Neues Vorsorgekonzept

Aufschrei nach Ankündigung der neuen Frühstart-Rente – DGB mit düsterer Rechnung

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  • Carmen Mörwald
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Die Frühstart-Rente sorgt für Kritik. Der DGB warnt vor Rententricks. Die teure Symbolpolitik hat kaum Wirkung, die Gewerkschaft fordert Ehrlichkeit.

Berlin – Die deutsche Rentenpolitik steht erneut im Zentrum hitziger Debatten: Die Regierung verspricht ein stabilisiertes Rentenniveau bei 48 Prozent bis zum Jahr 2031 sowie die Einführung einer neuen kapitalgedeckten Vorsorgeform für Kinder und Jugendliche – die sogenannte Frühstart-Rente zum 1. Januar 2026.

Doch die im neuen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD vereinbarten Passagen sorgen für erheblichen Unmut – unter anderem aufseiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Gewerkschaftsvertreter sprechen von Rechentricks, Symbolpolitik und einem milliardenteuren Projekt ohne nachhaltige Wirkung. Eine ähnliche Kritik erfährt gerade die sogenannte Mütterrente.

Frührente als neues Sparkonzept? Merz-Plan stößt auf Kritik

Im Detail sieht die neue Frühstart-Rente vor, dass für jedes Kind vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein individuelles Altersvorsorgedepot eingezahlt werden. Das Depot soll privatwirtschaftlich organisiert und steuerfrei, also staatlich unantastbar sein. Die Ersparnisse sollen ab dem 18. Lebensjahr durch private Einzahlungen weiter aufgestockt werden können. Mit dem Ziel, eine ergänzende Altersvorsorge zu schaffen.

Doch das Konzept stößt bei Gewerkschaften auf massive Kritik. Anja Piel, Vorstandsmitglied des DGB, äußerte sich gegenüber IPPEN.MEDIA kritisch zur Frühstart-Rente: „Die Wirkung ist aufgrund der Größenordnung des individuellen Sparbetrags für Versicherte sehr bescheiden. Bei zehn Euro Monatsbeitrag kommt selbst bei 60 Jahren Ansparen bestenfalls eine Rente von rund 30 Euro brutto heraus.“

Frührente ab 2026: Die politische Einigung kann nicht über die gravierenden Differenzen zwischen Regierung und Gewerkschaften hinwegtäuschen.

Der Nutzen für die Versicherten sei marginal, die Kosten für den Staat jedoch enorm: „Dafür kostet es für die kommenden 60 Jahre rund eine Milliarde Euro pro Jahr – was privaten Versicherungskonzernen nützt, sonst aber niemandem wirklich weiterhilft“, so Piel weiter.

„Der Schein trügt“: Expertin arbeitet sich an Renten-Plänen von Merz ab

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB, warnt ebenfalls eindringlich vor den langfristigen Folgen und wirft der Union vor, das Rentenniveau mit statistischen Manipulationen künstlich hochzurechnen: „Die Renten sehen dann auf dem Papier stabil aus, aber der Schein trügt. Rentenkürzungen sind sozial ungerecht und kein Spielfeld für Konsolidierungen der Staatshaushalte“, sagte Fahimi gemäß einer DGB-Pressemitteilung.

Kritik äußert sich auch an der geplanten Änderung der Berechnungsgrundlage für die sogenannte Standardrente. Statt wie bisher von 45 Beitragsjahren auszugehen, soll künftig ein Referenzzeitraum von 47 Jahren herangezogen werden. Fahimi spricht von einem „unehrlichen Rechentrick“, mit dem eine faktische Rentenkürzung verschleiert werde. „Wer herzzerreißende Worte für die Anerkennung der Leistungen aller Mütter findet, sollte nicht zugleich eine Rentenkürzung für alle zukünftigen Rentnerinnen und Rentner vorschlagen“, so Fahimi weiter.

DGB kritisiert: Rente soll unabhängig vom Wirtschaftswachstum stabilisiert werden

Trotz der angekündigten Stabilisierung des Rentenniveaus bleibt der DGB skeptisch. Zwar begrüßt man, dass das Renteneintrittsalter nicht angehoben werden soll und auch die Rente nach 45 Beitragsjahren bestehen bleibt. Dennoch warnt Piel in einer weiteren Stellungnahme vom März 2025 vor möglichen finanziellen Fehlanreizen bei der Frühstart-Rente und betont: „Bei der sogenannten Aktivrente, bei der Frühstartrente der Union sowie zusätzlichen finanziellen Anreizen für längeres Arbeiten muss sichergestellt werden, dass sie auch tatsächlich nützen und nicht nur die Einnahmen der Sozialversicherung mindern.“

Ein weiteres Streitthema bleibt die Koppelung der Rentenstabilität an das Wirtschaftswachstum – eine Bedingung, die laut Fahimi nicht nur sozialpolitisch riskant, sondern auch verfassungsrechtlich fragwürdig sei. „Die Stabilisierung der Rente darf auch nicht abhängig gemacht werden vom Wirtschaftswachstum – auch dieses Hintertürchen hat sich die Union in der Sondierungsvereinbarung offengehalten“, so Fahimi.

Der Koalitionsvertrag kündigt zudem an, im Jahr 2029 eine umfassende Evaluierung der Rentenentwicklung vorzunehmen, um bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen. Zusätzlich soll eine neue Rentenkommission bis zur Mitte der Legislaturperiode eine Kenngröße für ein „Gesamtversorgungsniveau“ über alle drei Rentensäulen entwickeln. (ls)

Rubriklistenbild: ©  IMAGO/Symbolbild / Jens Schicke/IMAGO

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