VonMarvin K. Hoffmannschließen
Alkoholfreies Bier hatte lange Zeit einen schlechten Ruf. Mittlerweile ist es für die Brauereien aber ein unverzichtbares Produkt. Der Trend lässt sich erklären.
Dortmund – Wer sich vor 20 oder 30 Jahren ein alkoholfreies Bier in der Kneipe bestellte oder aus freien Stücken auf der Party zur „leichten“ Pils-Alternative griff, der wurde mitunter schief angeguckt – nicht nur, weil die anderen Gäste vielleicht bereits ordentlich einen sitzen hatten.
Verpöntes Bier plötzlich Kassenschlager: „Brauchte man fast schon gute Argumente“
„Noch Anfang der 1990er-Jahre brauchte man fast schon gute Argumente, wenn man zum alkoholfreien Bier griff. Beispielsweise, weil man noch Autofahren musste“, erklärt Uwe Helmich, Geschäftsführer der Dortmunder Brauereien, gegenüber wa.de. Das Image der alkoholfreien Biere hat sich seit dem radikal gewandelt, wie auch aktuelle Verkaufszahlen eindrucksvoll belegen.
„Heute hat sich alkoholfreies Bier als Lifestyle-Getränk und erfrischende Alternative zu Schorlen, Säften & Co. etabliert“, meint Helmich. Das Statistische Bundesamt liefert die entsprechenden Belege in Form von Zahlen: „Im Jahr 2023 wurden hierzulande gut 556 Millionen Liter alkoholfreies Bier im Wert von rund 548 Millionen Euro produziert. Die zum Absatz bestimmte Produktionsmenge von alkoholfreiem Bier haben sich in den vergangenen zehn Jahren damit mehr als verdoppelt und einen Zuwachs von 109 Prozent erfahren.“ 2013 hatte sie demnach noch bei knapp 267 Millionen Litern gelegen.
| 2013 | 2023 | Unterschied in Prozent | |
|---|---|---|---|
| Bier mit Alkohol (Produktion in Liter) | 8,4 Milliarden Liter | 7,2 Milliarden Liter | - 14 Prozent |
| Bier ohne Alkohol* (Produktion in Liter) | 267 Millionen Liter | 556 Millionen Liter | + 109 Prozent |
| *Die Position „Alkoholfreies Bier“ enthält neben Bier mit einem Alkoholgehalt von 0,5 Prozent Volumen oder weniger auch alkoholfreie Biermischgetränke. (Quelle: Destatis) |
Nachfrage nach Bier ohne Alkohol steigt extrem an
Eine Entwicklung, die auch Krombacher, ein Riese unter den NRW-Brauereien, so bestätigen kann. „Das sich verändernde Verbraucherbewusstsein, Konsumentenverhalten und Gesundheitsbewusstsein führen zu einem kontinuierlichen Anstieg bei der Nachfrage nach alkoholfreien Bieren“, erklärt Peter Lemm, Sprecher der Krombacher Brauerei, auf wa.de-Nachfrage. Er hat eine ähnliche Beobachtung wie auch die Bier-Kollegen aus Dortmund gemacht. „Alkoholfreies Bier ist längst kein ‚Ersatzprodukt‘ mehr, sondern eine erfrischende und ernstzunehmende Alternative“, meint Lemm.
Auch die Warsteiner Brauerei kann das bestätigen: „Alkoholfreie Biere sind in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil der Brauereiportfolios mit einer wachsenden Sortenvielfalt geworden – so auch bei uns“, so eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von wa.de. „Der Gesundheitstrend und der damit einhergehende Verzicht beziehungsweise der bewusstere Genuss von Alkohol ist weiterhin ungebrochen, gerade bei der jüngeren Generation. Hinzukommt, dass alkoholfreie Biere vermehrt als Alternative für Wasser, Säfte und Limonaden getrunken werden und dadurch nicht nur bei Biertrinkern an Beliebtheit gewinnen.“
Auch der Wunsch, noch Auto fahren zu können, befeuert diese Entwicklung: „Die Genussgewohnheiten haben sich in diesem speziellen Segment des Biermarktes verändert, wobei der Grund für ein alkoholfreies Bier meist anlassbezogen ist. Zumeist steht der Wunsch dahinter, noch Auto fahren oder aus ernährungsphysiologischen Gründen auf Alkohol verzichten zu wollen . Das behutsame, aber keineswegs sprunghafte Wachstum beweist, dass die Menschen mit stabiler Nachfrage hinter den alkoholfreien Produkten der Brauwirtscahft stehen, weil es eine wirkliche Alternative zu den oft allzu zuckerhaltigen Softdrinks ist. Vor allem die 0,0-Varianten bieten einen Genuss ohne Reue und geben dem Verbraucher eine absolut alkoholfreie Verzehrsicherheit“, so Pressesprecher Ulrich Biene von der Brauerei Veltins im Gespräch mit wa.de.
