- VonCarmen Mörwaldschließen
Kurz vor ihrem Ableben entschied sich die 92-jährige Carry K., ihr Vermögen doch nicht ihren Cousins zu hinterlassen. Es folgte ein heftiger Erbstreit.
Wiltshire – Wie sagt man so schön? Beim Erben zeigt sich der Charakter der Menschen. Davon konnte die 92-jährige Carry K. aus England wohl ein Lied singen. Vor ihrem Tod war vorgesehen, dass ihren Cousinen und Cousins ihr Erbe vermacht wird. Auf dem Sterbebett entschied sie sich jedoch kurzerhand um und zerriss das Testament, wie die britische Zeitung The Mirror berichtete. Was folgte, war ein Erbstreit zwischen den ursprünglich Erbenden und ihrer jüngeren Schwester.
Vor ihrem Tod: 92-Jährige zerreißt Testament wegen Unstimmigkeiten mit den Erbfolgern
Die 92-Jährige war einst Besitzerin eines wirtschaftlich erfolgreichen Wohnwagenplatzes und hinterließ dem Bericht zufolge ein Vermögen von 800.000 Pfund (umgerechnet rund 952.000 Euro), das hauptsächlich in ihrem Haus und ihrem Grundstück in Wiltshire angelegt war. In einem Testament stand geschrieben, dass fast alles, was sie besaß, unter den fünf entfernten Cousinen und Cousins aufgeteilt werden sollte. Doch auf ihrem Sterbebett wendete sich das Blatt zugunsten ihrer eigenen Schwester.
Der Grund: Trotz Widerwille wollten ihre Cousinen und Cousins die 92-Jährige laut der britischen Zeitung in ein Pflegeheim stecken. Doch auch mit ihrer jüngeren Schwester soll sie kein perfektes Verhältnis gepflegt haben. Demnach habe die beiden eine „Hassliebe“ verbunden, weil ihre Schwester einmal Ehebruch begangen habe. Das missfiel K. wiederum. Dennoch war sie es, die die 92-Jährige regelmäßig zu Arztterminen begleitete und sich am Sterbebett um sie kümmerte.
Ein 90-jähriger Brite ging sogar noch weiter: Nach seinem Tod hinterließ der Briefmarkensammler fast sein gesamtes Vermögen seiner Reinigungskraft. Sie erhielt etwa 200.000 Pfund (umgerechnet rund 240.000 Euro) sowie seine teure Briefmarkensammlung. Seine Familie ging dagegen fast leer aus.
Testament auf dem Sterbebett zerrissen: Handelte die 92-Jährige rechtskräftig?
Um ihre Entscheidung rechtskräftig zu machen, zerriss die 92-Jährige im Januar 2022, etwa drei Wochen vor ihrem Tod, das Testament – basierend auf dem viktorianischen Gesetz von 1837 (Wills Act 1837). In diesem wurde festgelegt, dass ein Testament absichtlich zerstört werden darf, wenn die Person, die es verfasst hat, es nicht mehr gültig haben möchte. Das Zerreißen gilt als sichtbares Zeichen dafür, dass die Wünsche im Testament nicht mehr gelten sollen.
Genau das wollen ihre Cousinen und Cousins nun anfechten, indem sie sich auf eine altbekannte Methode stützen: Sie behaupten, dass die 92-Jährige nicht mehr die Kraft dazu hatte, das Testament zu zerstören. Tatsächlich schaffte sie es nur, das Dokument zu drei Vierteln durchzureißen. Für den Rest beauftragte sie ihre Anwältin. Diese gab vor Gericht zu Protokoll, dass ihre „bekannte und langjährige Klientin“ in ihren Augen völlig klar im Kopf und „geschäftsfähig“ gewesen sei.
Besonders brisant: Wie das zuständige Gericht erfuhr, habe sich K. bereits im November 2021 an die Anwaltskanzlei gewandt und erklärt, sie wolle die Cousins aus ihrem Testament streichen, nachdem sie sich mit ihnen zerstritten habe. „Nachdem sie das Testament zerrissen hatte, fühlte ich mich zuversichtlich und wohl, dass sie Frieden gefunden hatte“, sagte die Anwältin. Der Richter hat sich seine Entscheidung in dieser Sache für einen späteren Zeitpunkt vorbehalten. (cln)
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