Rüdiger von Fritsch im Interview

Ex-Botschafter erklärt, wie Putin tickt: „Er blickt besonders genau auf Deutschland“

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Rüdiger von Fritsch (l.) war von 2014 bis 2019 deutscher Botschafter in Russland und traf Wladimir Putin dabei einige Male.
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Fünf Jahre lang erlebte Rüdiger von Fritsch Wladimir Putin hautnah - Fritsch war deutscher Botschafter in Moskau. Im Interview erklärt er, was er fürchtet.

München – Rüdiger von Fritsch begann seine Arbeit als Botschafter in Moskau 2014, also in dem Jahr, als Russland die Krim annektierte. Diese russische Aggression war das prägende Ereignis der fünf Jahre, die von Fritsch als Botschafter in Russland arbeitete. Bis zu seinem Ruhestand ab 2019 begegnete der deutsche Botschafter Wladimir Putin oft – und erlebte den russischen Präsidenten als einen „autokratischen Führer, der sich mehr und mehr der Beratung entzieht, dessen Weltsicht sich verzerrt und der von einem Gefühl der Bedrohung getrieben ist“.

In seinem Buch Zeitenwende (Aufbau Verlag, 18 Euro) beschreibt von Fritsch mögliche Szenarien, wie der Ukraine-Konflikt enden könnte. Im Gespräch analysiert der 70-Jährige, der heute Partner des Beratungsunternehmens Berlins Global Advisors ist, welche Verhandlungslösungen es geben könnte und was hinter der Eskalation im Gas-Krieg mit der EU und Deutschland steckt.

„Wir haben mit dem Embargo auf russische Kohl als Erste Energie als Waffe eingesetzt“

Wladimir Putin begründet die erneute Drosselung der Gaslieferungen mit technischen Gründen. Warum sagt er nicht geradeheraus: Wir sind im Wirtschaftskrieg, das ist die Reaktion auf die EU-Sanktionen?
Wir waren es, die mit dem Embargo auf russische Kohle und Öl als Erste Energie als Waffe eingesetzt haben. Putin hat erst nach vier Monaten mit diesem Spiel Gas runter, Gas rauf begonnen, das wir jetzt erleben. Er ist eben dramatisch abhängig von den Gas-Einnahmen. Dieses Geld benötigt er, um sich ständig die Zustimmung der russischen Bevölkerung zu seiner Politik zu erkaufen. Wenn ihm diese Gas-Einnahmen komplett wegbrechen, kommt sein System in große Schwierigkeiten.
Einen Tag nach Abschluss des Getreide-Abkommens wurde der Hafen von Odessa mit Raketen angegriffen. Kann man mit Wladimir Putin je einen Friedensvertrag abschließen, wenn er sich derart offensichtlich nicht an Vereinbarungen hält?
Abkommen dienen dazu, zumindest gewisse Ziele zu erreichen – deshalb ist es gerade in der humanitären Frage der Getreideversorgung richtig, solch einen Vertrag zu schließen. Was seine Vertragstreue angeht, müssen wir daran zurückdenken, dass Moskau Kiew 1994 die Unverletzlichkeit der Grenzen garantiert hatte, wenn die Ukraine im Gegenzug die dort stationierten sowjetischen Atomwaffen abgibt. Russland hat dieses Abkommen gebrochen, weil die Ukraine nicht in der Lage war, sich dagegen zu wehren. Für ein künftiges Friedensabkommen bedeutet das also, dass sich Kiew nur darauf einlassen kann, wenn es zuverlässig geschützt ist, zum Beispiel durch Garantiemächte.
Die Forderung, die Ukraine zu einer Verhandlungslösung zu drängen, wird angesichts der drohenden Gas-Knappheit bei uns immer lauter. Die von Russland eroberten Gebiete hergeben, dafür dauerhaft Frieden – ist das ein Deal, auf den sich Selenskyj einlassen könnte?
Über das Schicksal der Ukraine können ausschließlich die Ukrainerinnen und Ukrainer entscheiden. Das Letzte, was die Länder Ostmitteleuropas brauchen, sind territoriale Neugliederungsvorschläge aus Deutschland zugunsten Russlands.
In der Ukraine scheint es ja derzeit keine Bereitschaft zu geben, Gebiete abzugeben. Bedeutet das, dass dieser Krieg noch sehr lange dauern wird?
Es ist zu befürchten, dass dieser Krieg sich noch lange hinziehen wird, denn im Kern geht es um die Frage, ob Russland die Ukraine komplett unterjochen wird, oder ob die Ukrainer ihre Souveränität behalten können. Diese Ziele stehen so fundamental gegeneinander, dass derzeit keine Lösung in Sicht ist – es sei denn, es kommt zu einem Patt, in dem keiner der Schwächere ist. Deshalb wohl hält sich auch das Land zurück, das am ehesten eine Lösung vermitteln könnte: China.

Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat am 24. Februar 2022 begonnen. Im November konnten die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Cherson befreien. Doch für die Menschen vor Ort ist die Lage noch immer katastrophal. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Hier kämpfen sie um die Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum der Stadt.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat am 24. Februar 2022 begonnen. Im November konnten die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Cherson befreien. Doch für die Menschen vor Ort ist die Lage noch immer katastrophal. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Hier kämpfen sie um die Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum der Stadt. © BULENT KILIC/afp
Am 24. Februar beginnt Russland mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus.
Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus. © Aris Messinis/afp
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine.
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine. © Sergei Malgavko/dpa
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet.
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet. © Sergei Mikhailichenko/afp
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin.
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. © Andrej Ivanov/afp
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion.
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion. © Facebook/afp
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden.
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden. © Daniel Leal/afp
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen.
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen. © Daniel Leal/afp
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen.
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. © Nikolay Doychinov/afp
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland.
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland. © Aris Messinis/afp
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg.
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg. © Fadel Senna/afp
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke.
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke. © Aris Messinis/afp
Mitten Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland.
Mitten im Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland. © Genya Savilov/afp
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland.
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland. © Michael Kappeler/dpa
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen.
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen. © Sergej Supinsky/afp
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen.
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen. © Aris Messinis/afp
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen.
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen. © Aris Messinis/afp
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind.
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind. © Aris Messinis/afp
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest.
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest. © Alexander Nemenov/afp
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes.
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes. © Yasuyoshi Chiba/afp
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben.
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben. © dpa
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol.
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol. © Dmytro ‚Orest‘ Kozatskyi/afp
Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz in der Bundeswehr.
Am 21. Juni treffen die ersten schweren Waffen aus Deutschland in der Ukraine ein. Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz der Bundeswehr. Sie sieht aus wie ein riesiger Kampfpanzer und kann Ziele in 40 Kilometern Entfernung treffen.  © Sven Eckelkamp/Imago
bombardiert die russische Luftwaffe ein Einkaufszentrum in der ostukrainischen Stadt Krementschuk
Am 27. Juni bombardiert Russland ein Einkaufszentrum im 100 Kilometer von der Frontlinie entfernten Krementschuk. Zum Zeitpunkt des Angriffs befinden sich laut ukrainischen Angaben etwa 1000 Menschen in dem Gebäude, mindestens achtzehn Menschen werden getötet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnet die Attacke als „absoluten Horror“.  © STR/afp
Dieses Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt einen Überblick über die Schlangeninsel im Schwarzen Meer.
