Demenz auch bei Kindern möglich: Gestörtes Verhalten und Sehschwäche sind erste Anzeichen
VonNatalie Hull-Deichsel
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Bei Demenz und Alzheimer denkt man in der Regel an erwachsene Patienten. Tatsächlich gibt es Formen von Erkrankungen, die bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten – mit schwerem Verlauf.
Kinderdemenz ist ein Sammelbegriff für 250 seltene, neurodegenerative Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – im Gegensatz zu den 50 Formen der Demenz wie Alzheimer bei Erwachsenen. Dadurch kommt es zu einem Rückgang der kognitiven und körperlichen Fähigkeiten, so das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE). Was die Erkrankungen für Kinder und besonders auch die Eltern so dramatisch macht: In den meisten Fällen entwickeln sich Betroffene zunächst völlig normal und unauffällig, zeigen eine altersgerechte kognitive und motorische Entwicklung ihrer Fähigkeiten. Abhängig von der Erkrankungsform verlieren sie diese Fähigkeiten jedoch unaufhaltsam wieder. Die erkrankten Kinder werden durch die Demenz zunehmend pflegebedürftig. Wie früh sich erste Symptome zeigen und wie schnell diese voranschreiten, hängt von der jeweiligen Demenzform ab.
Demenz bei Kindern: Welche Erkrankungsformen gibt es?
Gemäß der Angaben des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE ) sind je nach Krankheitsform 1 von 2.000 bis 1 von 500.000 der Kinder in Deutschland betroffen. Die häufigsten Demenzformen bei Kindern sind:
Neuronale Ceroidlipofuszinosen (NCL), im englischsprachigen Raum als sogenannte „Batten-Krankheit“ bekannt
Metachromatische Leukodystrophie (MLD)
X-chromosomale Adrenoleukodystrophie (X-ALD, Addison-Schilder-Syndrom), von der vorrangig Jungen betroffen sind
Alpers-Syndrom (POLG)
Multiple Sulfatasedefizienz (MSD, Austin-Syndrom)
An der Neuronalen Ceroid-Lipofuszinose (NCL) erkranken etwa die Hälfte aller von Demenz betroffenen Kinder und Jugendlichen. Ca. 40 Prozent sind von verschiedenen Formen der Leukodystrophie betroffen, erblich bedingten Stoffwechselkrankheiten der weißen Gehirnsubstanz Substantia alba.
Demenz bei Kindern: Was ist die Ursache für eine frühe Erkrankung?
Ursache für Demenz bei Kindern sind erblich bedingte Gendefekte, die oftmals zu einem gestörten Stoffwechsel im Gehirn führen. Das hat zur Folge, dass wichtige Bausteine für den Aufbau und die Funktionen von Hirngewebe und Nervenzellen fehlen, wodurch giftige und krankmachende Stoffwechselprodukte nicht abgebaut werden können und sich im Gehirn ablagern. Dadurch werden Nervenzellen geschädigt und sterben ab.
Kinderdemenz: Gibt es Behandlungsmöglichkeiten?
Für einige der neurodegenerativen Erkrankungen bei Kindern stehen wirkungsvolle Behandlungsansätze zur Verfügung, durch die fehlende Substanzen oder Enzyme von außen zugeführt werden, beispielsweise bei MLD und einer speziellen Form der NCL. Bei einigen Demenzformen, beispielsweise der X-ALD, kann eine Transplantation von blutbildenden Stammzellen (hämatopoetischen Stammzellen) oder eine Gentherapie hilfreich sein, so das DZNE. Für die Mehrzahl der Demenz-Erkrankungen bei Kindern gibt es bislang keine ursächliche Therapie, durch die sich eine vollständige Heilung erzielen ließe.
Die Diagnose spätinfantile Neuronale Ceroid Lipofuszinose (NCL-CLN2) bedeutete bisher für die meisten Kinder ein frühes Versterben. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) entwickelten weltweit die erste Therapiemöglichkeit zur Behandlung von CLN2. „Die Studie hat gezeigt, dass durch diese Therapie erstmalig ein Mittel gegen das rasante Fortschreiten der Krankheit entwickelt worden ist“, zitiert WELT Professor Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE. Die Wissenschaftlerin leitete auch die internationale Studie zu Demenz bei Kindern, deren Ergebnisse im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden.
Erste Anzeichen von Demenz: Elf Symptome können auf die Erkrankung hindeuten
Erste Anzeichen treten bei Kindern in der Regel zwischen drei bis sechs Jahren auf. Die Krankheit schreitet meist sehr schnell voran. Der geistige Abbau beginnt in etwa ab dem achten Lebensjahr. Wie auch bei erwachsenen Menschen, die eine Demenz entwickeln, nehmen betroffene Kinder die Veränderungen an sich selbst häufig noch deutlich war, was eine Persönlichkeitsveränderung zur Folge hat und schwere Auswirkungen auf die Psyche zeigt. Des Weiteren kann es zu folgenden Symptomen kommen:
Sehschwäche und schlechtes Hören, meist als erste Anzeichen der Krankheit
Angstzustände
Aggressives Verhalten
Häufiges Stolpern
Krampfanfälle, epileptische Anfälle
Herzschwäche
Aussprache wird schlechter, mit ca. 13 Jahren können viele der betroffenen Kinder nicht mehr sprechen
Fähigkeit zu schreiben und zu rechnen geht verloren
Rückgang der motorischen Fähigkeiten, Kinder können nicht mehr laufen
Taubheit
Erblindung
Häufig wird eine Diagnose erst dann gestellt, wenn die Erkrankung neuronal bereits weit fortgeschritten ist. Viele Ärzte ziehen diese seltene Erkrankung bei Kindern zunächst nicht in Betracht, so die Bundesinnungskrankenkasse Gesundheit (BIG).
Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion leider nicht beantwortet werden.