VonBjarne Kommnickschließen
Die jüngere Generation hat oft andere Vorstellungen vom Berufsleben als ältere Jahrgänge. Einige setzen deshalb auf eine vorzeitige Rente. Ein Überblick.
Kassel – Wenn es um die Arbeit geht, werden gravierende Unterschiede zwischen jungen und alten Menschen deutlich. Während viele der Generationen Babyboomer und X noch einen traditionellen Karriereweg eingeschlagen haben, hat sich das Verständnis von Work-Life-Balance mit den Jahren stark verändert. In den sozialen Medien hat sich ein Trend ausgebreitet, der symbolisch dafür stehen könnte: Das sogenannte „Micro-retirement“ oder zu Deutsch „Mikro-Rente“.
Experten des Institutes für Generationenforschung und der Deutschen Rentenversicherung ordnen die Entwicklung gegenüber IPPEN.MEDIA ein.
Mini-Rente mit 30 – lange Auszeiten noch weit vor dem Rentenalter
Die Mini-Rente beschreibt eine Auszeit, die sich junge Menschen von ihrer Karriere nehmen. Während viele der älteren Generationen nach der Schule über Ausbildung oder Studium in einen langjährigen Job gelangt sind – um dort teils bis zur Rente zu bleiben – setzen Gen-Zler immer häufiger auf längere Pausen noch lange vor dem Rentenalter.
Im Fokus stehen dabei insbesondere persönliche Interessen – wie längere Reisen – oder die mentale Gesundheit. Eine genaue Begriffsbezeichnung gibt es für die Mikro-Rente allerdings nicht. Trotzdem verbreiten sich auf TikTok, Instagram und Co. immer mehr Videos, in denen Gen-Z-Influencer ihre Mini-Rentenpläne mit der Community teilen. Die meisten haben wohl eines gemeinsam: Zukunftssorgen. Immerhin steht es um das Rentensystem offenbar nicht gut, jungen Menschen droht mehr Arbeit für weniger Rente.
TikTokerin „lizleatrice“ fasst das treffend zusammen: „Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die Angst davor hat, jeden Tag ins Büro zu gehen (...) und dann mit 65 in Rente zu gehen und Jahrzehnte an Leben in die verbleibende Zeit packen zu müssen.“ Deshalb teilt sie ihre Pläne für eine „Mikro-dosierte Rente mit 30“.
Für viele bedeutet die Mini-Rente auch Verzicht. Denn je nach Länge der Mini-Rente kann es finanziell eng werden. Einige Influencer beschreiben in ihren Videos, dass sie in dieser Zeit nur das Nötigste kaufen und konsumieren wollen. Ein hoher Preis, den jedoch offenbar einige bereit sind, zu zahlen.
Experte beschreibt: Junge Menschen haben „heute ein viel höheres Stressempfinden“
Dr. Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung ordnet den Trend ein. Gegenüber IPPEN.MEDIA erklärt er: „Wir konnten in einigen Studien belegen, dass junge Menschen heute ein viel höheres Stressempfinden haben als junge Menschen vor 10 beziehungsweise 20 Jahren. Zudem empfinden sie auch mehr Stress als der Durchschnitt der Gesamtgesellschaft.“ Allerdings konnte eine Studie des Arbeitsamtes bereits widerlegen, dass die Gen Z arbeitsfaul ist.
Ein Grund für das erhöhte Stressempfinden könnte Maas zufolge ein Überangebot an Möglichkeiten sein, mit denen die jungen Menschen konfrontiert sind: „So warten nach dem Abi auf die jungen Menschen beziehungsweise potenziellen Studenten eine 5-stellig Anzahl an potenziellen Studiengänge allein in Deutschland“, erklärt Maas.
Gen Z gegen Babyboomer: Was unterscheidet sie am Arbeitsmarkt?
Weiter beschreibt der Experte: „Die klassische Einteilung in Eustress und Distress würde bei der Generation Z beziehungsweise heutigen Nachwuchskräften verstärkter als Distress wahrgenommen. Das bedeutet, man geht von vornherein an viele Dinge mit einer Art ‚Negativ-Gedanke‘ so wirkt der Abi-Stress extremer oder auch der erste Arbeitsplatz.“
Die Generationen im Überblick:
- Generation Alpha (ab 2010)
- Generation Z (1995-2010)
- Generation Y / Millennials (1980-1994)
- Generation X (1965-1979)
- Generation Babyboomer (1946-1964)
- Generation Silent (1922-1945)
Bei der älteren Generation hingegen standen eher andere Prioritäten im Raum: „Die Babyboomer trafen als junge Nachwuchskräfte auf einen Arbeitsmarkt, der völlig anders war. Sie mussten sich diesem anpassen und zu Beginn devoter auftreten infolge.“ Laut Maas kamen auf eine Arbeitsstelle ein Vielfaches an Bewerber: „Hat man diese Stelle dann bekommen, war man auch ein Vielfaches stolzer als es heute der Fall ist.“
„Kein Zeichen von Arroganz“: Deutschlands Arbeitswelt steht „bemerkenswerter Generationenwechsel“ bevor
Laut dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberatung befinde sich die Arbeitswelt in Deutschland in einem „bemerkenswerten Generationswechsel“, wie aus einer Mitteilung hervorgeht. Rund 30 Prozent der Erwerbspersonen gehen bis 2036 in Rente. Bereits 2030 werden die Menschen der Generation Z und der Millennials auf dem Arbeitsmarkt in der Mehrheit sein. Alleine ohne die Möglichkeit des „Remote“-Arbeitens sei die Bereitschaft zu kündigen bei diesen Generationen um rund 60 Prozent höher als bei älteren Kollegen. Der Verband schreibt jedoch auch: „Das Streben nach der Work-Life-Balance ist kein Zeichen von Arroganz und mangelndem Interesse am Job, sondern dass sich die Auffassung von Arbeit verändert hat.“
Aber welche Auswirkung hat die Gen-Z-Mini-Rente auf das Rentensystem? Die gesetzliche Rente sei laut Deutscher Rentenversicherung Bund ein „Spiegelbild der Erwerbsbiografie“. Ein Sprecher erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA: „Je länger Beiträge gezahlt werden und je höher diese ausfallen, desto höher ist die spätere Rente. Eine Reduktion der Arbeitszeit geht in der Regel mit einem geringeren Einkommen einher“, beschreibt der Sprecher.
„Dies gilt auch für Auszeiten, in denen gar nicht gearbeitet wird beziehungsweise in denen keine Rentenversicherungsbeiträge entrichtet werden.“ Eine Prognose für die Zukunft fällt dennoch schwer: „Wie sich die Versicherungszeiten der jungen Generation zukünftig entwickeln werden, können wir nicht vorhersagen“, so der Sprecher. Erstmal dürfen sich Rentner jedoch auf höhere Bezüge ab dem 1. Juli freuen. (bk)
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