Falls Russland den Ukraine-Krieg auf Nato-Gebiet ausweitet: Ehemaliger Befehlshaber enthüllt Plan
VonNail Akkoyun
schließen
Sollte Russland im Ukraine-Krieg triumphieren, könnte das Baltikum das nächste Ziel sein. Die Exklave Kaliningrad könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.
New York/Kaliningrad – Schon seit über zwei Jahren wütet der Ukraine-Krieg, und die Befürchtung einer Ausdehnung des Konflikts auf ganz Europa wächst stetig. Es besteht die Sorge, dass Wladimir Putin, sollte Russland im Nachbarland triumphieren, einen Angriff auf das Baltikum befehlen könnte. In diesem Szenario könnte die russische Exklave Kaliningrad – einst Hauptstadt Ostpreußens – eine Schlüsselrolle einnehmen. Der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber James Stavridis ist der Ansicht, dass die Nato im Falle einer Eskalation genau hier eingreifen müsste.
Bei Angriff Russlands auf das Baltikum: Nato müsse „Kaliningrad neutralisieren“
Stavridis schreibt in einem Artikel für das US-Portal Bloomberg: „Die Nato wird die Ostsee nutzen, um Druck auf Kaliningrad auszuüben, das als geografische Trennlinie zwischen den baltischen Nato-Ländern – Estland, Lettland und Litauen – und dem Rest des Bündnisses fungiert“. Der ehemalige Marineadmiral ist sich der strategischen und militärischen Bedeutung der Exklave bewusst und betont, dass Kaliningrad „im Falle eines Krieges neutralisiert werden“ müsse.
Um zu verhindern, dass russische Bodentruppen „die Kontrolle über den kritischen Suwalki-Korridor zu übernehmen“, müsste die Nato dann eingreifen. Litauen grenzt an das mit Russland verbündete Belarus und an das russische Kaliningrad. Zwischen diesen beiden Ländern erstreckt sich ein schmaler Landkorridor von Litauen nach Westen nach Polen – die sogenannte Suwalki-Lücke. Die Exklave Kaliningrad selbst liegt direkt an der Ostsee und hat keine direkte Landverbindung nach Russland.
Russische Streitkräfte während der Feierlichkeiten zum russischen „Tag des Sieges“ am 9. Mai 2024. Die Exklave gehört seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Russland, hat allerdings keine direkte Landverbindung.
Vorteil Ostsee: Der „Nato-See“ könnte im Kriegsfall zu Putins Achillesferse werden
Die Ostsee befindet sich ohnehin mehr oder weniger vollständig unter der Kontrolle der Allianz, weshalb sie seit dem Beitritt Schwedens und Finnlands von Expertinnen und Experten auch als „Nato-See“ bezeichnet wird. Putin kontrolliert derweil weiterhin die baltischen Zufahrten nach St. Petersburg, die ironischerweise von russischen Zaren einst als „Fenster zur westlichen Welt“ gepriesen wurden, wie Stavridis hervorhebt. Ein Fenster, das Russland im Falle eines Krieges zum Verhängnis werden könnte.
Im Falle einer Eskalation müsse „die Nato ihre Ostsee nutzen, um Druck auf das winzige Kaliningrad auszuüben“. Denn dort würden sich nicht nur Russlands Ostseeflotte, sondern auch „bedeutende Luft- und Raketentruppen“ befinden.
Nato übt für den Ernstfall: Großes Militär-Manöver vor den Toren Russlands
In wenigen Wochen, vom 2. bis zum 16. Juni, wird die Nato ihre jährliche „Baltops“-Übung abhalten. Laut Nato-Angaben soll dabei erprobt werden, in der Ostsee „regionale Aggressionen abzuwehren und strategische Beziehungen zu stärken“. Auch die deutsche Marine wird daran teilnehmen. Das seit 1971 stattfindende Manöver wird fast jedes Jahr größer: Im letzten Jahr umfasste die Übung fast 50 Schiffe, 45 Flugzeuge und rund 6000 Seeleute.
Aus Moskau kommen immer wieder Stimmen, die das Nato-Aufgebot im Baltischen Meer als Provokation bezeichnen. Die Gegenseite wirft Russland vor, bereits elektronische Kriegsführung zu betreiben. Erst kürzlich kam es zu GPS-Ausfällen im Zivilflugverkehr über dem Baltikum, was zu mehreren Störungen führte. James Stavridis ist der Ansicht, dass Russland hinter diesen Angriffen steckt. Er geht davon aus, dass Putin die „cyber- und elektronische Kriegsführung“ im kommenden Monat sogar noch verstärken könnte.
Stavridis warnt davor, Putins Drohungen auf die leichte Schulter zu nehmen. „Vor drei Jahren schien die Vorstellung, dass er einen Angriff auf die Ukraine starten würde, ebenfalls unwahrscheinlich“, argumentiert der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber. „Versuchen Sie nicht, die Handlungen des Mannes im Kremls vorauszusagen.“
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses
Scholz versichert militärische Unterstützung im Ostsee-Raum: „Jeden Zentimeter verteidigen“
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat bei einem Besuch in Litauen am vergangenen Montag dem Baltikum derweil zuverlässige militärische Unterstützung zugesichert. „Deutschland steht unverrückbar an der Seite der baltischen Staaten“, betonte Scholz in Pabrade, wo er deutsche Soldaten besuchte. „Und das bedeutet, dass wir einander Schutz gewähren und dass sich alle Staaten darauf verlassen können, dass wir jeden Zentimeter ihres Territoriums verteidigen werden.“
Seit der russischen Invasion der Ukraine hat der Kanzler mehrmals das Baltikum besucht, um der Ostsee-Region öffentlich seine Solidarität zu versichern. Die Regierungen in Litauen, Estland und Lettland warnen immer wieder, dass Russland nach dem Krieg auch den Verteidigungswillen der Nato testen und innerhalb weniger Jahre die militärischen Voraussetzungen dafür schaffen könnte. (nak)