VonPatrick Mayerschließen
In einem neuen Telegram-Video teilt Jewgeni Prigoschin gegen die russische Armee-Führung aus. Und der Wagner-Chef widerspricht einer maßgeblichen Erzählung Wladimir Putins.
München/Moskau - Die Ukraine habe den Krieg mit Russland regelrecht provoziert. Es ist eine eigenwillige Erzählung von Moskau-Machthaber Wladimir Putin, um seinen völkerrechtswidrigen Angriff auf den westlichen Nachbarn zu rechtfertigen. Es ist eine Erzählung, der Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin nun öffentlich widersprochen hat. Und zwar entschieden.
Jewgeni Prigoschin: Wagner-Chef widerspricht Moskau-Machthaber Wladimir Putin
Gepaart war die Kritik des Söldner-Unternehmers mit der nächsten Attacke gegen Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow. So berichtete Prigoschin in einem Videobeitrag von immensen Verlusten der russischen Armee im Ukraine-Krieg.
„Die Ukraine und Nato wollten Russland vor dem Krieg nicht angreifen“, erklärte Prigoschin bei Telegram. Es habe vor dem 24. Februar 2022 keinerlei „verrückte Aggressionen“ vonseiten Kiews gegeben. Putin hatte in den vergangenen Monaten dagegen wiederholt behauptet, die Russische Föderation werde durch die Regierung in Kiew und durch das westliche Verteidigungsbündnis bedroht.
Prigozhin denies Russia's favorite myth that Ukraine shelled occupied parts of Donbas for eight years. He "reveals" Ukraine was not about to attack Russia by 24th February.
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) June 23, 2023
The angles of Prigozhin's attacks on Shoigu and Russian defense ministry are becoming wider and deeper.… pic.twitter.com/4Ka2sAhC7V
„Niemand hat 60 Leopard-Panzer zerstört, das ist völliger Unsinn. Auf dem Schlachtfeld (...) zieht sich die russische Armee an den Fronten von Saporischschja und Cherson zurück“, teilte er weiter mit und meinte: „Wir waschen uns in Blut. Niemand bringt Verstärkung. Was sie uns erzählen, ist eine bittere Täuschung.“
Jewgeni Prigoschin: Wagner-Chef beschuldigt Sergej Schoigu der Täuschung
Er beschuldigt Schoigu direkt, Berichte an Putin angeblich zu fälschen. Der Krieg sei nur angezettelt worden, damit sich „ein paar Kreaturen selbst feiern können“, meinte Prigoschin mit Blick auf das Verteidigungsministerium. Das alles passiere auf Kosten der „Leben von Zehntausenden unserer Jungs“.
Wir waschen uns in Blut. Niemand bringt Verstärkung. Was sie uns erzählen, ist eine bittere Täuschung.
Die Verluste - etwa durch Kamikaze-Drohnen verursacht - werden auch im Westen als hoch eingeschätzt, während die ukrainische Gegenoffensive läuft. Ungeniert teilen Soldaten beider Seiten bei Telegram und Twitter Videos, wie sie sich gegenseitig töten. So ist zum Beispiel ein Clip von einer Body-Cam im Umlauf, der zeigen soll, wie ein Kämpfer einer ukrainischen Spezialeinheit beim Sturm auf einen russischen Schützengraben vier feindliche Soldaten aus nächster Nähe erschießt. Die Aufnahmen lassen sich nicht unabhängig verifizieren, sie wirken zumindest authentisch.
NEW: Ukrainian forces continued #counteroffensive operations in at least three sectors of the front and reportedly made gains on June 22.
— ISW (@TheStudyofWar) June 23, 2023
Ukrainian forces may be intensifying efforts to strike Russian ground lines of communication (GLOCs) in southern #Ukraine.… pic.twitter.com/29UZbBtnRZ
Derweil könnte den ukrainischen Streitkräften ein erster großer Durchbruch durch die russische Hauptverteidigungslinie gelungen sein. Russische Telegram-Kanäle vermelden, dass ukrainische Soldaten bei Robotyne südlich von Orichiw in der Oblast Saporischschja „durch unsere Schützengräben“ gedrungen seien. Es ist von „heftigen Gefechten“ die Rede. Die Ukraine habe auch US-amerikanische Bradley-Panzer eingesetzt, angeblich brennen „mehrere“ ukrainische Fahrzeuge. Unabhängig verifizieren lassen sich diese Angaben nicht.
Ukraine-Gegenoffensive: Truppen Kiews rücken wohl am Kachowkaer Stausee vor
Nehmen die ukrainischen Truppen den mehr als 50 Kilometer langen Frontabschnitt zwischen Kachowkaer Stausee und Orichiw im Süden des Landes vollständig ein, könnten sie über die Fernstraße M18 auf die Kleinstadt Wassyliwka (rund 13.000 Einwohner) vorrücken. Der Ort liegt direkt am Stausee. Von hier aus verläuft die angeblich kaum gesicherte Regionalstraße P37 bis nach Enerhodar, wo sich das AKW Saporischschja befindet, das durch die Russen besetzt ist.
Laut Kartenmaterial des Institute for the Study of War (ISW) und der US-amerikanischen Denkfabrik AEI‘s Critical Threats Project sind die russischen Befestigungen bei Wassyliwka sehr stark ausgebaut. Kann die ukrainische Armee dennoch hier durchstoßen, wäre der Weg über die P37 nach Enerhodar und zum AKW frei. (pm)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Lev Borodin
