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Wladimir Putin spricht nicht gerne über seine Familie. Aber er scheint sich sehr wohlwollend um Töchter und Ex-Frau zu kümmern. Und auch um deren heimliche Partner.
Moskau – Die Familie ist heilig. Offensichtlich auch für Wladimir Putin. Obwohl der Kreml-Chef, der den Ukraine-Krieg lostrat, aus seiner eigenen ein großes Geheimnis macht. Für seine beiden Töchter scheint der 70-Jährige jedenfalls nur das Beste zu wollen, ebenso für seine Ex-Frau. Das decken Recherchen von Proekt auf, einem unabhängigen russischen Medienunternehmen, das auf investigativen Journalismus spezialisiert ist.
Wie sehr Putin die Hand über die wichtigsten Frauen in seinem Leben hält, zeigen die Investigativ-Reporter in Zusammenarbeit mit der in Riga ansässigen Internetzeitung Meduza, der russischen Recherche-Plattform IStories und dem Journalisten-Netzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP). Demnach weiß Russlands mächtiger Präsident seine Töchter Maria Woronzowa und Katerina Tichonowa ebenso in seiner Nähe wie deren Mutter Ljudmila Putina, mit der er bis 2013 drei Jahrzehnte lang verheiratet war.
Putin beschenkt Schwiegersohn offenbar mit Luxushaus nahe Moskau
Im Mittelpunkt der Recherchen steht dabei Tichonowa, denn die Informationen stammen aus gehackten und dann an Journalisten weitergereichten Korrespondenzen ihres Ex-Mannes Kirill Schamalow. Dieser ist der Sohn von Putins engem Freund Nikolai Schamalow, einem mächtigen Bankier.
Tichonow und Schamalow wurden demnach am 24. Februar 2013 kirchlich getraut – also auf den Tag genau neun Jahre vor Beginn der russischen Invasion in die Ukraine. Allerdings soll diese Ehe nie registriert worden sein. So habe auch Schamalow auf einsehbaren Dokumenten immer behauptet, ledig zu sein.
Interessanterweise gilt dies demnach auch für eine Erklärung „an die zuständigen Behörden“ während eines bürokratischen Immobilienverfahrens für ein Luxushaus in Rubljowka, einer Villengegend westlich von Moskau. Bei diesem Anwesen allerdings soll es sich um ein Hochzeitsgeschenk für den Ehemann gehandelt haben. Offenbar von niemand Geringerem als dem prominenten Schwiegervater.
Putin und die Frauen: Außereheliche Beziehungen offenbar die Normalität
Außereheliche Beziehungen sind bei den Putins weit verbreitet, wie Proekt betont. Aufgezählt werden die Liaison vom Familienoberhaupt selbst mit Alina Kabajewa, die 2004 olympisches Gold in der Rhythmischen Sportgymnastik gewann und gut 30 Jahre jünger ist als Putin. Oder die demnach ebenfalls nicht registrierte Beziehung seiner ältesten Tochter Woronzowa mit dem niederländischen Unternehmer Jorrit Faassen.
Den Mitgliedern der Herrscherfamilie würden diese nicht offiziellen Partnerschaften erlauben, in einer Art „Zarendorf“ vor den Toren Moskaus zu leben. Was unter dem Deckmantel von Sicherheits- und Offshore-Regelungen funktioniere.
So kaufte den Recherchen zufolge Mitte des Jahres 2006 die erst drei Jahre zuvor auf Zypern registrierte Firma Ermira Consultants Limited ein an Putins Residenz angrenzendes Grundstück, das sich seine Töchter demnach mittlerweile teilen. Das Unternehmen nennt Proekt „den persönlichen Geldbeutel des Präsidenten“. Um seine Liebsten möglichst in seiner Nähe zu wissen, sorgte der viel beschäftigte Vater den Recherchen zufolge dafür, dass aus den Immobilien eine Mitgift zur Hochzeit wurde.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern




Villen für die Putin-Familie: Offshore-Gesellschaften aus Zypern oder Panama kaufen Grundstücke
Woronzowa ließ sich nach ihrem großen Tag also ganz in der Nähe von Putins Anwesen Nowo-Ogarjowo nieder. Offiziell aber blieb das Grundstück, dessen Wert auf 350 Millionen Rubel (heute sind das etwa vier Millionen Euro) geschätzt wird, im Besitz von Offshore-Gesellschaften.
