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In der Ukraine werden durch die russischen Besatzer offenbar reihenweise Kinder verschleppt. Der Leiter eines Waisenhauses erzählt von „gruseligen“ Erlebnissen.
München/Cherson – US-Präsident Joe Biden hat es gefordert. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat es wiederholt verlangt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert es unermüdlich. Die Urheber mutmaßlicher russischer Kriegsverbrechen sollen zur Rechenschaft gezogen werden.
Ukraine-Krieg: Russische Soldaten verschleppen angeblich ukrainische Kinder
Dann, wenn der Ukraine-Krieg endlich vorüber ist. Wie lange es auch noch dauern mag, während der russische Präsident Wladimir Putin in seiner Aggression reihenweise eigene Soldaten in Bachmut und dem Donbass opfert. Für Ziele, die der Moskau-Machthaber öffentlich nicht einmal mehr definieren kann. Weil es nach all den militärischen Rückschlägen zu riskant wäre, Eckpfeiler zu setzen, für deren Nicht-Erreichen er verantwortlich gemacht werden könnte?
Die russische Fußball-Nationalspielerin Nadya Karpova hat Putin in einer Instagram-Story zumindest scharf kritisiert und ihn wüst beleidigt, weil sie eigenen Aussagen zufolge die mutmaßlichen Kriegsverbrechen ihrer Landsleute am ukrainischen Volk nicht ertragen kann und zutiefst verabscheut. Zu eben diesen Kriegsverbrechen soll auch die systematische Entführung ukrainischer Kinder gehören. Das behauptet die ukrainische Regierung und spricht von 13.000 Kindern, die seit dem russischen Überfall am 24. Februar angeblich verschleppt wurden.
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Der Sender Sky hat nun Videoausschnitte veröffentlicht, die zeigen sollen, wie russische Soldaten und Agenten des Auslandsgeheimdienstes FSB Anfang April ein Waisenhaus in Cherson durchkämmen. Damals hatten die Invasionstruppen Putins die Großstadt im Süden mit rund 290.000 Einwohnern eingenommen, ehe diese im Spätherbst wieder befreit wurde.
Cherson in der Ukraine: Russische Soldaten sollen Waisenhäuser durchkämmt haben
„Wir haben russische Propagandisten gesehen, die gesagt haben, dass sie die Waisen mitnehmen müssen, um sie an militärischen Schulen zu unterweisen und sie dann für Russland kämpfen zu lassen“, erklärt in dem Sky-Beitrag der angebliche Leiter des Waisenhauses, der Wolodymyr genannt wird. Wolodymyr schildert: „Es war gruselig. So haben wir begonnen, Kinder zu verstecken, weil wir verstanden haben, dass sie sie sonst mitnehmen werden.“
Wir haben russische Propagandisten gesehen, die gesagt haben, dass sie die Waisen mitnehmen müssen.
Die russischen Einheiten hätten alle Unterlagen über die Kinder beschlagnahmt, erklärt Wolodymyr in dem Interview mit Sky weiter, „weil sie nicht herausfinden konnten, wo die Kinder waren. So haben sie Unterlagen mitgenommen. Sie haben Computer genommen. Sie haben das System zur Videoüberwachung abmontiert, weil sie wissen wollten, wohin die Kinder gegangen sind“.
Cherson: Stadtgesellschaft rettete offenbar ukrainische Waisenkinder vor russischen Besatzern
Doch: Laut dem Bericht hielt die Gesellschaft in der Oblast Cherson zusammen. So seien in vielen Familien zwei bis drei Waisenkinder untergekommen. Indes hätten die russischen Besatzer 15 Waisenkinder aus anderen Regionen in das Waisenhaus gebracht, was ein Video belegen soll, auf dem spielende Kinder zu sehen sind. Als die russischen Soldaten aus Cherson vertrieben wurden, nahmen sie besagte Waisenkinder angeblich mit, berichtet Sky.
Laut Behördenangaben wurden einzig in der Region Cherson nach dem Abzug der russischen Truppen 97 Kinder als vermisst gemeldet. 48 davon sollen aus einem anderen Waisenhaus der Stadt stammen. Ihre angebliche Lehrerin namens Oksana erzählt in dem Beitrag: „Sie wurden in ein Militärfahrzeug gesteckt und weggebracht. Da waren Soldaten mit Maschinengewehren. Natürlich waren die Kinder deshalb verängstigt. Sie wussten nicht, wo sie hingebracht werden.“
Systematische Entführung von Kindern? Schwere Vorwürfe der Ukraine gegen Russland
Eine angebliche Zeugin namens Natalya, laut Sky eine Nachbarin, schildert zu den mutmaßlichen Entführungen: „Als die Kinder rausgebracht wurden, waren hier überall bewaffnete russische Soldaten auf Fahrzeugen. Deshalb hat es niemand gefilmt.“
Die Kinder sollen erst drei, vier, fünf Jahre alt gewesen sein, erklärt sie im Interview: „Natürlich mache ich mir Sorgen um sie. Das waren kleine Kinder, es waren viele Kinder. Wir wissen nicht, wo sie sind und was mit ihnen passiert ist. Oder wo sie hingebracht wurden.“ (pm)