Das hängt sicherlich aber nicht nur mit dem Konsumverhalten der offenbar sportlich aktiven und ernährungsbewussten Biertrinkern zusammen. Die geschmackliche Weiterentwicklung der alkoholfreien Varianten dürfte vielen den Umstieg erleichtert haben. Lange war die „lasche Variante“ des Bieres verpönt. Zu süß, zu wenig Geschmack, nicht herb genug – eben einfach „falsch“ schmeckte es für viele. Das hat sich geändert.
Alkoholfreies Bier schmeckt heutzutage viel besser
„Da sich nun also geschmackvolle alkoholfreie Biere mit 0,0 Volumenprozent produzieren lassen und diese zunehmend gefragt sind – sie wuchsen zuletzt prozentual zweistellig –, hatten unsere Braumeister ein spezielles, mehrstufiges Herstellungsverfahren ausgetüftelt und für das Alkoholfreie von Brinkhoff’s eine neue Rezeptur entwickelt“, erklärt Helmich von den Dortmunder Brauereien. „Dabei“, ergänzt er, „haben unsere Braumeister die technische Weiterentwicklung zur Herstellung alkoholfreier Biere stetig verfolgt“. Ähnliches vernimmt man auch aus Krombach.
Allerdings stehen die „Nuller-Biere“ ihren alkoholhaltigen Geschwistern in Sachen Herstellung offenbar in nichts nach. „Der Brauprozess eines alkoholfreien Produktes ist nicht weniger aufwendig als der eines klassischen Bieres“, sagt Lemm. „Unsere alkoholfreien Biere werden nach einem eigens in Krombach über viele Jahre entwickelten Brauverfahren hergestellt. Bei der Herstellung von diesen Alkoholfreien werden nicht weniger Zutaten verwendet als für ein ‚normales‘ Bier: Wasser, Hopfen, Malz und Hefe“, erklärt der Krombacher-Sprecher.
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Ganz verdrängen können die alkoholfreien Biere die „normalen“ Biere aber trotz allem nicht. „Im Jahr 2023 haben die Brauereien in Deutschland gut 7,2 Milliarden Liter alkoholhaltiges Bier im Wert von rund 6,4 Milliarden Euro hergestellt“, teilt das Statistische Bundesamt mit. Dennoch sei dort ein Rückgang in den vergangenen zehn Jahren um 14 Prozent zu verzeichnen. „2013 wurden hierzulande noch knapp 8,4 Milliarden Liter alkoholhaltiges Bier produziert“, heißt es. Der Trend scheint also klar – und wurde von den Brauereien offenbar früh genug erkannt.
Das „normale“ Pils ist bei der Brauerei Veltins eben immer noch der Kassenschlager: „Der alkoholfreie Sortenanteil im nationalen Biermarkt wächst seit Jahren kontinuierlich, ist aber mit rund 8% ein vergleichsweise überschaubares Segment. Sortenfavorit ist und bleibt das „normale“ Pils mit einem Sortenanteil von 50% und das Helle mit einem Sortenanteil von 10%.“
Mehr als 500 alkoholfreie Biermarken soll es geben
Der Deutsche Brauer-Bund rechne laut Helmich damit, dass „schon bald jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier alkoholfrei sein“ werde. Mehr als 500 alkoholfreie Biermarken gäbe es laut Expertenschätzungen hierzulande bereits, Tendenz weiter steigend. Das Land der Biertrinker ist weiter im Wandel.
Alkoholfreie Biere haben sich etabliert und wer zu dieser Variante in Kneipen oder auf Partys greift, wird schon längst nicht mehr schief angeguckt – wenn denn der Rest nicht zuvor zu viel vom „Normalen“ genascht hat. Vielleicht lernen aber auch diese irgendwann, dass es auch ganz ohne schmecken kann.
Rubriklistenbild: © Patrick Pleul

