„Einigkeit hat Verfallsdatum“

Putin im Vorteil? Historiker sieht Versagen des Westens in Ukraine – „Biden viel schlimmer als Trump“

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Bei einem Treffen im Jahr 2021: US-Präsident Joe Biden (r.) und der russische Präsident Wladimir Putin.
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„Leider arbeitet die Zeit zu Putins Gunsten“: Das ist die These des berühmten Historikers Niall Ferguson zum Ukraine-Krieg. Der Westen habe zu viele taktische Fehler gemacht.

Harvard - Der renommierte britische Historiker Niall Ferguson hat sich intensiv mit dem Ukraine-Konflikt beschäftigt - auf seiner Homepage findet man ein ganzes Themenpaket dazu. Und so hat er auch seine eigenen Thesen zu der Auseinandersetzung entwickelt, die er jetzt in einem Interview mit der Welt preisgab - und die den Westen im Ukraine-Krieg nicht gut dastehen lassen.

Denn Ferguson sieht schwere taktische Fehler auf Seiten der USA und Europas, seitdem der russische Präsident Wladimir Putin am 24. Februar den Befehl gab, in die Ukraine einzumarschieren. Der Westen, allen voran die USA, hätte von Beginn an entschlossener handeln müssten, findet der Brite.

Über Niall Ferguson

Der britische Historiker Niall Ferguson lehrte unter anderem an den Universitäten von Oxford, Stanford, Harvard und an der London School of Economics und ist Autor mehrerer Bestseller. Er ist einer der renommiertesten lebenden Historiker - aber auch einer mit sehr kontroversen Thesen. Der 58-Jährige provoziert gerne mit seinen Theorien, weiß sie aber auch unterhaltsam der Öffentlichkeit näher zu bringen - beispielsweise in seinem neuesten Werk „Doom“, die sich darum dreht, warum große Kulturen untergehen.

Historiker kritisiert Westen im Ukraine-Krieg: Moment, den Krieg zu beenden, wurde verpasst

„Die Regierung von Joe Biden hat nichts getan, um diesen Krieg frühzeitig zu beenden“, kritisiert Ferguson. „Denn sie glaubte, je länger er dauere, desto schlechter für Russland und desto besser für den Westen und die Ukraine.“ Aus seiner Sicht ein „dummer“ Fehler: „Der Krieg hätte beendet werden müssen, als es Russland schlecht und der Ukraine gut ging.“

Der entscheidende Moment des Handelns wurde verpasst, so Ferguson - dies sei etwa drei Wochen nach Kriegsbeginn gewesen, nach der erfolglosen Offensive von Putins Truppen auf die Hauptstadt Kiew. Die Russen hätten damals mit aller Macht zu Verhandlungen bewegt werden müssen - dafür sei es jetzt zu spät. Er sei schockiert „über die Naivität der Regierung Biden und vieler US-Kommentatoren, die glaubten, die Ukraine könne gewinnen“, so der britische Historiker.

Niall Ferguson ist Experte für europäische Geschichte und lehrte unter anderem in Harvard.

Historiker mit düsterer Prognose zu Ukraine-Krieg: „Leider arbeitet die Zeit zu Putins Gunsten“

Denn je länger der Krieg dauere, desto mehr profitiere Putin davon: „Leider arbeitet die Zeit zu Putins Gunsten“, glaubt Ferguson. „Trotz der russischen Verluste, des Heldentums der Ukrainer und der großen Sympathie für die Ukraine im Westen wird es für die Ukrainer umso schwieriger sein, zu gewinnen, je mehr die Ukraine verwüstet wird.“

Putin habe im Laufe des Krieges Zeit gewonnen, um seine Strategie zu ändern, die Einnahme des Donbass durch Russland sei mittlerweile wahrscheinlich. „Russland führt jetzt einen Zermürbungskrieg, einen Erschöpfungskrieg. Ohne vorübergehende Waffenstillstände. Das spielt Putin in die Karten.“

Historiker glaubt: Westen wird der Unterstützung für die Ukraine müde

Hinzu komme, dass im Westen bereits jetzt eine gewisse Kriegsmüdigkeit einsetze. Es sei fraglich, ob die USA der Ukraine in Zukunft weiter solch große finanzielle Hilfe gewähren werden wie bisher. Bereits im Herbst werde die Entschlossenheit des Westens nachlassen, prognostiziert der Brite - auch wegen Inflation und drohender Hungersnöte in Afrika. 

Der Druck auf die Ukraine, Russland eine Teil ihres Landes zu überlassen, werde steigen, die Teilung des Landes beginnen. „Putin weiß, dass die westliche Einigkeit zur Verteidigung der Ukraine ein Verfallsdatum hat“, so der 58-Jährige.

Provokante These: Biden ist für Ukraine und Nato schlimmer, als Trump es gewesen wäre

Kein gutes Jahr lässt Niall Ferguson dabei an US-Präsident Joe Biden und dessen Rolle für die Ukraine und die Nato. Biden sei für den chaotischen Rückzug aus Afghanistan verantwortlich, habe im Jahr 2021 Waffenlieferungen an die Ukraine reduziert sowie Sanktionen gegen Nord Stream 2 ausgesetzt.

In Europa denke man immer, Ex-Präsident Donald Trump sei „der Schlimmste“ - „allerdings ist Biden noch viel schlimmer“, konstatiert der Experte. Trump habe Deutschland stets zu mehr Verteidigungsausgaben gedrängt und oft kritisiert, das es sich zu sehr auf russische Gaslieferungen verlasse. Auch wenn Trump ein „Lügner“ gewesen sei und die amerikanische Demokratie gefährde, habe er damit Recht gehabt, so Ferguson.

Ukraine-Krieg unter US-Präsident Trump: Historiker bezweifelt, dass es dazu gekommen wäre

„Meiner Meinung nach ist es nicht ausgeschlossen, dass Putin im Falle einer Wiederwahl Trumps nicht in die Ukraine einmarschiert wäre“, sagt Ferguson. Gerade auch wegen Trumps Unberechenbarkeit beim Einsatz von Atomwaffen, dessen sich auch Putin bewusst gewesen sei.

Ein weiterer Experte hat im Interview mit dem Münchner Merkur seine Sicht auf den Ukraine-Krieg und Putin ausgeführt: Rüdiger von Fritsch, langjähriger Botschafter in Russland, glaubt, der russische Präsident hat insbesondere Deutschland im Blick. Im News-Ticker erfahren Sie außerdem alles zu den militärischen Entwicklungen im Ukraine-Krieg. (smu)

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