VonRudolf Bögelschließen
Der Hyundai Ioniq 5 N bietet das Beste aus zwei Welten: Er beschleunigt so irre wie ein Elektroauto, schaltet und klingt aber wie ein Achtzylinder.
Für BMW ist M der mächtigste Buchstabe der Welt. M wie Motorsport. Erst so legendäre Autos wie M1, M3 und M5 haben die bayerischen Autobauer zu dem gemacht, was sie sind: Die weiß blaue Freude-am-Fahren-Fraktion, die weltweit begeistert. Für Hyundai ist N der mächtigste Buchstabe. Ihre besonders sportlichen N-Modelle (i20, i30) haben sich eine kleine, aber feine Fangemeinde erobert – und jetzt soll der elektrische Ioniq 5 N in die Herzen aller Sportwagenfreunde fahren, obwohl er einen Geburtsfehler hat: Dieser Hyundai ist ein Elektroauto. Kann er die ganz großen Gefühle wecken?
Das N bei Hyundai - das bedeutet der Buchstabe wirklich
Hyundai Ioniq 5 N: N steht für Namyang, das Entwicklungszentrum der Hyundai Motor Group unweit von Seoul. Aber auch für den Nürburgring und da für die legendäre Nordschleife – auf der auch andere E-Sportler wie der Porsche Taycan ihr Potenzial unter Beweis stellen müssen. Gleich zwei N finden sich im Namen ihres Schöpfers, wenn auch erst am Ende. Alfred Biermann war einst Entwicklungschef bei M, bevor er zum koreanischen Fahrzeugbauer wechselte. Sechs Jahre aktiv, dann als technischer Berater hat er Hyundai vor allem auf der sportiven Seite entscheidend mitgestaltet. Der Ioniq 5 N war sein letztes Baby. Und vielleicht war diese Geburt auch die schwierigste seines Entwickler-Lebens.
Wie kriegt man die Emotion in ein Elektroauto? So lautete die Fragestellung. Denn an der Leistung von elektrischen Fahrzeugen liegt es bis dato nicht, warum sie noch nicht so richtig gezündet haben. Power steht im E-Zeitalter überbordend zur Verfügung: 1.000 PS, 1.000 Newtonmeter Drehmoment. Das ist wie beim Metzger. Darf es a bisserl mehr sein? Bitte sehr, bitte gleich. Bleibt der tiefe Griff tief in den schwarzen Zylinder und – Simsalabim – schon haben die Techniker ein paar digitale Tricks hervorgezaubert, die bei dem ein oder andren Petrol Head als Tabubruch mindestens, wenn nicht sogar als Gotteslästerung, gewertet wird.
Wie soll der Ioniq 5 N klingen? Wie ein Achtzylinder oder wie ein Düsenjäger?
Erstens: Let there be sound. Drei künstliche Klänge stehen im Ioniq 5N zur Verfügung. „Ignition“, „Evolution“ und „Supersonic“. Wie der Name schon sagt, ahmt ersterer einen veritablen Achtzylinder nach, der zweite ist eine Mischung aus Sphärenklängen und Geräuschen aus dem All, während Supersonic an einen Überschall-Jet erinnert. Ab und zu hört man einen hohlen Schlag wie auf einen umgedrehten Blechkübel. Die Schallmauer. Aha, da wären wir nie draufgekommen. Übertragen werden diese Geräusche durch acht Lautsprecher im Innenraum und zwei für außerhalb. Einer vorne, einer hinten. Draußen hört man allerdings so gut wie nichts, die Passanten zeigen sich zumindest vom künstlichen Verbrenner-Geräusch unbeeindruckt. Und auch die eigene Hörprobe ergibt keine nennenswerten Sounds, als der Kollege den Motor im Leerlauf mehrmals hochdrehen lässt. Innen Hölle, außen Stille.
Zweitens haben die Ingenieure von Hyundai ein virtuelles Doppelkupplungsgetriebe angelegt, mit mechanischen Schaltwippen. Wie beim Verbrenner stehen im sogenannte E-Shift-Modus acht Gänge zur Verfügung. Dabei beschleunigen die beiden E-Maschinen so, als ob ihre Power von Verbrenner-Drehzahlen abhängig wären. Das System, das dahintersteckt, ist so ausgefuchst, dass sogar die Zugkraftunterbrechung beim Gangwechsel nachgemacht wird. Selbst einen Drehzahlbegrenzer gibt es. Der Antrieb ist quasi ein digitaler Zwilling der guten alten Verbrennerwelt. Und klingt auch so. Da sprutzelt und spratzelt es, da röhrt und trompetet es aus den nicht vorhandenen Auspuffrohren. Beim Herunterschalten wird die bis zu 0,6 g starke Rekuperation so eingesetzt, dass man glaubt, eine Motorbremse zu haben. Die Menschheit will betrogen werden, also betrügen wir sie – das wussten schon die alten Römer.
