Ein Bundesland geht voran

Handy am Steuer: Neues Gerät soll abgelenkte Autofahrer überführen – Test startet im Juni

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Handy am Steuer: Nicht nur Telefonieren während der Fahrt lenkt ab. Wer bei 100 Stundenkilometern nur eine Sekunde aufs Smartphone schaut, ist 30 Meter im „Blindflug“ unterwegs (Symbolbild).
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Das Handy am Steuer zu verwenden ist laut Straßenverkehrsordnung verboten – doch viele Autofahrer lassen sich davon nicht beirren. Ein neues Gerät soll sie auf frischer Tat ertappen.

Mainz – Wie oft das Handy am Steuer der Grund für einen Unfall war, lässt sich in Zahlen nicht genau belegen. Denn oftmals liegt bei einem Zusammenstoß zwar der Verdacht nahe, doch die Beweislage ist schwierig. Das könnte sich nun ändern. In Rheinland-Pfalz startet ein Pilotprojekt mit einem neuen Kamerasystem. Es soll die Handynutzung am Steuer erkennen.

Handy am Steuer: Eine Sekunde Ablenkung entspricht dutzenden Metern Blindflug

Rund jeder zweite Autofahrer soll sein Handy schon einmal am Steuer verwendet haben. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Prüfgesellschaft Dekra vom September 2017 hervor. In einer eigens durchgeführten Verkehrsbeobachtung stellte man zudem fest: Rund sieben Prozent aller Verkehrsteilnehmer sind durch das Smartphone abgelenkt. Dafür hatte die Dekra 15.000 PKWs innerorts und auf der Autobahn beobachtet. Etwa jeder zehnte Verkehrstote könnte mit einer Ablenkung am Steuer in Verbindung stehen, wie die Dekra unter Berufung auf Studien aus den USA und Deutschland vorrechnet.

Der Verstoß ist zudem nicht ganz günstig: Das Handy am Steuer wird in Deutschland mit einem Bußgeld von 100 Euro und einem Punkt in Flensburg geahndet. Ist eine Sachbeschädigung Folge der Handynutzung kostet es 200 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

Die Bußgelder kommen nicht von ungefähr. Wer bei 50 Stundenkilometern drei Sekunden auf das Smartphone schaut, legt in dieser Zeit über 40 Meter zurück. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde sind es bei nur zwei Sekunden Ablenkung schon 60 Meter im Blindflug. Auf Hindernisse oder Änderungen im Verkehr können die abgelenkten Fahrer oft nicht mehr rechtzeitig reagieren.

Handy am Steuer: So will die Polizei künftig Autofahrer überführen

Die „Monocam“ im Einsatz: Ein in Deutschland einzigartiges Pilotprojekt zur Überwachung von Handys am Steuer soll im Juni in Rheinland-Pfalz beginnen.

Nun will die Polizei mit einem neuen Gerät Abhilfe schaffen. Wer beim Autofahren sein Handy oder Tablet in die Hand nimmt, könnte künftig mit dem neuen Kamerasystem überführt werden. Die niederländische Polizei hat das System namens Monocam zusammen mit der Universität in Utrecht entwickelt und setzt bereits 20 Geräte ein, wie der Polizist Marcel Masselink aus den Niederlanden berichtete. Eines der Systeme kostet rund 20.000 Euro.

Das System besteht aus einem Laptop und einer Kamera. Diese filmen den entgegenkommenden Verkehr und sind mit einem verdeckten Polizeiwagen verbunden. Die Kamera löst in dem Livestream aus, wenn sie eine entsprechende Handhaltung bei einem Autofahrer erkennt. Geschulte Polizisten bewerten dann unmittelbar vor Ort den festgestellten Verstoß - und überführen die Handynutzer damit auf frischer Tat. Ist ein Bild nicht eindeutig genug, dass es auch vor Gericht Bestand hätte, wird es wieder gelöscht. Ziel des Projektes sei es, Unfälle zu verhindern und die Zahl der Verkehrstoten und -verletzten weiter zu senken, sagte der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz (SPD).

Handy am Steuer-Pilotprojekt: Monocam soll zunächst in Mainz und Trier getestet werden

Das in Deutschland einzigartige Pilotprojekt zur Überwachung von Ablenkungsverstößen durch Handynutzung soll im Juni in dem Bundesland beginnen. Das kündigte Lewentz vergangene Woche in Mainz an. Die Monocam soll demnach zunächst drei Monate im Polizeipräsidium Trier und dann drei Monate im Polizeipräsidium Mainz erprobt werden. Die Ergebnisse würden der Innenministerkonferenz im Anschluss zur Verfügung gestellt.

Ganz so hoch wie die Dekra-Verkehrsbeobachtung schätzen die Monocam-Experten die Anzahl der Verstöße allerdings nicht ein: Etwa ein halbes bis ein Prozent aller Autofahrer würden damit überführt, gibt der am Projekt beteiligte Polizist Masselink an. Beim Test des Systems am 19. Mai auf der dicht befahrenen Autobahn 60 bei Mainz gingen den Polizisten allerdings trotz eines großen Hinweisschildes rund 20 Auto- und Lastwagenfahrer pro Stunde „ins Netz“. (bm mit Material von dpa)

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