). Die Stimmung der Frauen aus der Familie Merz dürfte nach Bekanntgabe des Ergebnisses nicht die Beste gewesen sein. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Angela Merkel zu Gast im Bundestag
Das Amt, das Friedrich Merz anstrebt, hatte Angela Merkel ganze 16 Jahre inne. Als Bundeskanzlerin führte die damalige CDU-Chefin in dieser Zeit gleich mehrere Koalitionen. Einen ersten Wahlgang verlor sie bei der Kanzlerwahl genausowenig wie ihre Vorgänger. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nur Friedrich Merz gelungen. © Imago
AfD Parteichefin Alice Weidel
Selbstredend versuchte die AfD, das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl medial für sich auszuschlachten. „Herr Merz sollte direkt abtreten und es sollte der Weg geöffnet werden für Neuwahlen in unserem Land“, forderte Parteichefin Alice Weidel. Diese Forderung kommt nicht überraschend. Die AfD, die vor kurzem vom Verfassungsschutz in ihrer Gesamtheit als rechtsextremistisch eingestuft wurde, liegt in vielen aktuellen Umfragen gleichauf mit der CDU. © Christian Thiel/imago
AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland
Noch im Plenarsaal beriet sich AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland. Der ehemalige Vorsitzende der Rechtspopulisten ist der älteste Abgeordnete des Bundestags. Doch auch für ihn ist die Situation, dass ein Kanzlerkandidat wie Friedrich Merz seine Wahl im Bundestag verliert, neu. © IMAGO/Frederic Kern
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs bei der Kanzlerwahl ließ auch den 51 Jahre alten CDU-Politiker, der als enger Vertrauter von Merz gilt, zunächst ratlos zurück. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken
Beim historischen Debakel von Friedrich Merz war auch der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken, anwesend. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl sei aber nicht nur ein Niederlage für Friedrich Merz, sondern auch für seinen designierten Vizekanzler, SPD-Chef Lars Klingbeil. Er wisse nicht, wie es nach dieser „Klatsche für Merz und Klingbeil“ nun weitergehen würde. „Vielleicht war es nur ein Schuss vor den Bug“, mutmaßte Van Aken im Gespräch mit dem ZDF. Es sei aber auch denkbar, dass Merz sogar die eigene Partei nicht hinter sich habe bringen können. © IMAGO/Emmanuele Contini
Frankfurter Börse
Die politische Unsicherheit durch das Scheitern von Friedrich Merz (CDU) im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler machte sich auch an der Börse bemerkbar. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sackte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zunächst spürbar ab. Gegen 11.30 Uhr notierte der Index bei rund 22.900 Punkten und somit rund 300 Punkte niedriger als anderthalb Stunden zuvor.  © Arne Dedert/dpa
Kanzlerwahl - Pressestatement CSU
Nach dem Scheitern von CDU-Chef Friedrich Merz im ersten Durchgang der Kanzlerwahl warnte der CSU-Vorsitzende Markus Söder in einem Statement in München vor unkalkulierbaren Folgen für Deutschland und die Demokratie. Die Gefahr eines Scheiterns der neuen Regierung könne „ein Vorbote von Weimar sein, denn die Folgen sind unabsehbar“, erklärte Söder. © Sven Hoppe/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Grünen wollen Merz mit ihren Stimmen nicht zur Kanzlerschaft verhelfen. „Wir sagen ganz klar: Bündnis 90/Die Grünen werden Friedrich Merz nicht wählen“, sagte Fraktionschefin Britta Haßelmann (rechts) nach einer längeren Sitzung ihrer Fraktion im Bundestag. Co-Fraktionschefin Katharina Dröge (links) verwies darauf, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nun „Herrin des Verfahrens“ sei und einen Vorschlag unterbreiten müsse, „wie schnell es möglich ist, in einen zweiten Wahlgang einzusteigen“. © Sebastian Gollnow/dpa
Olaf Scholz bezeichnete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl als „absurd“