Nach wiederholten ukrainischen Angriffen zieht sich das russische Militär Ende Juni von der Schlangeninsel südlich von Odessa zurück. Russland spricht von einem „Zeichen des guten Willens“. Die Die Ukraine feiert die Rückeroberung dagegen als Sieg. „KABOOM! Keine russischen Truppen mehr auf der Schlangeninsel“, schreibt der Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, auf Twitter. „Unsere Streitkräfte haben großartige Arbeit geleistet.“ © dpa
In der Nacht auf den 29. Juli brannte nach einer Explosion ein Gefängnis in Oleniwka, in der von pro-russischen Separatisten besetzten Donezk-Region, aus.
In der Nacht auf den 29. Juli kommen bei einem Angriff auf ein Gefängnis in Oleniwka in der Donezk-Region Dutzende ukrainische Kriegsgefangene ums Leben. Der ukrainische Generalstab beschuldigt Russland, damit Folter von Gefangenen und Hinrichtungen verschleiern zu wollen. Prorussische Separatisten hingegen bezichtigten die Ukraine, für den Angriff verantwortlich zu sein © afp
Auf dem Gelände des Militärflugplatzes Saki nahe Nowofjodorowka kommt es zu heftigen Explosionen.
Am 9. August erschüttern mehrere Explosionen eine russische Luftwaffenbasis auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim. Mehrere Flugzeuge werden zerstört. Eine Woche später detoniert auf der Krim ein russisches Munitionslager. Rusland spricht von einem „Sabotageakt“. © dpa
Dieses Satellitenbild von Planet Labs PBC zeigt das von russischen Truppen besetzte Kernkraftwerk Saporischschja.
Das Atomkraftwerk Saporischschja ist schwer umkämpft. Das Artilleriefeuer lässt international die Angst vor einer Atomkatastrophe steigen. Am 25. August wird das AKW erstmals in seiner Geschichte vom Stromnetz getrennt. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig den Beschuss des Kraftwerksgeländes und der Umgebung vor. © Planet Labs Pbc/dpa
Rauch steigt über einem Feuer in einem Naturschutzgebiet in der Nähe der Stadt Mykolajiw nach einem Beschuss durch die Streitkräfte der Ukraine auf.
Am 29. August gelingt den ukrainischen Truppen an mehreren Stellen in der Oblast Cherson ein Vorstoß über feindliche Frontlinien. Das russische Verteidigungsministerium bestätigt eine ukrainische Offensive bei den von Russland besetzten Gebieten in der Oblast Cherson und der Oblast Mykolajiw. © Kherson Region Emergency Service/Imago
Einheiten der ukrainischen Streitkräfte sind in der Region Charkiw unterwegs.
Im September erobert die Ukraine im Zuge ihrer Gegenoffensive in der Oblast Charkiw die strategisch bedeutsamen Städte Kupjansk und Isjum von Russland zurück und durchbricht die Frontlinie an mehreren Stellen.  © Imago
Im Zuge ihrer Gegenoffensive im Raum Charkiw gelingt es den ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen erhebliche Gewinne zu erzielen. In dieser Phase gelingt ihnen Anfang Oktober auch die Rückeroberung von Lyman in der Oblast Donezk.
Im Zuge ihrer Gegenoffensive im Raum Charkiw gelingt es den ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen erhebliche Gewinne zu erzielen. In dieser Phase gelingt ihnen Anfang Oktober auch die Rückeroberung von Lyman in der Oblast Donezk.  © YASUYOSHI CHIBA/afp
Mitten im Krieg bringt der britische Streetart-Künstler Banksy den Menschen in der Ukraine mit mehreren Werken seine Solidarität zum Ausdruck. So wirft ein kleiner Judoka in den Ruinen eines Kindergartens in Borodyanka nahe Kiew einen erwachsenen Kämpfer zu Boden, dessen Gestalt ein wenig der des russischen Präsidenten Wladimir Putin ähnelt.
Mitten im Krieg bringt der britische Streetart-Künstler Banksy den Menschen in der Ukraine mit mehreren Werken seine Solidarität zum Ausdruck. So wirft ein kleiner Judoka in den Ruinen eines Kindergartens in Borodyanka nahe Kiew einen erwachsenen Kämpfer zu Boden, dessen Gestalt ein wenig der des russischen Präsidenten Wladimir Putin ähnelt. © GENYA SAVILOV/afp
Im November erobert die ukrainische Armee auch die Stadt Cherson zurück. Am 11. November gab Russland den Rückzug von 30.000 Soldaten aus dem westlich des Dnepr liegenden Teil der Cherson-Region bekannt. Zwei Tage später feiern die Menschen die Befreiung der Stadt, die ukrainischen Soldaten werden herzlich begrüßt.
Im November erobert die ukrainische Armee auch die Stadt Cherson zurück. Am 11. November gab Russland den Rückzug von 30.000 Soldaten aus dem westlich des Dnepr liegenden Teil der Cherson-Region bekannt. Zwei Tage später feiern die Menschen die Befreiung der Stadt, die ukrainischen Soldaten werden herzlich begrüßt.  © afp

