„Rückenwind durch Helfer“

Kinderarzt appelliert: Um gute Eltern sein zu können, braucht es unbedingt Unterstützung

  • schließen

Was gute oder schlechte Eltern sind, dazu gibt es viele Meinungen. Ein Kinderarzt stellt fest: Eltern fehlt es an Unterstützung, um kompetent zu werden.

Wie schwer, anstrengend und verantwortungsvoll es ist, Kinder zu erziehen, das kann man erst verstehen, wenn man selbst Mutter oder Vater ist – zumindest ist das die These vieler Eltern, auch generationenübergreifend. Während für unsere Eltern und Großeltern aufgrund der zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Widrigkeiten das Thema „Erziehung durch Beziehung“, das unter anderem von der Pädagogin Katia Saalfrank geprägt wurde, weniger bedeutsam war, ist es vielen Eltern von heute besonders wichtig, alles richtig in der Erziehung zu machen. Was nicht heißt, dass es ihnen immer gelingt – denn was bedeutet schon „alles richtig“? Es gibt Faktoren und Voraussetzungen, die für eine gute Kindererziehung wichtig sind, beispielsweise Kompetenz der Eltern. Der deutsche Kinderarzt und Vater von vier Kindern, Dr. med. Herbert Renz-Polster, erläutert, was für ihn Kompetenz der Eltern bedeutet.

Erziehung: Eltern fehle es unfreiwillig an Kompetenz

Eltern brauchen gerade am Anfang einfach Unterstützung und Kraft, um ihre nötige Kompetenz entwickeln zu können.

Eltern untereinander sind häufig die stärksten Kritiker, wenn es um die vermeintlich richtige Erziehung ihres Kindes geht. Während die einen sich als Helikopter-Eltern verstehen, um somit aus ihrer Sicht dem Kind etwas Gutes zu tun, sehen sich Panda-Eltern als bessere Vorbilder. Andere Eltern setzen wie schon die Elterngenerationen auf Strenge in der Erziehung für ein erfolgreiches Leben. Dazu gehöre auch Disziplin und Grenzen-setzen, was viele Eltern von heute zu wenig tun würden, wie manche Erziehungswissenschaftler kritisieren. Der Kinderarzt Dr. med. Herbert Renz-Polster beschreibt in seinem Buch „Kinder verstehen“, dass es sich „bei einem guten Teil der ‚unerzogenen‘ Kinder schlicht und einfach um vernachlässigte Kinder“ handele, um Kinder, „denen es am Nötigsten fehlt – an der Erfahrung von Zuwendung, Klarheit, Verlässlichkeit und einem stabilen Bindungssystem.“ Bei einem anderen, aus seiner Sicht leider zunehmenden Teil der heutigen Kinder fehle es zwar nicht an Bindung, Liebe oder an „Grenzen-Setzen“, vielmehr bräuchten diese Eltern oft einfach Unterstützung und Kraft, um die nötige Kompetenz entwickeln zu können.

Nichts verpassen: Alles rund ums Thema Gesundheit finden Sie im regelmäßigen Newsletter von 24vita.de.

Mental Load, Stress, Schlafmangel, Einsamkeit: Dinge, die sich Eltern mit Kind anders vorgestellt haben

