„Fast die gesamte Kampfkraft“

Putins letzte Bastion? Ukrainische Kleinstadt wird zu russischer Festung

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Die russische Verteidigung soll im Süden der Ukraine erste Bruchstellen aufweisen. Rund um eine Kleinstadt haben sich die Truppen von Wladimir Putin förmlich eingegraben.

Tokmak – Es ist eine der vielen mysteriösen Geschichten aus dem Ukraine-Krieg. Igor Kotelevsky, Bürgermeister der ukrainischen Kleinstadt Tokmak, kam unter ungeklärten Umständen ums Leben. Anfang Mai 2022 wurde sein Tod bekannt, nachdem die Bewohner Tokmaks wochenlang auf den Straßen gegen die Besatzung ihrer Heimat durch die russische Armee demonstriert hatten.

Ukraine-Krieg: Über Tokmak fließt der russische Nachschub nach Melitopol

Tokmak gilt heute als wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den russischen Nachschub im Süden der Ukraine in Richtung Melitopol.

Im Westen angesichts seiner überschaubaren Größe eher unbekannt, ist Tokmak wegen seiner logistischen Bedeutung eines der entscheidenden Ziele der ukrainischen Gegenoffensive, bei der die Streitkräfte Kiews versuchen, die 49. Armee Moskaus zwischen Dnipro, Cherson und Melitopol aufzureiben sowie letztlich zu vertreiben, um selbst wieder in Schlagdistanz zur Krim zu kommen.

Wie die Analysten der US-amerikanischen Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) am Wochenende schreiben, soll die russische Verteidigung im Süden des geschundenen Landes an ersten Stellen wanken. So soll der Kreml den Großteil seiner in Ost-Russland stationierten Truppen in die Südukraine verlegt haben. Dies könne als Anzeichen gewertet werden, dass die Front im Süden „brüchig“ sei.

Wegen Gegenoffensive: Russland verlegt viele Truppen in den Süden der Ukraine

So wurden laut dem ukrainischen Militärblogger Konstantin Mashovets neben der 49. und 58. Armee Russlands jetzt auch Teile der 68. Armee in den Süden der Ukraine verlegt. Die Berichterstattung Mashovts sowie Beobachtungen des ISW würden darauf hindeuten, dass „fast die gesamte Kampfkraft der russischen Streitkräfte auf die Verteidigung gegen die ukrainische Gegenoffensive, vor allem in der Südukraine“ ausgerichtet sei. Fast die gesamte russische „Streitkräftegruppe Ost“ sei in den Süden des überfallenen Nachbarlandes gesandt worden, heißt es in dem Bericht weiter.

Ein ukrainischer Soldat in der Oblast Saporischschja: Die Streitkräfte Kiews wollen in der Gegenoffensive die Stadt Tokmak erobern. (Symbolfoto)

Eine militärische Stoßrichtung der Ukrainer bewegt sich - offenbar nach herben Verlusten beim Dorf Robotyne - auf eben jenes Tokmak zu, von wo aus die Regionalstraße P37 in Richtung Enerhodar am Kachowkaer Stausee sowie zum dortigen AKW Saporischschja führt. Ebenso verläuft die Bundesstraße T0401 von hier aus in Richtung Melitopol, das seit dem völkerrechtswidrigen russischen Einmarsch als „Widerstandsnest“ schlechthin gilt. Tokmak wäre die letzte Hürde der Ukrainer in Richtung Melitopol. Laut Kartenmaterial des ISW und der US-amerikanischen Denkfabrik AEI’s Critical Threats Project wurde die Kleinstadt angeblich zu einer regelrechten Festung ausgebaut, mit tiefen Panzergräben und „Drachenzähnen“ aus Beton. Auf Satellitenfotos sind rund um Tokmak laut ntv zudem „begleitende Grabensysteme mit gedeckten Geschützständen, Artilleriepositionen und zusätzlichen Sperranlagen“ zu erkennen.

Beschriebene Fernstraßen sollen aufwändig abgeriegelt worden sein und Flussübergänge befestigt worden sein. Auch auf kleinen Anhöhen gebe es demnach russische Stellungen. Die intensiven Bemühungen im Süden des Landes dürften auch ein Grund dafür sein, warum die Russen in und bei Bachmut im Osten zunehmend unter Druck geraten. Den dort verbliebenen Truppenteilen droht die absehbare Einkesselung durch die ukrainischen Kräfte, etwa durch die 3. Angriffsbrigade.

Ukraine-Gegenoffensive: Rückeroberung der Krim als Ziel im Süden

Im Süden soll die Rückeroberung oder zumindest die Isolierung der Krim derweil das entscheidende Ziel der Gegenoffensive sein. Etliche Experten gehen mittlerweile davon aus, dass die Position Wladimir Putins in Moskau maßgeblich von der Krim abhängt. So erklärte zum Beispiel der Osteuropa-Experte und Historiker Prof. Dr. Klaus Gestwa im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein.“ (pm)

Rubriklistenbild: © Alex Chan Tsz Yuk/Imago

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