Besser als Porsche?

Hyundai Ioniq 5 N im Fahrtest: Elektro-Sportwagen mit Achtzylinder-Sound

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Der Hyundai Ioniq 5 N bietet das Beste aus zwei Welten: Er beschleunigt so irre wie ein Elektroauto, schaltet und klingt aber wie ein Achtzylinder.

Für BMW ist M der mächtigste Buchstabe der Welt. M wie Motorsport. Erst so legendäre Autos wie M1, M3 und M5 haben die bayerischen Autobauer zu dem gemacht, was sie sind: Die weiß blaue Freude-am-Fahren-Fraktion, die weltweit begeistert. Für Hyundai ist N der mächtigste Buchstabe. Ihre besonders sportlichen N-Modelle (i20, i30) haben sich eine kleine, aber feine Fangemeinde erobert – und jetzt soll der elektrische Ioniq 5 N in die Herzen aller Sportwagenfreunde fahren, obwohl er einen Geburtsfehler hat: Dieser Hyundai ist ein Elektroauto. Kann er die ganz großen Gefühle wecken?

Das N bei Hyundai - das bedeutet der Buchstabe wirklich

Hyundai Ioniq 5 N: N steht für Namyang, das Entwicklungszentrum der Hyundai Motor Group unweit von Seoul. Aber auch für den Nürburgring und da für die legendäre Nordschleife – auf der auch andere E-Sportler wie der Porsche Taycan ihr Potenzial unter Beweis stellen müssen. Gleich zwei N finden sich im Namen ihres Schöpfers, wenn auch erst am Ende. Alfred Biermann war einst Entwicklungschef bei M, bevor er zum koreanischen Fahrzeugbauer wechselte. Sechs Jahre aktiv, dann als technischer Berater hat er Hyundai vor allem auf der sportiven Seite entscheidend mitgestaltet. Der Ioniq 5 N war sein letztes Baby. Und vielleicht war diese Geburt auch die schwierigste seines Entwickler-Lebens.

Götterdämmerung für Porsche & Co? Der Hyundia Ioniq 5 N ist ein echtes Elektroauto, aber mit dem Herz eines Verbrenners. Die perfekte Illusion oder nur Fake?

Wie kriegt man die Emotion in ein Elektroauto? So lautete die Fragestellung. Denn an der Leistung von elektrischen Fahrzeugen liegt es bis dato nicht, warum sie noch nicht so richtig gezündet haben. Power steht im E-Zeitalter überbordend zur Verfügung: 1.000 PS, 1.000 Newtonmeter Drehmoment. Das ist wie beim Metzger. Darf es a bisserl mehr sein? Bitte sehr, bitte gleich. Bleibt der tiefe Griff tief in den schwarzen Zylinder und – Simsalabim – schon haben die Techniker ein paar digitale Tricks hervorgezaubert, die bei dem ein oder andren Petrol Head als Tabubruch mindestens, wenn nicht sogar als Gotteslästerung, gewertet wird.

Fast wie in einem Spaceship: Das Cockpit des Hyundai Ioniq 5 N ist natürlich voll digital. Und hat natürlich auch das ein oder andere Feature für die Rennstrecke.

Wie soll der Ioniq 5 N klingen? Wie ein Achtzylinder oder wie ein Düsenjäger?

Erstens: Let there be sound. Drei künstliche Klänge stehen im Ioniq 5N zur Verfügung. „Ignition“, „Evolution“ und „Supersonic“. Wie der Name schon sagt, ahmt ersterer einen veritablen Achtzylinder nach, der zweite ist eine Mischung aus Sphärenklängen und Geräuschen aus dem All, während Supersonic an einen Überschall-Jet erinnert. Ab und zu hört man einen hohlen Schlag wie auf einen umgedrehten Blechkübel. Die Schallmauer. Aha, da wären wir nie draufgekommen. Übertragen werden diese Geräusche durch acht Lautsprecher im Innenraum und zwei für außerhalb. Einer vorne, einer hinten. Draußen hört man allerdings so gut wie nichts, die Passanten zeigen sich zumindest vom künstlichen Verbrenner-Geräusch unbeeindruckt. Und auch die eigene Hörprobe ergibt keine nennenswerten Sounds, als der Kollege den Motor im Leerlauf mehrmals hochdrehen lässt. Innen Hölle, außen Stille.