„Die Entschlossenheit, mit der der Westen dieser Aggression entgegentritt, ist ganz entscheidend“

Aber im Westen lässt jetzt schon sichtlich die Geduld nach. Wie lange halten die Deutschen die Gegensanktionen durch?
Die Entschlossenheit, mit der der Westen dieser Aggression entgegentritt, ist ganz entscheidend. Auf Deutschland blickt Putin dabei besonders genau. Es ist erkennbar, dass er versucht, über die Energieabhängigkeit Streit innerhalb der EU und innerhalb der einzelnen Staaten herbeizuführen. Dabei muss uns allen klar sein: Es geht um viel mehr als nur um die Ukraine. Putin will, dass der Westen sich militärisch an der Ostgrenze selbst entblößt. Erreicht hat er aber das Gegenteil: Die Nato ertüchtigt sich massiv an der Ostgrenze, neue Staaten treten bei.
Bekommt das russische Volk mit, dass Putin seine Kriegsziele so fundamental verfehlt hat?
Die russische Propaganda wird in letzter Zeit immer fanatischer. In der Zeit, als ich Botschafter war, gab es noch Reste freier Medien – damit ist es inzwischen vorbei. Russland ist von einem autoritären zu einem diktatorischen Regime geworden. Doch die Menschen spüren die Sanktionen inzwischen sehr konkret. Die Frage ist nur: Siegt der Fernseher oder der Kühlschrank? Im Moment siegt noch das TV, aber Putin fürchtet, dass irgendwann der leere Kühlschrank dazu führen könnte, dass die russischen Mütter auf die Straße gehen.
Wirken die Sanktionen?
Die Menschen in Russland spüren sie sehr wohl. Der russische Verkehrsminister hat erklärt, die Export-Infrastruktur sei „komplett zerstört“. Lada hat in diesem Jahr zwei Drittel weniger Autos verkauft als im Vorjahr. Die russische Bauindustrie ist komplett abhängig von westlicher Technologie. Die Sorge Putins ist, dass irgendwann jemand wie damals Lech Walesa in Polen kommt, der die wachsende Unzufriedenheit bündelt und die Leute in Massen auf die Barrikaden treibt.

„Russland hat eigene Fehler in der Geschichte nicht aufgearbeitet“

Wie echt war Putins anfängliche Annäherung an den Westen?
Er ist sicher nicht 2000 Präsident geworden, um 2022 die Ukraine zu überfallen. Seine Rede im Bundestag 2001 war im Wesentlichen eine Rede ans eigene Land: Ich will dafür sorgen, dass Russland in die Demokratie und die Marktwirtschaft geführt wird, dass die russische Geschichte aufgearbeitet wird. All dieses hat er nicht wahr gemacht! Vielmehr hat er bei den ersten Problemen mit den klassischen Reflexen eines KGB-Offiziers reagiert: Repression im Inneren, Planwirtschaft... Der Geheimdienst-Mann kann sich hinter echter Unzufriedenheit nichts anderes vorstellen als Steuerung durch dunkle Mächte von außen.
Ist Putin auch deshalb zum Diktator geworden, weil der Westen ihn zu oft enttäuscht hat?
Es ist schon bemerkenswert, dass das größte Land der Erde sich ständig das Recht herausnimmt, besonders beleidigt zu sein. Russland hat eigene Fehler in der Geschichte nicht aufgearbeitet. Man hat sich zum Opfer stilisiert, anstatt anzuerkennen, dass zum Beispiel die Sowjetunion an den eigenen, inneren Widersprüchen zerbrochen ist. Insbesondere Deutschland hat sich umfassend bemüht, auf die Befindlichkeiten Russlands einzugehen. So wurden die G7 auf Drängen Deutschlands zur G8 erweitert, so wurde vor der Nato-Osterweiterung ein gesondertes Abkommen mit Russland abgeschlossen, um diese Erweiterung für Russland erträglich zu machen. Damals sagte Putin noch, dass die Erweiterung der Nato die Sicherheit Russlands nicht bedrohe.
Es gibt durchaus auch die Debatte, ob wir uns zu sehr um Russland bemüht haben...
Es war eine gemeinsame Politik des Westens, nicht nur eine deutsche, auf die Verletzung vereinbarter Regeln entschlossen zu reagieren und zugleich Konflikte im Dialog zu lösen – von Rüstungsbegrenzungs-Abkommen mit der Sowjetunion bis hin zum Minsker Abkommen 2015 nach der Krim-Annexion. Doch mit dem Angriff auf die Ukraine im Februar hat Putin das Schachbrett umgeworfen und gesagt, die Regeln für das Spiel, auf die wir uns alle geeinigt hatten, gelten ab jetzt nicht mehr.
Aber es gibt ja einen Unterschied zwischen Kooperation und zu viel Nähe – denken wir an Gerhard Schröder oder auch an Edmund Stoiber, die ein freundschaftliches Verhältnis zu Putin pflegten...
In jeder Partei, mit Ausnahme der Grünen, die konsequent bei ihrer Linie geblieben sind, gab es Einzelne, die eine sehr viel größere Nähe zu Russland propagiert haben und Sanktionen mit dem verfehlten Argument verhindern wollten, das bringe doch nichts.

Das Interview führten Klaus Rimpel und Mike Schier

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