Biden lehnt Demenz-Test vehement ab: Gehirnexperte sieht „Anlass zur Sorge“
VonNils Thomas Hinsberger
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Die Diskussionen um Bidens Gesundheitszustand brechen nicht ab, doch einen kognitiven Test lehnt er ab. Ein Neurochirurg gibt seine Einschätzung.
Washington D.C. – „Aus neurologischer Sicht waren wir wegen seines verwirrten Umherschweifens besorgt.“ Diese Einschätzung gibt der Neurochirurg und medizinische Korrespondent des US-Senders CNN zu Joe Bidens Auftritt beim TV-Duell gegen Donald Trump. Viele Mediziner-Kolleginnen und -Kollegen hätten sich nach dem Debakel des US-Präsidenten an ihn gewandt. Die einhellige Meinung: Biden sollte ernsthaft darüber nachdenken, sich auf „kognitive Störungen und Bewegungsstörungen“ untersuchen zu lassen.
Aber ob sich Biden tatsächlich einem solchen Test unterzieht, ist unwahrscheinlich. In seinem ersten Interview nach der TV-Debatte, sagte er dem US-Sender ABC, er lehne eine ärztliche Untersuchung zu seiner geistigen Fitness ab.
„Absolviere jeden Tag einen Test“ – Biden lässt in Interview nach TV-Duell keine Zweifel zu
ABC-Moderator George Stephanopoulos fragte den Demokraten zuvor, ob er bereit wäre, sich einer unabhängigen medizinischen Untersuchung zu unterziehen und die Ergebnisse im Anschluss zu veröffentlichen. Dabei würden auch der neurologische und kognitive Zustand Bidens untersucht.
Davon hält Biden allerdings wenig und tut den Vorschlag als überflüssig ab. „Ich absolviere jeden Tag einen kognitiven Test“, so Biden. „Wissen Sie, ich mache nicht nur Wahlkampf, ich regiere die Welt“. Zudem habe ihm gegenüber bislang kein Mediziner Bedenken aufgrund seiner geistigen Verfassung geäußert. Im Gegenteil: Ärzte würden ihm beste Gesundheit versichern.
Biden kann Zweifel an seinem Zustand im ABC-Interview nicht zerschlagen
Bei der Frage danach, ob er noch der gleiche Präsident wie zu Beginn seiner Amtszeit sei, verwies Biden auf seine bisherigen Erfolge: Er habe einen Friedensplan für den Mittleren Osten zusammengestellt, die Nato erweitert und die Wirtschaft der USA zum Wachsen gebracht.
Biden kann in TV-Interview Zweifel an Eignung als Kandidat nicht ausräumen
Nach dem Interview scheint der allgemeine Tenor aber, dass Biden seinen Ausfall beim TV-Duell gegen Trump nicht habe entschuldigen können. NBC-News sieht in Bidens Aussagen eine Mischung aus Leugnung, Trotz und Geringschätzung gegenüber Kritikern.
So ignoriere er Umfragen, die ihn zum Teil deutlich hinter dem Republikaner Trump zeigen. „Alle Meinungsforscher, mit denen ich spreche, sagen mir, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen“, so Biden. Zudem lehne er strikt ab, von seiner Kandidatur zur US-Wahl im November zurückzutreten. Nur Gott könne ihn dazu bringen, so der US-Präsident. Durch seine Ignoranz gegenüber gerechtfertigter Kritik nehme er zudem die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger nicht ernst.
„Episode“ oder „Zustand“ – Hirn-Spezialist fordert Klarheit zu Bidens Fähigkeiten nach TV-Duell
Die ehemalige Sprecherin des Repräsentantenhauses und Parteikollegin Bidens, Nancy Pelosi, räumte nach dem TV-Duell ein, es sei „legitim“, Fragen zu Bidens Zustand zu stellen. Vor allem, ob es sich nur um eine „Episode“ oder einen generellen „Zustand“ handele. Pelosi selbst räumte in einem Interview mit CNN ein, dass sie sich keine Sorge um Bidens Zustand mache. Sie äußerte dagegen den Verdacht, dass womöglich Trump an Demenz leiden könnte.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern
Gupta gesteht dem Präsidenten zumindest zu, dass die Ausfallerscheinungen Bidens durchaus auf sein Alter zurückgehen könnten. „Das ist normal und zu erwarten und steht der Arbeitsfähigkeit einer Person nicht unbedingt im Weg.“ Jedoch könnten sie auch ein Anzeichen auf eine Demenz sein. „Stellen Sie sich das wie den Unterschied vor, ob Sie vergessen, wo Sie Ihre Schlüssel hingelegt haben, oder nicht wissen, wofür Ihre Schlüssel da sind“, schreibt der Experte.
Biden habe bei seiner Kandidatur 2020 gesagt, man solle ihn anhand seines Verhaltens bewerten. „Sie müssen mir nur zuschauen“, so die Worte des Präsidenten. Laut Gupta beobachte das Land die Leistungen Bidens aktuell genau. „Und diese Einschätzung gibt Anlass zur Sorge.“
Trump machte einst Test auf Demenz-Früherkennung
Trump hatte während seiner Amtszeit einen kognitiven Test gemacht. Er war wegen seines Politikstils mit Zweifeln an seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit konfrontiert gewesen. Der Republikaner entschied sich damals, seine geistigen Fähigkeiten überprüfen zu lassen – und machte einen Test, wie er unter anderem zur Früherkennung bei Verdacht auf Demenz und Alzheimer angewandt wird. Trump bestand damals nach Angaben seines Arztes mit 30 von 30 Punkten. (nhi)