Generationenkapital

Experte mit klarer Meinung zur Aktienrente: „Zu spät und der Wumms ist zu klein“

  • schließen

Am Dienstag hat die Bundesregierung die Pläne zur Aktienrente präsentiert. Im Interview mit echo24.de schätzt ein Experte das geplante Finanz-Projekt ein.

Mehr Rente durch Aktiengeschäfte – so lautet die Devise bei der neuen Rentenreform der Bundesregierung. Arbeitsminister Hubertus Heil und Finanzminister Christian Lindner haben am Dienstag ihre Pläne zum Generationenkapital vorgestellt. Demnach sollen alleine in diesem Jahr zwölf Milliarden Euro Schulden gemacht werden, die dann in einen Fonds wandern. Doch wie riskant ist diese Aktienrente? 

Bundesregierung will bis 2035 mit milliardenschweren Fonds die Rente zusätzlich finanzieren

Die Rente besteht derzeit aus zwei Säulen: Zum einen den Beiträgen, die Arbeitnehmer monatlich zahlen und zum anderen den Zuschüssen des Bundes. Künftig bilden die Gewinne aus dem Aktienfonds die dritte Säule – so lautet zumindest der Plan der Bundesregierung. Bis 2035 soll dafür ein Kapitalstock von 200 Milliarden Euro in Aktien investiert werden. Das Ziel: Das Rentenniveau von 48 Prozent, den Beitragssatz und das Eintrittsalter halten.

Was ist das Rentenniveau?

Das Rentenniveau gibt an, wie viel Ruheständler prozentual von ihrem letzten Nettoeinkommen an Rente erhalten. Bei einem letzten Nettoverdienst von 3.000 Euro und einem Rentenniveau von 48 Prozent, läge die Rente also bei 1.440 Euro monatlich.

Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) betonten Heil und Lindner, dass es beim Generationenkapital nicht um Zockerei und kurzfristige Spekulationen gehe. „Das ist langfristig gut angelegtes Geld“, sagte der Arbeitsminister. Beim grünen Koalitionspartner seien hingegen einige Sicherheitsfragen noch nicht geklärt. Auch die Deutsche Rentenversicherung äußert sich skeptisch. Wie sicher ist das Generationenkapital?

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland derzeit nicht nur in Sachen Rentenniveau hinterher. Auch bei der kapitalgedeckten Rente legen andere Länder vor: Schweden führte ihre „Prämienrente“ bereits im Jahr 1999 ein. 2,5 Prozent des Rentenbeitrags aller Arbeitnehmer wird dabei in Aktienfonds investiert. Der staatliche Fond namens „AP7“ erreichte seitdem einen durchschnittlichen Wertzuwachs von elf Prozent. 

Wagner: Generationenkapital sei gute Idee, „aber zu spät und der Wumms zu klein“

Im Interview mit echo24.de sieht Prof. Dr. Fred Wagner vom Institut für Versicherungslehre an der Universität Leipzig eine Aktienanlage zwar als per se risikobehaftet, stellt allerdings fest: „Auf längere Sicht ist es typischerweise so, dass die Wertentwicklung nach oben geht“.

Doch für den Fonds nimmt die Regierung Schulden zu einem gewissen Zinssatz auf. Im Umkehrschluss heißt das, dass der Gewinn aus dem Aktiengeschäft nicht vollständig in die Rente eingezahlt werden kann, sondern auch verwendet werden muss, um die Zinsen auszugleichen.

Ein Überschuss kann folglich nur dann erzielt werden, wenn der Zinssatz für die Schulden geringer ist, als die Renditen, die aus dem Aktiengeschäft erzielt werden. „Nur dieser Überschuss soll zur Flankierung der Rente verwendet werden“, so Wagner. „Die Idee ist gut, aber zu spät und der Wumms ist zu klein“. Wagner sagt weiter: „In elf Jahren sind wir schon tief in der Demografie-Falle drin“. 

„Generationenkapital wird kaum substanziell sein“ – Aktiengeschäfte nur als Add-On

Wagner glaubt, dass auch mithilfe des Generationenkapitals das Eintrittsalter, die Beitragssätze und die Minimumrente auf Dauer nicht gehalten werden kann: „Ich denke, es wird eine Mischung aus diesen drei Stellschrauben sein. Das Generationenkapital ist nur ein Add-On und wird kaum substanziell sein können. Alle drei Haltelinien einzuhalten, ist eine Illusion.“

Dennoch betont er, dass die gesetzliche Rentenversicherung ein gutes System und ein solides Fundament sei. Allerdings werde man „nicht auf Dauer damit rechnen können, dass die gesetzliche Rentenversicherung den Lebensstandard erhält, den man in der erwerbstätigen Phase hatte“, so Wagner.

Viele Fragen weiterhin offen – Wagner sieht Migration als Chance für die Rente

An der demografischen Lage werde man laut Wagner kurzfristig nichts ändern können, „außer noch mehr Migration, die wir auch brauchen, um mehr Arbeitskräfte im Land zu haben. Auch für die Rente.“ Weiter sagt er: „Um die Gesellschaft weiterzubringen, brauchen wir Migration in den Arbeitsmarkt hinein“.

Mit einem Blick in die Zukunft stellt sich letztlich noch die Frage, ob künftige Regierungen die neue Rentenreform mittragen. Schließlich müssen für das Generationenkapital jedes Jahr neue Schulden gemacht werden. „Wer weiß denn, ob eine nächste Regierung das Generationenkapital auch noch trägt? Es gibt noch viele Fragen, die es zu klären gibt“, sagt auch Wagner. 

Rubriklistenbild: © Sascha Steinach/Imago

Kommentare