Zweitens haben die Ingenieure von Hyundai ein virtuelles Doppelkupplungsgetriebe angelegt, mit mechanischen Schaltwippen. Wie beim Verbrenner stehen im sogenannte E-Shift-Modus acht Gänge zur Verfügung. Dabei beschleunigen die beiden E-Maschinen so, als ob ihre Power von Verbrenner-Drehzahlen abhängig wären. Das System, das dahintersteckt, ist so ausgefuchst, dass sogar die Zugkraftunterbrechung beim Gangwechsel nachgemacht wird. Selbst einen Drehzahlbegrenzer gibt es. Der Antrieb ist quasi ein digitaler Zwilling der guten alten Verbrennerwelt. Und klingt auch so. Da sprutzelt und spratzelt es, da röhrt und trompetet es aus den nicht vorhandenen Auspuffrohren. Beim Herunterschalten wird die bis zu 0,6 g starke Rekuperation so eingesetzt, dass man glaubt, eine Motorbremse zu haben. Die Menschheit will betrogen werden, also betrügen wir sie – das wussten schon die alten Römer.

Konnte sich auf der Rennstrecke Castelolli bei Barcelona von den Qualitäten des Hyundai Ioniq 5 N überzeugen: Autor Rudolf Bögel.

Ab auf die Rennstrecke: Gottseidank nichts gefrühstückt

Ortstermin auf der Rennstrecke Castelolli bei Barcelona. Erst mal die Launch-Control ausprobieren. Wir haben uns wohlweislich das Frühstück gespart, der 770 Newtonmeter-Drehmoment-Punch in die Magengrube bleibt deshalb folgenlos. 609 PS bringt der Ioniq 5 N normalerweise auf die Straßen, dank der hervorragenden Traktionskontrolle auch ziemlich sauber. In 3,5 Sekunden fällt die Tempo-100-Marke (0-200, 12,1 s). Wir bleiben auf dem Gas, um dann ruckartig das Bremsvermögen der fetten Scheibenbremsen (400 und 360 mm dick) zu testen. Stillstand. Dann geht’s in den 4.146 Kilometer langen Rundkurs mit seinen sieben Rechts- und vier Linkskurven. Das Besondere an Castelloli: Hier geht es bergauf und bergab (9 Grad rauf, 8 Grad runter). Wir schalten in den E- Shift-Mode und schon nach kurzer Zeit ist das Gefühl weg, in einem Simulator auf vier Rädern zu sitzen. Sauber den Gang runterschalten, im Scheitel Vollgas herausbeschleunigen, einmal ziehen an der Wippe, zweimal ziehen und sauber nach oben schalten. Volle Lotte Speed. Hilfreich ist in der Geraden dabei der Grin-Boost. Ja – er hat tatsächlich, was mit Grinsen zu tun. Denn für zehn Sekunden kitzelt er sogar 650 PS aus den beiden E-Maschinen. Warp-Time.