Ab auf die Rennstrecke: Gottseidank nichts gefrühstückt
Ortstermin auf der Rennstrecke Castelolli bei Barcelona. Erst mal die Launch-Control ausprobieren. Wir haben uns wohlweislich das Frühstück gespart, der 770 Newtonmeter-Drehmoment-Punch in die Magengrube bleibt deshalb folgenlos. 609 PS bringt der Ioniq 5 N normalerweise auf die Straßen, dank der hervorragenden Traktionskontrolle auch ziemlich sauber. In 3,5 Sekunden fällt die Tempo-100-Marke (0-200, 12,1 s). Wir bleiben auf dem Gas, um dann ruckartig das Bremsvermögen der fetten Scheibenbremsen (400 und 360 mm dick) zu testen. Stillstand. Dann geht’s in den 4.146 Kilometer langen Rundkurs mit seinen sieben Rechts- und vier Linkskurven. Das Besondere an Castelloli: Hier geht es bergauf und bergab (9 Grad rauf, 8 Grad runter). Wir schalten in den E- Shift-Mode und schon nach kurzer Zeit ist das Gefühl weg, in einem Simulator auf vier Rädern zu sitzen. Sauber den Gang runterschalten, im Scheitel Vollgas herausbeschleunigen, einmal ziehen an der Wippe, zweimal ziehen und sauber nach oben schalten. Volle Lotte Speed. Hilfreich ist in der Geraden dabei der Grin-Boost. Ja – er hat tatsächlich, was mit Grinsen zu tun. Denn für zehn Sekunden kitzelt er sogar 650 PS aus den beiden E-Maschinen. Warp-Time.
Zeitenjagd auf Nordschleife: Diese 10 Elektroautos waren am schnellsten




Batterie-Kühlung für noch mehr Power
Technisch ist der Ioniq 5 N jedenfalls gut ausgerüstet für die Rennstrecke: Adaptive Dämpfer, hinten eine elektronische Quersperre, Drehmoment-Verschiebung zwischen Vorder- und Hinterachse, Bremseingriffe, um die Kurvendynamik zu erhöhen. Dazu kommt eine ausgefeilte Aerodynamik mit einem Kühlergrill, der normalerweise im üblichen Betrieb geschlossen ist, aber die Lamellen auch öffnen kann, um den Akku zu kühlen. Denn wenn die Batterie zu heiß wird, büßt sie (wie auch bei Kälte) Leistung ein. Und von der Reichweite her sollte der Ioniq 5 N mindestens zweimal die Nürburgring Nordschleife unter Volllast schaffen.
Noch mehr spannende Auto-Themen finden Sie im kostenlosen Newsletter von unserem Partner 24.auto.de.
Normalerweise kommt man mit dem 84 kWh starken Akku bis zu 448 Kilometer weit im Idealfall. Wie die zivile Version wird die Batterie über das 800-Volt-System in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufgeladen. Wie erkennt man den rund 75.000 Euro teuren Hyundai Ioniq 5 N? Er ist ein paar Zentimeter länger und breiter, aber nicht ganz so hoch. Das klassische N-Rot wird von einem kräftigen Orange als Akzent-Farbe abgelöst. Im Innenraum bleibt alles beim Alten, bis auf die digitale Grafik, die dem Motto „Never just drive“ entsprechend schärfer ausfällt als beim herkömmlichen Modell und allerlei Track-Spielereien hat.
Technische Daten Hyundai Ioniq 5 N
- Motor: zwei E-Maschinen
- Antrieb: Allrad
- Leistung (vorne): 166 kW (226 PS)
- Leistung (hinten): 282 kW (383 PS
- Gesamtleistung: 448 kW (609 PS) / 478 kW (650 PS) mit Grin-Boost
- Drehmoment: 770 Nm
- 0 – 100 km/h: 3,5 s (3,4 mit Grin-Boost)
- V. max: 260 km/h
- Akku-Kapazität: 84 kWh
- Ladezeiten: 10 – 80 % DC 18 min
- Verbrauch: 21,2 kWh / 100 km
- Reichweite: bis zu 448 km
- Länge / Breite / Höhe: 4,72 / 1,93 / 1,59
- Radstand: 3,00 m
- Leergewicht: 2.275 kg
- Kofferraum: 480 – 1.540 l
- Preis: 74.900 Euro
Unser Fazit zum Hyundai Ioniq 5 N
Der Ioniq 5 ist wirklich eine verrückte Kiste. Man kann das Elektroauto über die Wippen schalten. Wie einen Verbrenner. Mit der Soundkulisse eines gestandenen V8 nebst Sportauspuffanlage. Sogar einen (virtuellen) Drehzahlbegrenzer gibt es. Die perfekte Illusion. Der ein oder andere dürfte gar nicht merken, dass er in einem E-Auto sitzt. Der Ioniq5 N ist definitiv der erste Elektrosportwagen, der Emotionen weckt. Aber auch nur deshalb, weil er einen Verbrenner verblüffend echt kopiert. Wer sich darauf einlässt – bekommt jede Menge Spaß. Ein echter Sportwagen ist der Hyundai nicht. Da fehlt die tiefe Sitzposition, das dreckige Geräusch der Straße und die Vibration eines echten Sechszylinder-Boxers oder V8 lässt sich auch nicht digital inszenieren. Insofern hat der Ioniq 5 zwar unsere Gefühle geweckt, aber unser Herz hat er nicht erobert. Jedenfalls noch nicht ganz. Rudolf Bögel
Rubriklistenbild: © Hyundai



