Zwei Minuten heulende Sirenen: An der Holocaust-Gedenkveranstaltung in Yad Vashem in Israel nahmen auch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Bahnchef Richard Lutz teil.
Tel Aviv - Israel hat am Donnerstag der sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden gedacht. Am Vormittag heulten für zwei Minuten landesweit die Sirenen. Autos hielten auf den Straßen an, Menschen standen still und gedachten der Toten. Anschließend begann eine Gedenkveranstaltung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, an der auch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas teilnahm. Die Politikerin legte dabei einen Kranz im Namen des Bundestags nieder. Sie befindet sich aktuell auf einem dreitägigen Besuch in Israel.
In der Knesset entzündete Bas bereits zuvor eine Kerze im Gedenken auch an die vor 80 Jahren aus ihrer Heimatstadt Duisburg deportierte Jüdin Irma Nathan. Sie wurde 1942 von den Nazis ermordet. Auch ihr Mann und die beiden Kinder wurden von den Nazis getötet. Die deutschen Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer ermordeten während des Zweiten Weltkrieges insgesamt sechs Millionen Juden.
Bei der offiziellen Eröffnungszeremonie in Yad Vashem am Mittwochabend hatte Israels Regierungschef Naftali Bennett die Einzigartigkeit des Holocaust betont. «Selbst die schlimmsten Kriege heutzutage sind nicht der Holocaust und sind nicht vergleichbar mit dem Holocaust», sagte er laut einer Mitteilung. «Die Nazis strebten danach, alle Juden zu jagen und jeden einzelnen von ihnen auszurotten.»
In Israel leben nach Behördenangaben noch 161 400 Holocaust-Überlebende. Das Durchschnittsalter betrage 85,5 Jahre, hieß es. Mehr als 1000 Betroffene seien sogar älter als 100 Jahre.
Wie die Jewish Claims Conference mitteilte, sind rund 100 Holocaust-Überlebende seit Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Israel eingewandert. Zudem seien mithilfe der Organisation rund 70 Betroffene aus der Ukraine nach Deutschland gebracht worden. Die Claims Conference mit ihrer Zentrale in New York setzt sich für die materielle Entschädigung von Betroffenen ein.
Den israelischen Angaben zufolge lebten Ende 2020 weltweit 15,2 Millionen Juden, die meisten davon - 6,9 Millionen - in Israel. Die zweitgrößte jüdische Gemeinde mit 6 Millionen bestand demnach in den USA. In Deutschland lebten zu dem Zeitpunkt 118 000 Juden. Damit gibt es weltweit laut den Angaben immer noch weniger Juden als vor dem 2. Weltkrieg. Damals seien es 16,6 Millionen gewesen, hieß es.
Bahnchef Lutz legt Kranz in Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nieder
Richard Lutz hat am Donnerstag als erster Chef der Deutschen Bahn bei der zentralen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Yad Vashem in Jerusalem einen Kranz niedergelegt. Der rot-weiße Kranz trug den Namen des Freundeskreises von Yad Vashem in Deutschland, dessen Mitglied Lutz ist. Er legte ihn gemeinsam mit dem Vorsitzenden und ehemaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in der israelischen Gedenkstätte nieder. Israels Holocaust-Gedenktag steht in diesem Jahr unter dem Motto «Zugfahrten in den Untergang: Die Deportation der Juden während des Holocaust».
Die Deutsche Reichsbahn spielte bei der Vernichtung der europäischen Juden eine entscheidende Rolle. Rund drei Millionen Menschen in Europa wurden von 1941 an mit Zügen zu den NS-Vernichtungsstätten gebracht - die meisten davon Juden, aber auch Sinti und Roma. «Der Vieh- oder Eisenbahnwaggon, das wichtigste Deportationsmittel, wurde damit eines der bekanntesten Symbole des Holocaust», so Yad Vashem.
Es gilt als gesichert, dass die systematische Ermordung von Millionen von Menschen ohne die Reichsbahn nicht möglich gewesen wäre. Die «Sonderzüge in den Tod» waren für sie ein gewinnbringendes Geschäft. Oft mussten die Fahrtkosten von den Juden selbst bezahlt werden.
Im Januar vergangenen Jahres hatten sich die Fraktionen von Linke, Grüne und FDP im Bundestag hinter Forderungen zu Entschädigungszahlungen für die Bahn-Transporte von Holocaust-Opfern gestellt. Die heutige Deutsche Bahn ist allerdings nicht Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn.
Das Unternehmen betont jedoch, es nehme unabhängig von rechtlichen Fragen «unsere historisch begründete und gesellschaftspolitische Verantwortung wahr». Man fördere daher die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus und halte die Erinnerung an die Opfer der Deportationen und Zwangsarbeit wach.
Bei der Grundsteinlegung für einen Erweiterungsbau in Yad Vashem hatte Bahn-Chef Lutz bereits 2019 gesagt: «Wir haben als Deutsche Bahn natürlich nicht unmittelbar, sondern über die Deutsche Reichsbahn damals, einen ganz entscheidenden Anteil daran gehabt, wie das alles organisiert war. Das beschämt uns bis zum heutigen Tag.» (dpa)