Zeitenjagd auf Nordschleife: Diese 10 Elektroautos waren am schnellsten

Porsche Taycan Turbo auf der IAA.
Platz 9 – Porsche Taycan Turbo: Die Zuffenhausener sind fast schon Stammgast in der Eifel. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis man nach dem Rekord für in Serie gebaute Elektroautos greift. Und so schickten die Schwaben 2019 einen Vorserien Taycan Turbo auf die Nordschleife. Die offizielle Zeit: 7:42,3. Ein neuer Rekord! Übrigens: Der BMW M4 CS der vorherigen Generation war genauso schnell. © Manfred Segerer/Imago
Tesla Model S
Platz 8 – Tesla Model S Plaid: Wo es um Elektroautos geht, ist Tesla nicht weit weg. Und so wollten die Amerikaner auch den Rundenrekord auf der Nordschleife. Um Porsche abzulösen, schickte man 2021 das Model S Plaid ins Rennen. Mit Erfolg: Das 1.020 PS starke Elektroauto durchquerte die Grüne Hölle in 7:35,5 Minuten. Es war der Anfang eines Duells um die Bestzeit. © Tesla
Porsche Taycan Turbo S auf der Nordschleife.
Platz 7 – Porsche Taycan Turbo S: Nur ein Jahr später schickte sich Porsche an den Tesla-Rekord zu knacken. Dieses Mal sollte es der Taycan Turbo S richten. Und er pulverisierte die Bestmarke der Texaner. Mit 7:33,3 Minuten war er knapp zehn Sekunden schneller als das Model S Plaid. © Porsche
Tesla Model S auf der Nordschleife.
Platz 6 – Tesla Model S Plaid Track Pack: Im Jahr 2023 folgte dann ein weiterer Anlauf von Tesla. Dieses Mal war das Model S Plaid zusätzlich noch mit dem Track Pack ausgestattet. Perfekte Voraussetzungen für einen Trackday mit Rundenrekord. Und den schnappten sich die Texaner auch. Die Zeit: 7:25,2 Minuten. Satte 8,1 Sekunden schneller als Porsche. © Tesla
Toyota TMG EV P002 auf der Nordschleife.
Platz 5 – Toyota TMG EV P002: Der Name dieses Stromers ist ähnlich kryptisch, wie der des ersten Elektro-Toyotas bz4X. Dahinter verbirgt sich aber ein elektrischer Prototyp eines Rennautos mit 469 PS. Mit 7:22,32 stellte Toyota 2012 für kurze Zeit den Rekord für Elektroautos auf der Nordschleife auf. © Toyota Gazoo Racing Europe
Porsche Taycan Turbo GT auf der Nordschleife.
Platz 4 – Porsche Taycan Turbo GT: Und täglich grüßt das Murmeltier oder in diesem Fall Zuffenhausen. Im Januar 2024 schickte die VW-Tochter einmal mehr eine Vorserienversion des Elektrosportlers auf die Nordschleife, um den Tesla Rekord einzustellen. Und das gelang eindrucksvoll. Mit 7:07,5 Minuten blieb man nur knapp über sieben Minuten. Platz drei verpasste der Taycan um grade einmal 2,3 Sekunden. Zeitgleich war man knappe 18 Sekunden schneller als Dauerkonkurrent Tesla. © Sebastian Kubatz/Porsche
Rimac Nevera
Platz 3 – Rimac Nevera: Mit einer Zeit von 7:05,2 ist das Hypercar hauch dünn, das schnellste Serien-Elektroauto auf der Nordschleife. Die 1.088 PS haben bei der Rekordfahrt Ende 2023 sicherlich geholfen, um Porsche, Tesla und Co. hinter sich zu lassen. Den Sprint von null auf 100 schafft der Nevera in 1,7 Sekunden. Auch abseits der Grünen Hölle ist er somit eines der schnellsten Elektroautos auf dem Markt. Zudem hält der Sportwagen einen Weltrekord für die höchste Geschwindigkeit im Rückwärtsgang. © Cover-Images/Imago
NIO EP9
Platz 2 – NIO EP9: Auch wenn der Sportwagen zwischen 2016 und 2019 für etwa 1,55 Millionen Euro verkauft wurde, ein Serienfahrzeug ist er nicht. Lediglich zehn Exemplare wurden gebaut. Auf der Nordschleife durfte das 1.360-PS-Monster 2017 zeigen, was in ihm steckt. Und das ist einiges: Als erstes Elektroauto bezwang er die Grüne Hölle in unter sieben Minuten. Und zwar deutlich. Am Ende zeigte die Stoppuhr 6:45,9 Minuten. Beim ersten Versuch im Vorjahr blieb das Hypercar mit 7:05,12 Minuten noch knapp darüber. © Pond5 Images/Imago
Ein Lotus Elvija X auf der Nordschleife.
Platz 2 – Lotus Elvija X: Schon die Serienversion des Elektro-Hypercars ist beeindruckend. 2.039 PS katapultieren den Lotus Elvija in 9,1 Sekunden auf Tempo 300, das maximale Drehmoment beträgt 1.704 Newtonmeter. Daran hat sich auch bei der Nordschleifen-Version nichts geändert. Lediglich an der Aerodynamik hat Lotus geschraubt. Der Elvija X trägt einen massiven Heckflügel sowie einen ausgeprägten Frontsplitter und Luftleitbleche. Hinzu kommen Karbonbremsen und Rennreifen von Pirelli. Mit diesen minimalen Modifikationen brannte das Hypercar eine Zeit von 6:24,047 Minuten in den Asphalt der Grünen Hölle. Damit ist es das schnellste Auto mit Serienfahrwerk. © Lotus
VW ID.R auf der Nordschleife.
Platz 1 – VW ID.R: Noch bevor Volkswagen voll auf Elektro gesetzt hat, experimentierte man in Wolfsburg mit dem Alternativ-Antrieb herum. Heraus kam der ID.R. Mit 680 PS und weniger als 1.100 kg Gewicht war die Studie ein offensichtlicher Kandidat für den Elektro-Rekord in der Eifel. 2019 war es dann so weit und die Grüne Hölle war kein Gegner für den ID.R. Der Elektrorenner brauchte nur 6:05,3 Minuten für die Nordschleife. Damit ist er mit deutlichem Abstand der schnellste Stromer auf der Kult-Strecke. Einzig der Porsche 919 Hybrid Evo legte die 23 Kilometer schneller zurück. © Bildagentur Kräling/Volkswagen