Mutter liegt mit Baby in der Wiese
Die Elternzeit wird schön, endlich Freizeit, wie Urlaub, abschalten und die Zeit mit dem Baby genießen, viel spazieren gehen, die angefangenen Bücher fertig lesen, neue Kochrezepte ausprobieren. Was sich gerade Mütter während der ersten Schwangerschaft ausmalen, entspricht in vielen Fällen nicht dem, wie es dann wird. Manche Mütter und Väter fühlen sich vom neuen Lebensabschnitt überrollt und trotz aller Vorbereitungen doch nicht genug vorbereitet. (Symbolbild) © Kzenon/Imago
Frau enttäuscht am Telefon
So sehr sich viele Mütter über den positiven Schwangerschaftstest und den Nachwuchs freuen, umso herausfordernder kann dann die Organisation rund um die Geburt werden. Je nachdem, in welcher Stadt sie leben, wird Eltern geraten, sich frühzeitig um einen Platz zur Entbindung in einer Klinik zu bemühen. 24vita.de sprach mit einer Mutter, die bereits in der 6. Woche der Frühschwangerschaft von Kliniken am Telefon abgewiesen wurde, weil sie zum errechneten Entbindungstermin keinen Platz ermöglichen konnten. „Das habe ich wirklich nicht erwartet“, berichtete die Mutter. (Symbolbild) © AntonioGuillem/Imago
Zwei Frauen mit Baby am Wickeltisch.
Ein für viele Mütter besonders frustrierender Umstand ist der Mangel an Hebammen in Deutschland, insbesondere zur Nachsorge. Ein Umstand, den sich so manche Eltern wohl anders vorgestellt haben. Die Hebamme kommt nach der Geburt zu den Müttern nach Hause – anfangs täglich, später wöchentlich – sieht nach dem Baby und ist auch wertvolle Ansprechpartnerin für die Mutter. Eltern brauchen speziell am Anfang Unterstützung und Kraft, um ihre nötige Kompetenz entwickeln zu können. Gerade nach der Geburt fühlen sich viele Mütter körperlich und mental erschöpft. Die Hebamme kontrolliert in der Nachsorge zudem die Rückbildung der Gebärmutter bei der betreffenden Mutter, den Wochenfluss sowie die Wundheilung von Riss- oder Operationswunden bei Dammriss oder -schnitt sowie Kaiserschnitt. Außerdem zeigt die Hebamme ihnen erste Übungen der Rückbildungsgymnastik. (Symbolbild) © Mareen Fischinger/Imago
Mutter sitzt erschöpft vor Babybett
Ein Baby bedeutet das pure Glück – so denken und hoffen es die meisten Eltern. Doch nicht immer stellt sich nach der Geburt das Gefühl von Glück und unendlicher Liebe ein. Bei etwa 710.000 Geburten pro Jahr in Deutschland zeigen über 70.000 Frauen und mit ihnen auch Männer pro Jahr Symptome einer postpartalen Depression. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Vater und Sohn schlafen im Sitzen
„Schlaf immer dann, wenn das Baby schläft.“ Ein gut gemeinter Rat von anderen Eltern, der nach der Geburt eine besondere Bedeutung einnehmen wird. Denn den schwierigen Umstand der veränderten Schlafqualität mit Schlafmangel haben sich viele Eltern definitiv anders vorgestellt. Nicht selten fühlen sich die übermüdeten Mütter und Väter dann über den ganzen Tag schläfrig-benommen, leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, Stimmungsschwankungen und sind stark reizbar. (Symbolbild) © Tanya Yatsenko/Imago
Mutter mit Baby erinnert sich
Zu dem neuen Leben mit Baby kommen auch jede Menge Aufgaben auf Mütter und Vater zu, angefangen vom neuen Tagesablauf, den oftmals kurzen Nächten, über das Stillen des Babys und Fläschchen geben bis hin zu Nachsorge- und Vorsorgeterminen. Gerade Mütter berichten, das Gefühl zu haben, an vieles denken zu müssen und machen dabei häufig die Erfahrung – auch wenn das Kind schon älter ist sowie, wenn Geschwister dazu kommen – Termine, Verabredungen oder Aufgaben zu vergessen. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Frau sortiert Wäsche in Waschmaschine
Mit dem Nachwuchs wird die Arbeit im Haushalt nicht weniger, ganz im Gegenteil. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, so viel Wäsche pro Woche zu waschen“, erzählt eine Mutter 24vita.de im Gespräch. Mit dem Baby in der Familie fehlt es dann schlicht und ergreifend häufig an Zeit und vielen Eltern auch an Energie, Aufgaben zu erledigen, selbst wenn Eltern das Kind einbinden oder sich zur Erholung zum schlafenden Baby dazu legen. (Symbolbild) © YAY Images/Imago
Frau in der Dusche
Eine ausgiebige Dusche oder ein schönes, warmes Bad. Was für Menschen ohne Kinder meist selbstverständlich ist, muss von Eltern mit Baby nicht selten zeitlich eingeplant werden. „Ich habe anfangs immer nur ganz schnell duschen können, weil unser Kleiner nicht gerne abgelegt werden wollte und dann viel weinte“, beschreibt eine Mutter im Gespräch mit 24vita.de. Zwar mag es für die einen absurd klingen, doch ist dieser Umstand für so manche Mutter oder manchen Vater nach der Geburt des Babys blanke Realität, die vorher nicht in ihrer Vorstellung vorkam. (Symbolbild) © Ihar Ulashchyk/Imago
Mutter wiegt Baby im Arm
Über neun Monate warten Eltern darauf, ihr Baby in den Armen halten zu können. „Jeden Tag war das für mich ein besonderer Moment, wenn ich unser kleines Baby im Arm hielt, sie wiegte, an ihr roch“, so die Mutter einer jetzt 4-Jährigen. Die meisten Eltern freuen sich auf ihre Elternzeit mit Kind, doch es gibt auch die Mütter und Väter, die sich in dieser ersten Zeit mit Kind dennoch alleine fühlen, da ihnen beispielsweise die Ansprache mit anderen fehlt. (Symbolbild) © Monkey Business 2/Imago
Eltern mit kleinem Baby
Mit der Geburt des Babys werden aus zwei Menschen eine Familie. Wo sich vorher die Frau und der Mann voll auf ihre Partnerschaft konzentrieren konnten, stehen nun in der Regel vorrangig die Bedürfnisse des Nachwuchses im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Baby verändert zwar eine Partnerschaft, kann sie aber auch bereichern. Mutter und Vater ist eine Rolle im Leben, in die Eltern zunächst hineinwachsen müssen, die auch mit Tücken, Hindernissen und verschiedenen Gefühlen verbunden ist, auch wenn es in der eigenen Vorstellung einfacher schien. (Symbolbild)  © Cavan Images/Imago