Zwei weitere Grundstücke samt Häusern gehörten demnach Offshore-Unternehmen mit Sitz in Panama, hier liefert die unabhängige russische Zeitung The Moscow Times die Namen Topsail Commercial Development und Dorrington Commercial. Diese Grundstücke blieben bis zur Hochzeit von Tichonowa sieben Jahre lang ungenutzt, zwei Wochen vor der heimlichen Vermählung gingen sie dann in den Besitz von Schamalow über, schreibt Proekt. Womit Putins Tochter keinerlei formale Verbindung zu dem Stück Land hatte. Sicher ist sicher – dürfte sich der mächtige Kreml-Chef gedacht haben.
Video: So teuer ist Putins Sicherheit für Russland
Putin-Schwiegersohn Schamalow bekommt Villa überschrieben: Mitgift der Tochter zur heimlichen Hochzeit
Dass der seine Finger im Spiel hatte, gilt den Recherchen zufolge als sehr wahrscheinlich. Denn die gehackten Dokumente offenbaren, dass das Paar mindestens seit dem Jahr 2012 immer wieder über die Einrichtung des Hauses diskutierte. Weil dieses offenbar schon damals im Besitz der Herrscherfamilie war, auch wenn es offiziell noch einer Firma aus Panama gehörte.
Tichonowa und Schamalow waren sich offenbar für keinen Prunk zu schade. In dem Briefwechsel soll ein Kostenvoranschlag über neun Millionen Euro entdeckt worden sein. Allein ein Kronleuchter für die Küche hätte 72.000 Euro verschlungen.
Mit den Zahlungen jedoch habe es der spätere Hausbesitzer nicht so genau genommen. Die Bauleiterin Maria Schkolnikowa beschwerte sich etwa darüber, dass eine Rechnung über 900.000 Euro viele Monate lang offen blieb. Zudem erklärte sie, sie sei oft mit dem Hinweis vertröstet worden, das Geld würde noch in der gleichen Woche fließen, doch so musste sie auch Summen für Subunternehmen vorstrecken.
Neuer Partner von Putin-Ex: Auch Otscheretnyj darf sich eine Villa aussuchen
Auch das zweite Haus, das die Offshore-Firma aus Panama in dieser Straße kaufte, wurde offiziell Putins Schwiegersohn überschrieben. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass kurz nach der Hochzeit von Tichonowa und Schamalow Putins Ehe geschieden wurde. Seine Ex-Frau fand in Artur Otscheretnyj einen neuen Lebenspartner.
Der war damals zwar ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, die Beziehung hatte aber offensichtlich den Segen des Kreml-Chefs. Denn der sorgte dafür, dass die Mutter seiner Kinder so viel Zeit wie möglich mit den beiden Töchtern verbringen kann. Und das nicht nur im Zarendorf nahe Moskau.
Eine Spur der Recherche führt auch an die Atlantikküste. Bereits im Oktober 2012 soll Schamalow in Biarritz, einem See- und Heilbad im französischen Teil des Baskenlandes, eine vierstöckige Villa mit sieben Schlafzimmern gekauft haben. Für 4,5 Millionen Euro. Von Gennadi Timtschenko, einem langjährigen Geschäftspartner und engen Freund von Putin.
Die Gegend muss auch Otscheretnyj gefallen haben, der für sich und Putina im Dezember 2013 eine Villa in der Stadt Anglet erwarb. Die beiden Anwesen liegen nur neun Autominuten voneinander entfernt. Der Verdacht liegt nahe, dass Putin für die aufgerufenen 5,3 Millionen Euro aufkam.