Batterie-Kühlung für noch mehr Power

Technisch ist der Ioniq 5 N jedenfalls gut ausgerüstet für die Rennstrecke: Adaptive Dämpfer, hinten eine elektronische Quersperre, Drehmoment-Verschiebung zwischen Vorder- und Hinterachse, Bremseingriffe, um die Kurvendynamik zu erhöhen. Dazu kommt eine ausgefeilte Aerodynamik mit einem Kühlergrill, der normalerweise im üblichen Betrieb geschlossen ist, aber die Lamellen auch öffnen kann, um den Akku zu kühlen. Denn wenn die Batterie zu heiß wird, büßt sie (wie auch bei Kälte) Leistung ein. Und von der Reichweite her sollte der Ioniq 5 N mindestens zweimal die Nürburgring Nordschleife unter Volllast schaffen.

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Normalerweise kommt man mit dem 84 kWh starken Akku bis zu 448 Kilometer weit im Idealfall. Wie die zivile Version wird die Batterie über das 800-Volt-System in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufgeladen. Wie erkennt man den rund 75.000 Euro teuren Hyundai Ioniq 5 N? Er ist ein paar Zentimeter länger und breiter, aber nicht ganz so hoch. Das klassische N-Rot wird von einem kräftigen Orange als Akzent-Farbe abgelöst. Im Innenraum bleibt alles beim Alten, bis auf die digitale Grafik, die dem Motto „Never just drive“ entsprechend schärfer ausfällt als beim herkömmlichen Modell und allerlei Track-Spielereien hat.

Technische Daten Hyundai Ioniq 5 N

  • Motor: zwei E-Maschinen
  • Antrieb: Allrad
  • Leistung (vorne): 166 kW (226 PS)
  • Leistung (hinten): 282 kW (383 PS
  • Gesamtleistung: 448 kW (609 PS) / 478 kW (650 PS) mit Grin-Boost
  • Drehmoment: 770 Nm
  • 0 – 100 km/h: 3,5 s (3,4 mit Grin-Boost)
  • V. max: 260 km/h
  • Akku-Kapazität: 84 kWh
  • Ladezeiten: 10 – 80 % DC 18 min
  • Verbrauch: 21,2 kWh / 100 km
  • Reichweite: bis zu 448 km
  • Länge / Breite / Höhe: 4,72 / 1,93 / 1,59
  • Radstand: 3,00 m
  • Leergewicht: 2.275 kg
  • Kofferraum: 480 – 1.540 l
  • Preis: 74.900 Euro

Unser Fazit zum Hyundai Ioniq 5 N

Der Ioniq 5 ist wirklich eine verrückte Kiste. Man kann das Elektroauto über die Wippen schalten. Wie einen Verbrenner. Mit der Soundkulisse eines gestandenen V8 nebst Sportauspuffanlage. Sogar einen (virtuellen) Drehzahlbegrenzer gibt es. Die perfekte Illusion. Der ein oder andere dürfte gar nicht merken, dass er in einem E-Auto sitzt. Der Ioniq5 N ist definitiv der erste Elektrosportwagen, der Emotionen weckt. Aber auch nur deshalb, weil er einen Verbrenner verblüffend echt kopiert. Wer sich darauf einlässt – bekommt jede Menge Spaß. Ein echter Sportwagen ist der Hyundai nicht. Da fehlt die tiefe Sitzposition, das dreckige Geräusch der Straße und die Vibration eines echten Sechszylinder-Boxers oder V8 lässt sich auch nicht digital inszenieren. Insofern hat der Ioniq 5 zwar unsere Gefühle geweckt, aber unser Herz hat er nicht erobert. Jedenfalls noch nicht ganz. Rudolf Bögel

Rubriklistenbild: © Hyundai

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