VonRomina Kunzeschließen
Vom Regal in die Tasche und nach Hause: womit man hierzulande des Diebstahls bezichtigt würde, ist in einem Aldi in Utrecht normal. Eine Kasse gibt es nicht.
Kassel – Meist passiert es ausgerechnet dann, wenn man es eilig hat: Lange Schlangen an der Supermarkt-Kasse können ordentlich Nerven kosten. Besonders zur Feierabendzeit und an Samstagen müssen Kunden mehr Zeit und Geduld mitbringen. Die Händler haben längst reagiert: in vielen Filialen von Rewe, Edeka oder Rossmann gibt es zusätzliche Selbstbedienungskassen, mancherorts finden sich neue Warenteiler, um Kunden schneller abzufertigen, während andere noch zahlen.
Bei Aldi Nord geht man andere Wege und versucht komplett auf eine Kasse zu verzichten. Wo keine Kasse ist, kann sich schließlich auch keine lange Schlange bilden. Das Einkaufen der Zukunft?
Mit KI, Kameras und Sensoren: Aldi testet das Einkaufen ohne Kasse
Durch die Gänge schlendern, Waren in den Korb oder Einkaufswagen packen, um sie dann an der Kasse wieder einzeln aufs Band zu laden und einzeln retour zu räumen. Um Ersteres wird man beim Einkaufen wohl kaum herumkommen, doch zumindest Korb und Kassenband könnten für Kunden künftig wegfallen.
Seit 2022 wird in einer Aldi-Filiale im niederländischen Utrecht das kassenlose Bezahlsystem getestet. Zum Einsatz kommt dabei eine Künstliche Intelligenz (KI), wie das Unternehmen in einer Pressemitteilung schreibt. Sensoren in den Regalen sowie „intelligente Kameras“ an den Supermarktdecken erfassen dabei die Produkte und ordnen sie dem jeweiligen Kunden zu.
Per QR-Code, der in der „ALDI Shop & Go App“ erzeugt wird, können Kunden sich „einloggen“ und ihren kompletten Einkauf direkt in mitgebrachten Taschen oder Rucksäcken verstauen. Beim Verlassen des Ladens wird über die App der Code erneut gescannt und so der Einkauf kontakt- und kassenlos eingetütet.
Aldi ohne Kasse? Konzept soll Vorgang „besser und schneller machen“ – Kunden sind kritisch
Wer die App nicht nutzen möchte, kann in der Utrechter Innenstadtfiliale seinen Aldi-Einkauf per Self-Checkout-Terminal bezahlen, ein weiteres getestetes Konzept. „Innerhalb des Marktes finden die Kunden das gewohnte Aldi-Sortiment“ zu den gewohnten Preisen, heißt es. „Die Magie im Discount liegt in der Einfachheit. Wir setzen Technologien deshalb immer da ein, wo sie uns gezielt besser und schneller machen“, sagte Sinanudin Omerhodzic, Chief Technology Officer von Aldi in der Pressemitteilung.
Bei den Utrechter-Beispielen handele es sich jedoch „ausdrücklich um Tests in begrenztem Umfang“, stellte Aldi Nord gegenüber DerWesten klar. Eine Auswertung der Tests gebe es bislang noch nicht. „Welche Rolle diese Technologien künftig in der gesamtem ALDI Nord Gruppe spielen, können wir aktuell noch nicht sagen“, so das Unternehmen weiter. Damit ist ebenfalls unsicher, inwiefern das Bezahlsystem auch eine Zukunft in deutschen Filialen von Aldi hat.
#Aldi I love innovation and trying new things. But this Aldi self service no-checkout store in Utrecht really needs some onboarding UX improvements. Zero customers. pic.twitter.com/DcF95HOpPk
— Philip Boontje (@philipboontje) December 9, 2022
Erste Kundenrezensionen in den sozialen Netzwerken fielen aber eher mau aus. „Es ist absolut niemand in dem Laden“, kritisierte Datenarchitekt Philip Boontje das Konzept als Verschwendung von Ressourcen. Alleine fünf bis zehn Minuten habe er gebraucht, überhaupt den Laden betreten zu können. Probleme habe ihm die App gemacht. „Die User-Experience ist verrückt“, sagt er in einem Instagram-Video. Derweil expandiert Aldi Nord nicht nur in ihrem Kassen-Konzept, sondern auch im Umfang: 50 neue Filialen sollen demnächst in einem beliebten Urlaubsland eröffnen. (rku)
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