Verzicht auf Kohlenhydrate

Low-Carb-Ernährung: Diät-Erfolgsgarant oder Stimmungskiller? Das sagt eine Expertin

Low Carb ist eine beliebte Methode zum Abnehmen. Aber auch umstritten. Drei Menschen berichten über ihre Erfahrung mit der Ernährung - und Experten ordnen ein.

Frankfurt - Egal ob als Neujahrsvorsatz oder zur Badesaison, Low-Carb-Diäten werden immer wieder zum Hype, wenn es um gesunde Ernährung geht. Doch wie sinnvoll ist der Verzicht auf Kohlenhydrate wirklich? Experten sind sich einig: kein Nährstoff kann sie dauerhaft ersetzen.

Früher hätte etwas Sport gereicht, damit bei ihr die Pfunde purzeln, berichtet Lisa Andres. Nach mehreren Knie-Operationen geht das leider nicht mehr so leicht. Rausgerissen aus ihrem Rhythmus schleppt sie sich ins Fitnessstudio. Die Stimmung ist bedrückt, ihre Beweglichkeit eingerostet. Zum Glück weiß die Trainerin, was zu tun ist. Low Carb verspricht die Lösung. Auch wenn sie bei Süßem gerne zugreift, streicht die 60-jährige Krankenschwester nach der Mittagszeit sämtliche Kohlenhydrate vom Speiseplan. Ihre Trägheit lässt langsam nach. „Es hat wirklich geholfen und mich motiviert. Ich wollte sogar dreimal die Woche trainieren”, sagt sie heute. Wenn sie zurückblickt, bekommt sie gleich wieder Lust anzufangen.

Bei einer Low-Carb-Ernährung wird größtenteils auf Kohlenhydrate verzichtet. Manchmal werden Kartoffeln, Reis und Co. sogar komplett vom Speiseplan gestrichen. Stattdessen wird auf Gemüse, Fleisch und proteinhaltige Eierspeisen gesetzt. Eins ist allerdings klar: Komplett weglassen sollte man die Ballaststoffe nicht. Wichtig ist auch, abwechslungsreich zu kochen und nicht zu viele gesättigte Fette zu sich zu nehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt hingegen, dass mindestens 50 Prozent der täglichen Energiezufuhr durch Kohlenhydrate gedeckt werden sollte.   

Low Carb ist seit Jahrzehnten eine beliebte Diätform - doch die Ernährungsweise ist unter Experten umstritten.

Low Carb: Expertin hält die Ernährungsweise für problematisch

Eine genaue Definition von Low Carb gibt es nicht. Wo die Grenzen liegen, bleibt individuell. Wer ein paar Kilos zu viel auf der Hüfte hat, kann diese mit der Diät schnell wieder verlieren. Zugleich kann sich der Verzicht von kohlenhydratreichen Lebensmitteln positiv auf den Blutzucker- und Insulinspiegel auswirken. Für Diabetiker und Übergewichtige ein durchaus guter Ansatz. Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist es trotzdem nicht der gesündeste Weg.

Für Ernährungsberaterin Kerstin Bsonek ist die Mangelernährung auf vielen Ebenen problematisch. Neben fehlenden Mineralstoffen und Vitaminen wirkt sie sich negativ auf das Mikrobiom im Darm aus und zwingt den Körper zur sogenannten Gluconeogenese, einem beschwerlichen Stoffwechselvorgang, bei dem der Körper Glucose nachbilden muss. „Es ist auf keinen Fall für die Dauer geeignet“, erklärt die Ernährungsexpertin. 

Erfahrung zu Low Carb: Energie und Lebensfreude gingen flöten

Neben dem Körper leiden auch oft Geist und Seele. Genauso hat Sarah Engel, 35-jährige Fitnesstrainerin und Mutter von drei Kindern, ihre Erfahrung mit Low Carb in Erinnerung. Zwar verlor sie nach der Schwangerschaft etwa 25 Kilo, dafür aber auch eine Menge Energie und Lebensfreude. Eine Diät ohne Kohlenhydrate empfiehlt sie keinem. Ihr Fazit: „Du nimmst zwar ab, aber hast schlechte Laune”. So quälen muss man sich gar nicht - hier gibt es fünf einfache Tipps die beim Abnehmen helfen.

Durch die Veröffentlichung einer Großstudie der Gesundheitsorganisation Cochrane im letzten Jahr wurde der Trend-Diät nun ein Schlag ins Gesicht verpasst. In 61 Studien mit 7000 Teilnehmern zeigte sich, dass die Low-Carb-Ernährung keinen nennenswerten Vorteil im Vergleich zu anderen Diätformen aufweist. Was die Gewichtsabnahme angeht, macht es also keinen Unterschied, ob zum Gemüse auch ein paar Kartoffeln gegessen werden.

Viele halten es mit Low Carb auch nicht lange durch. Häufig wird wegen fehlender Disziplin abgebrochen. Die Einseitigkeit der Diät lässt sich mit dem heutigen Alltag kaum mehr vereinbaren. Wer gerne mal mit Freunden essen geht, muss konsequent verzichten. „Es scheitert oft an den Anforderungen des täglichen Lebens”, meint Bsonek. 

Low-Carb-Erfahrung: Jeder muss für sich die richtige Ernährung finden

Größere Herausforderungen hatte Gerhard, 51-jähriger Finanzgeschäftsführer eines Weinimporteurs aus Bayern. Als er sich beim Hausarzt auf die Waage stellt, schlägt die Anzeige aus. Die Diagnose: starkes Übergewicht. Über 150 Kilo. Sein Arzt schickt ihn in die Apotheke, um eine größere Waage zu kaufen. Deprimiert geht er nach Hause. Erneut wiegen will er sich nicht. Auch fürs Fitnessstudio schämt er sich zu sehr. Nach seinem Herzinfarkt war klar: Er muss sein Leben komplett umstellen. 

Seitdem gehört Low Carb zu seinem Alltag. Vier Jahre lang hatte seine Gesundheit die strengste Priorität. Unter ärztlicher Betreuung verlor er ca. 50 Kilo und baute Sport in sein Leben ein. Gemüse und frisch gekochtes stehen bei ihm ganz oben auf der Liste. Hungern ist für ihn ein Fremdwort. Die Kohlenhydrate vermisst er heute absolut nicht. Im Gegenteil: Pasta braucht er nicht zum Glücklichsein. Sein Fazit zum Thema Ernährung: “Du musst den besten Weg für dich selbst finden”. (Von Laura Corzilius)

Dieser Artikel ist während eines Projektes zwischen Studierenden der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) Frankfurt und IPPEN.MEDIA entstanden.

Rubriklistenbild: © AndreyPopov/Imago

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