VonChristoph Gschoßmannschließen
Er bekommt Geld vom Staat, doch ist ihm das zu wenig. Der arbeitslose Pierre aus Kerpen stiehlt sich deshalb das, was er haben will.
Kerpen – Seitdem es Bürgergeld gibt, bekommen Bedürftige mehr Geld vom Staat. Ein Beispiel vom Sender RTL 2 zeigt, dass die alten Hartz-4-Sätze für manche deutlich zu wenig waren. Pierre aus Kerpen in NRW musste sich mit 420 Euro Hartz IV über Wasser halten. Heutzutage bekäme er vermutlich 563 Euro. Doch würde ihm das reichen? Zum Zeitpunkt des Drehs der RTL-2-Armutsreportage „Armes Deutschland – stempeln oder abrackern“ gab es noch Hartz IV. Nun wurde der Fall nach Einführung des Bürgergeldes im Fernsehen ausgestrahlt.
Hartz-IV-Empfänger wurde mit 18 zum Drogendealer – Satz von 420 Euro reichte Familienvater nicht
Pierre aus der RTL-2-Doku kam mit der Hartz-IV-Rate nicht über die Runden. Mit 18 Jahren wurde der heute 35 Jahre alte Mann nach eigenen Angaben zum Drogendealer. Seitdem habe sein Leben eine schlimme Wendung nach der anderen genommen.
Seit zehn Jahren war Pierre arbeitslos und lebte von 420 Euro Hartz IV. In der vor Einführung des Bürgergeldes gedrehten Folge rechnet der Vater einer zehnjährigen Tochter vor, dass er alleine 600 Euro für Zigaretten und Marihuana braucht. Auch bei „Hartz und herzlich“-Star Sandra ist „das ganze Geld weg“. Pierre würde also wohl auch der Bürgergeld-Satz nicht reichen.
Die Unterschiede zwischen Hartz IV und Bürgergeld
Jedoch wie groß ist der Unterschied von Hartz IV und Bürgergeld eigentlich? Der Standardsatz für eine alleinstehende Person ist aktuell um 114 Euro pro Monat höher angesetzt. Auch übernimmt das Jobcenter ohne Höchstgrenze bestimmte Kosten wie Miete und Heizkosten, zumindest im ersten Jahr.
| Hartz IV: Bis 31. Dezember 2022 | Bürgergeld: Seit 1. Januar 2023 | |
| Satz für alleinstehende Person | 449 Euro | 563 Euro |
| Kostenübernahme | Miete, Heizkosten mit Höchstgrenze | Keine Höchstgrenze im ersten Jahr |
| Satz-Entwicklung | Inflationsrate des Vorjahres | Bevorstehende Inflationsrate |
| Schonvermögen | 10.050 Euro | 15.000 Euro (im ersten Bezugsjahr 40.000) |
Die Sätze orientieren sich außerdem beim Bürgergeld an der zu erwartenden Inflation im nächsten Jahr, was den Empfängern mehr Geld beschert als bei der bisherigen Regelung, bei der sich die Sätze an den Inflationsraten des Vorjahres orientiert hat. Auch das Schonvermögen, über dem man keine Leistungen bekommt, ist angestiegen.
Arbeitsloser Pierre erzählt bei RTL 2: „Stehe wieder mit einem Bein im Knast“
Für Pierre war der Hartz-IV-Satz jedenfalls zu niedrig. „Das Geld ist meistens nach zwei Tagen weg“, sagte er. Er leihe sich Geld bei Eltern oder Freunden, aber auch das reiche nicht. Deshalb wisse er sich nicht anders zu helfen, als das, was er brauche und wolle, zu stehlen. Er spricht von Waren im Wert von 3000 bis 4000 Euro im Monat. Erst vor wenigen Wochen sei er aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er schon mehrfach war.
Und möglicherweise auch nicht zum letzten Mal: „Ich stehe schon wieder mit einem Bein im Knast“, gibt er zu Protokoll. Drei Ausbildungen hatte er zwischenzeitlich zwar angefangen, aber alle abgebrochen. Die Wohnung des Bezugsempfängers kann nur als Bruchbude bezeichnet werden. Nicht ohne Stolz präsentierte er in der Doku einige Dinge, die er gestohlen hat.
Trotz langjähriger Arbeitslosigkeit: Pierre aus Kerpen nennt sich „überqualifiziert“
Pierre ist unzufrieden darüber, nicht genug Geld zu haben: „Manchmal will ich auch lecker Steak essen und habe das Geld einfach nicht. Oder ich will mir eine Flasche Cola reinhauen und nicht Freeway-Cola, sondern was Gutes. Warum soll man denn, nur weil man Hartz-4-Empfänger ist, auf den ganzen Scheiß verzichten?“, lautet seine Frage.
Doch trotz langjähriger Arbeitslosigkeit bezeichnet sich Pierre in der Doku als „überqualifiziert“. Er habe viele Talente, aber arbeiten gehen wolle er weiterhin nicht, stattdessen ist er lieber „sein eigener Herr“. Weiter sagte er: „Warum soll ich mich da hinstellen für 1000 Euro? Da gehe ich lieber nicht arbeiten und wenn ich morgens aufstehe, gehe ich spazieren im Wald und mach das, worauf ich Bock hab.“ „Hartz und herzlich“-Star Jean legte jüngst seinen Verdienst inklusive Bürgergeld offen. Tatsächlich finde er zu viel, was er pro Monat verdiene. (cgsc)
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