523354871.jpg © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Trotz seiner überraschenden Pleite im ersten Wahlgang zeigte sich Merz danach entschlossen, erneut anzutreten. Dafür soll er große Rückendeckung seiner Fraktion bekommen haben.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Noch am 6. Mai hat der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit einen zweiten Wahlgang für die Wahl des Bundeskanzlers am Nachmittag angesetzt. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies nach dem gescheiterten ersten Wahlgang gemeinsam beantragt. Nach einer kurzen Debatte machten sich die Abgeordneten auf den Weg, um ihre Stimme abgeben zu können. © Sebastian Gollnow/dpa
Kanzlerwahl
Im zweiten Anlauf wurde Merz dann doch im Bundestag zum zehnten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er erhielt in geheimer Abstimmung 325 Ja-Stimmen und damit neun mehr als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. Merz nahm die Wahl an. „Ich bedanke mich für das Vertrauen, und ich nehme die Wahl an“, sagte er auf eine entsprechende Frage von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. © Tobias Schwarrz/AFP
Kanzlerwahl
Erster Gratulant nach der Wahl war der bisherige Bundeskanzler Olaf Scholz. Jetzt steht dem Regierungswechsel ein halbes Jahr nach dem Bruch der Ampel-Koalition nichts mehr im Wege. Merz muss aber im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch die Ernennungsurkunde erhalten und ist erst dann auch rechtlich gesehen Bundeskanzler.  © Ralf Hirschberger/AFP
Kann man hier das Ruder noch herumreißen?
Es ist zuallererst wichtig, bei der Medienkompetenz anzusetzen – das haben wir auch im Koalitionsvertrag vereinbart. Denn neben der Abhängigkeit von Sozialen Medien, Spielen und Streamingdiensten gibt es im digitalen Raum weitere Probleme: Auf der einen Seite Online-Glücksspielsucht, Kauf㈠sucht, Pornosucht. Und auf der anderen Seite Inhalte wie Gewalt, Extremismus oder ungesunde Körperbilder, die zur Belastung für die Psyche werden. Die Gesellschaft braucht ein Bewusstsein für diesen digitalen Strudel.
Wäre ein Verbot von Sozialen Medien für Kinder nicht auch ein Ansatz?
Wir haben bereits geltendes Recht, die Datenschutzgrundverordnung. Demnach dürfen solche Accounts – ohne das Einverständnis der Eltern – erst ab 16 Jahren eröffnet werden. Und unter 13 geht rechtlich gar nichts. Doch die Praxis sieht anders aus. Eine neue Studie zeigt, dass bei uns selbst von den Zehn- bis Elfjährigen fast die Hälfte auf TikTok unterwegs ist. Da kann und sollte man sich schon die Frage stellen: Warum setzen wir hier geltendes Recht nicht durch? Wir müssen jetzt eine gemeinsame Linie finden. Und diese dann auch strikt umsetzen!

Drogenbeauftragter Hendrick Streeck: „Cannabisgesetz teilweise sehr widersprüchlich“

Apropos gemeinsame Linie: Die Union wollte das Cannabisgesetz komplett abschaffen. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht nur noch ein Satz dazu: „Im Herbst 2025 führen wir eine ergebnisoffene Evaluierung des Gesetzes zur Legalisierung von Cannabis durch.“ Reicht das aus Ihrer Sicht?
Als Wissenschaftler kann ich eine evidenzbasierte, wissenschaftliche Evaluation nur begrüßen. In diesem Bereich eine sinnvolle Regelung zu finden, ist sehr komplex. Bei aller Kritik am Status quo, die ich teile, die Wahrheit ist nicht nur schwarz-weiß.
Warum?
Zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland konsumieren regelmäßig Cannabis. Das ist die Realität. Für rund sieben Millionen Menschen gehört der Cannabiskonsum also inzwischen zum legalen Alltag. Jede gesetzliche Änderung greift damit unmittelbar in das Leben vieler Menschen ein – ganz unabhängig davon, wie man persönlich dazu steht. Auf der anderen Seite ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Cannabiskonsum bei Jugendlichen bis zum Alter von circa 25 Jahren zu psychiatrischen und psychotischen Problemen führen kann – zum Teil lebenslang. Lassen Sie uns daher die Evaluation abwarten.