Erziehung: „Elternsein ist ohne Unterstützung nicht möglich“

Dr. Renz-Polster wirft dabei kritische Fragen auf, wie „Wo kann Elternsein geübt werden? Wo können Erwachsene lernen, locker, angstfrei und kompetent auf kleine und ganz kleine Menschen zuzugehen?“ Er spricht sich dafür aus, dass Eltern von heute mehr Möglichkeiten erhalten sollten, Erfahrungen sammeln zu können. Deutschland hätte in der Hinsicht vieles aufzuholen. In Schulen in den USA könnten Schüler das Wahlfach „Babybetreuung“ wählen und in der schuleigenen Krippe mitarbeiten. „Was wäre denn dabei, wenn Schüler die Möglichkeit bekämen, in Kindergärten, Krippen oder im Hort mitzuarbeiten? Einer Gesellschaft, in der es kaum noch Geschwisterkinder gibt, würde dies wichtige Impulse geben. Wie wäre es, wenn werdende Eltern in den Schwangerschaftskursen weniger das Hecheln lernten, sondern sich mit bereits gewordenen jungen Eltern zusammentäten und deren Säuglinge eine Weile betreuten?“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist bereits in der Vergangenheit erschienen. Er hat viele Leserinnen und Leser besonders interessiert. Deshalb bieten wir ihn erneut an.

Für den Kinderarzt Dr. Renz-Polster ist klar, dass Kompetenz von Eltern nur mit dem „Rückenwind durch Helfer“ entstehen und wachsen kann. Gemäß dem afrikanischen Sprichwort: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Die Unterstützung junger Familien durch Nachbarn, Freunde, Paten, Hebammen, Erzieher, gute Krippen, gute Horte, guter Tagesmütter ist heute dringender denn je. Damit Eltern Zuversicht gewinnen und ihre Kinder Selbstbewusstsein entwickeln können.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

Rubriklistenbild: © Mareen Fischinger/Imago

Kommentare