Putin-Ex im Zarendorf: Auch neuer Partner bekommt Grundstück - offiziell von Putins Schwiegersohn
Für Otscheretnyj, das neueste Mitglied der Herrscherfamilie, kam es aber noch besser. Im selben Monat schickte Schamalow ihm den Recherchen zufolge einen Brief samt Vollmacht, womit ihm die Verfügungsgewalt über das zweite Anwesen in der Straße nahe Putins Residenz übertragen wurde. Es war die offizielle Eintrittskarte ins Zarendorf. Auch hier wartete ein vierstöckiges Haus auf Leben in seinem Inneren.
Wer wirklich die Entscheidungsgewalt über all die Grundstücke besitzt, sollte sich aber noch zeigen. Im Jahr 2015 gönnten sich Tichonowa und Schamalow zwar noch zwölf Hektar Land am Ufer der Moskwa, auch dieses auf seinen Namen. Die Nachbarn dort heißen Dmitri Medwedew, einstiger Präsident und später Ministerpräsident von Putins Gnaden, und Timtschenko, der später noch aus einem unerfreulichen Anlass bei Schamalow vorstellig werden sollte.
Das neue Anwesen liegt nur eine Viertelstunde Autofahrt von Putins Residenz entfernt. Das Paar plante damals eine 4.500 Quadratmeter große Villa, doch spätestens im Frühjahr 2016 begann es zwischen den heimlichen Eheleuten zu kriseln. Schamalow hatte fortan deutlich mehr Interesse an seiner späteren Frau Zhanna Wolkowa, was für ihn gravierende Folgen haben sollte.
Putins Ex-Schwiegersohn wird fallengelassen: Zwei Häuser und ein Grundstück unter Wert abgeknöpft
Denn die Familie ist Putin heilig. Und zu der gehörte Schamalow nicht mehr. Sechs Monate später verlor er seine gesamten Anteile an Sibur, der größten russischen Öl- und Gasgesellschaft. Dabei soll es um umgerechnet etwa 1,85 Milliarden Euro gegangen sein – den größten Teil davon übernahmen einige der vielen Freunde des Präsidenten.
Dann traten Timtschenko und Arkadi Rotenberg, ein weiterer enger Freund von Putin, auf den Plan. Beide sollen im Jahr 2019 den Auftrag erhalten haben, die auf Schamalow registrierten Grundstücke zu beschlagnahmen. Der habe im Oktober zwei Häuser und ein Grundstück an Coral, eine Gesellschaft von Anwälten aus Rotenbergs Dunstkreis, übergeben.
In diesem Zusammenhang wurde – wie laut dem Bericht bei vielen Transaktionen für Putin – eine westliche Bank angezapft, bei der große Summen hinterlegt waren. 2,37 Milliarden Rubel – rund 27 Millionen Euro – erhielt Coral von Timtschenkos Konto einer Schweizer Bank, wie Finanzunterlagen offenbaren, fast die komplette Summe wurde dann im Rahmen eines Immobilienkaufvertrags auf Schamalows Konto überwiesen – damit erhielt der Ex-Schwiegersohn von Putin „fast dreimal weniger, als ihm zustand“. Beschwerde sinnlos.
Villa im französischen Biarritz: Felsen unter Gebäude einsturzgefährdet - Putin hat kein Interesse
Behalten durfte der Ex-Schwiegersohn des Kreml-Chefs immerhin die Villa in Biarritz. Allerdings wohl nicht aus reiner Güte. Wie sich herausgestellt hatte, war das Gebäude auf einem einsturzgefährdeten Felsen erbaut worden. Eine Verstärkung des Untergrunds hätte demnach fünf Millionen Euro verschlungen. Doch so locker saß das Geld bei Schamalow nicht mehr: Er soll sein einstiges Zuhause mit Meerblick außer Acht gelassen haben, weder die Rechnungen bezahlt haben noch für die Instandhaltung aufgekommen sein.
So sieht das Anwesen einem unschönen Ende entgegen. Schließlich ist es jetzt nicht mehr Familiensache. (mg)