Auf der Bühne trägt der Virologe Hendrik Streeck – hier beim Internationalen Literaturfest in Köln 2025 – noch den klassischen Laborkittel. Trotz seines Bundestagsmandats bleibt er „weiterhin Arzt und Wissenschaftler“.
Was kritisieren Sie an der Cannabis-Teillegalisierung, so wie sie jetzt ist?
Dieses Gesetz ist teilweise sehr widersprüchlich und ich befürchte, dass es manchen Anreiz zum Cannabiskonsum setzt, den wir so nicht brauchen. Dazu gehört auch, dass medizinisches Cannabis viel zu einfach online verschrieben werden kann, obwohl dabei eben nicht unbedingt klar ist, ob wirklich eine Erkrankung vorliegt oder es am Ende doch nur um Freizeitkonsum geht.
Wenn die Cannabis-Debatte wieder aufflammt, was müssen wir beachten?
Diejenigen, die schon letztes Mal ihre Bedenken geäußert haben, müssen stärker in den Fokus gerückt werden: also, Polizisten, Lehrkräfte, Eltern, aber auch Ärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater. Außerdem müssen wir genau hinschauen, ob das Gesetz wirklich für ausreichenden Schutz von Jugendlichen sorgt und parallel ausreichend für Prävention und Aufklärung getan wird.
Beim Alkohol ist man in Deutschland dagegen sehr unbesorgt. Zu lax?
Fest steht: Wir sind ein Alkoholhochkonsumland. Im internationalen Vergleich trinken wir pro Kopf überdurchschnittlich viel Alkohol. Alkohol ist aber auch Teil unserer Kultur. Genau deshalb muss man als Drogen- und Suchtbeauftragter auch realistisch sein: Wir werden nur schrittweise einen Kulturwandel und einen Bewusstseinswandel im Umgang mit Alkohol erreichen.
Wo muss die Aufklärung ansetzen?
Man muss aufzeigen, wo eigentlich das Problem beim Alkohol liegt. Dass er neben Demenz auch Krebs oder fast 200 andere Erkrankungen auslösen kann. Gleichzeitig bin ich froh, dass sich auch die Gesundheitsministerin Nina Warken dafür ausgesprochen hat, das begleitete Trinken ab 14 Jahren abzuschaffen. Alkohol wird für Jugendliche nicht besser, wenn die Eltern danebensitzen.
Für die CDU zog Streeck in den Bundestag ein.
Wären höhere Steuern für Alkohol auch ein Ansatz?
Es gibt viele Stellschrauben, an denen man drehen kann. Steuererhöhungen werden auch immer genannt, für die braucht man aber immer eine Mehrheit. Ich glaube nicht, dass man die zurzeit gewinnt.
Sie warnen vor einer drohenden Opioid-Krise in Deutschland. Drängt das Problem so sehr?
Erst mal zur Erklärung: Wir haben keine Opioid-Krise, wie wir sie zum Beispiel in den USA sehen. Ich habe dort neun Jahre gelebt und die Situation ist wirklich erschreckend. Aber wir erleben in Deutschland gerade einen deutlichen Anstieg an neuartigen synthetischen Substanzen, die über das Internet auch direkt in die Hände beispielsweise von Kindern und Jugendlichen gelangen. Dagegen müssen wir dringend etwas tun!
Wie können wir Verhältnisse wie in den USA verhindern?
Wir müssen hier vor die Welle kommen – durch Prävention, Aufklärung, aber auch Monitoring und Frühwarnungen. Also, dass wir in Echtzeit aus der Szene erfahren, welche Wirkstoffe gerade auf den Markt kommen – und das an die Rettungsdienste, Polizei und Suchthilfen melden können.
„Vor die Welle kommen“ erinnert an die Corona-Pandemie. Werden Sie in Ihrem neuen Amt wieder auf Eigenverantwortung pochen?
Das Wichtigste für mich als Arzt ist, dass Aufklärung für Wissen und eine gewisse Mündigkeit sorgt. Und ich werde mich dafür einsetzen, dass wir die Aufklärung über Sucht und Drogen verbessern. Aber ich werde nicht mit dem erhobenen Zeigefinger herumlaufen.

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