„Prime Day“ 2023

Forderung nach mehr Gehalt: Verdi ruft am „Amazon Prime Day“ Beschäftigte zum Streik auf

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Geht es nach Willen der Gewerkschaft Verdi, bleiben am „Prime Day“ am 10. und 11. Oktober die Bänder in fünf Logistikzentren von Amazon still. (Symbolfoto)
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Am „Prime Day“ (10./ 11. Oktober) gibt's bei Amazon etliche Shopping-Deals. Ob Kunden die Schnäppchen zeitig in den Händen halten, ist fraglich – denn es soll gestreikt werden.

Kassel – Der nächste Amazon Prime Day steht vor der Tür – und wie es aussieht, wohl auch der nächste Streik, den Verbraucher ertragen müssen. Für Teile der beiden Aktionstage des Online-Riesen (10. / 11. Oktober) ruft die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) die Beschäftigten in fünf deutschen Verteilzentren dazu auf, die Arbeit niederzulegen. Ziel des Ausstandes: bessere Löhne für die Beschäftigten.

Im ersten Halbjahr 2023 rief Verdi immer wieder zu Streiks für bessere Verträge auf, sowohl Mitarbeitende der Deutschen Post als auch im öffentlichen Dienst folgten dem Ruf. Nach mehreren bestreikten Werktagen lenkte die DHL ein und sicherte unter anderem monatliche Zahlungen zum Inflationsausgleich und eine Einmalzahlung zu. Auch einen Anspruch auf ein 13. Gehalt konnte erwirkt werden.

„Beschäftigte brauchen Sicherheit“: Verdi ruft zum Streik auf und fordert bessere Verträge bei Amazon

Sonderzahlungen und einen tariflich gesicherten Lohn fordert Verdi auch für die Beschäftigten bei Amazon. „Zehn Jahre lang kämpfen die Kolleginnen und Kollegen bei Amazon für einen ordentlichen Tarifvertrag. Diesen verweigert der US-Handelskonzern von Anbeginn“, sagt die bundesweit koordinierende Verdi-Gewerkschaftssekretärin Monika Di Silvestre. „Die Beschäftigten brauchen auch und vor allem in der Krise materielle Sicherheit. Die bekommen sie nur mit einem ordentlichen Tarifvertrag“, so Di Silvestre.

Bereits in der Vergangenheit rief die Gewerkschaft Verdi zum Streik am „Prime Day“ auf – zuletzt im Juli 2023.

Um den Forderungen nach Tarifverträgen Nachdruck zu verleihen, sollen in den Verteilzentren Bad Hersfeld, Leipzig, Koblenz, Rheinberg und Werne die Arbeit bestreikt werden. Der Ausstand soll zum Dienstbeginn der Nachtschicht von Montag auf Dienstag starten und am Folgetag ganztägig gelten, heißt es in der Pressemitteilung von Verdi. Die Standorte Koblenz, Rheinberg, Werne, und Bad Hersfeld zählen zu den größten der insgesamt 20 Logistikzentren des Konzerns in Deutschland. Letzteres ist das Einzige in der Bundesrepublik mit zwei Warenlagern. Laut Immobilien Zeitung werden dort täglich 30.000 Pakete verarbeitet (Stand 2019).

Prekär ist der Streik vor allem deshalb, weil am Dienstag und Mittwoch (10. und 11. Oktober) der „Amazon Prime Day“ erfolgen soll. An den Aktionstagen bietet das US-Unternehmen ihren Prime-Mitgliedern eine Vielzahl von Produkten zu Rabatten an.

Streik zum Prime Day bei Amazon – „Brauchen Anerkennung für die Beschäftigten“

Dabei hat sich die Arbeitnehmer-Gewerkschaft bewusst für die Aktionstage des Onlineversandhändlers entschieden. „Wir freuen uns für die Kundinnen und Kunden, dass sie am Prime-Day Vergünstigungen bekommen“, so di Silvestre. „Aber wir brauchen für die Beschäftigten, die das alles überhaupt erst möglich machen, auch Anerkennung.“

Neben den Black Friday Deals zählt der „Prime Day“ zu den umsatzstärksten Verkaufstage im Hause Amazon: Seit Jahren nahmen die Verkaufszahlen jährlich zu, in den Jahren der Corona-Pandemie nahm der Absatz sogar sprunghaft zu. Beim Prime Day im Sommer verkaufte der Online-Gigant laut eigenen Informationen weltweit mehr als 375 Millionen Artikel. Experten schätzen den Gesamtumsatz weltweit in den beiden Juli-Tagen (11. und 12.) auf 12,9 Milliarden US-Dollar.

Unternehmen erwartet keine Einschränkungen durch Streik am „Amazon Prime Day“

Wie viele Beschäftigte bei Amazon dem Aufruf zum Streik folgen, ist unbekannt. Aufseiten des Unternehmens rechne man jedenfalls nicht mit Einschränkungen bei der Abfertigung und Bearbeitung von Kundenbestellungen durch den Streik, wie ein Sprecher gegenüber hna.de von IPPEN.MEDIA sagt. „Unsere Teams an den Logistik-Standorten haben sich gewissenhaft auf die Prime Day Aktionstage vorbereitet und sind bereit, die Kundenbestellungen zu bearbeiten“, heißt es.

Einstiegsgehalt stieg zuletzt bei Amazon – laut Verdi ist das nicht genug

In den vergangenen Jahren habe Amazon auf Druck ihrer Beschäftigten die Stundenlöhne mehrfach angehoben, informiert Verdi. Was konkret und wie viel Gehalt die Gewerkschaft für die Beschäftigten in den Verteilzentren fordert, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor. Laut Homepage des Konzerns wurde zu September 2023 der Mindeststundenlohn für Einsteiger auf 14 Euro (Brutto) angehoben. Dies sei eine Steigerung von 30 Prozent seit 2019 und mehr als 16 Prozent seit Beginn des Vorjahres.

Der Jahresverdienst nach zwei Jahren auf Vollzeitbasis läge laut aboutamazon.de bei „durchschnittlich rund 37.000 Euro brutto“. Der Konzern verspricht neben garantierten Lohnerhöhungen in den ersten zwei Jahren „ein großes Paket an Extras“, zum Beispiel die Kostenübernahme für das 49-Euro-Ticket für die rund 36.000 festangestellten Beschäftigten bei Amazon. „Wir bieten eines der weltweit fortschrittlichsten Arbeitsumfelder mit wettbewerbsfähigen Löhnen, Prozessen und Systemen, die das Wohlbefinden und die Sicherheit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleisten“, so das Statement des Unternehmens. 

Dennoch blieben trotz Lohnerhöhungen die Einkommen der Beschäftigten durch längere Arbeitszeiten und niedrige oder fehlende Sonderzahlungen oft um mehrere hundert Euro unter denen ihrer Kollegen in vergleichbaren tarifgebundenen Unternehmen, kritisiert Verdi. Doch nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte stand der Konzern in der Vergangenheit bereits in der Kritik – laut Verbraucherzentrale würde Amazon Verbraucher mitunter bewusst in die Irre führen. (rku)

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