Expertin im Gespräch

Keine „Zaubercreme“ – Dermatologin ordnet Wirkung von Retinol ein

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Retinol wird flächendeckend in der Hautpflege eingesetzt. Doch was kann der Wirkstoff tatsächlich leisten und wo liegen seine Grenzen?
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Retinol hat das Potenzial, das Hautbild zu verjüngen und Falten zu minimieren. Eine Expertin verdeutlicht, welche Aussagen wirklich stimmen.

Retinol ist längst mehr als nur ein Trend in der Hautpflege. Es gilt als einer der am besten erforschten Wirkstoffe mit verschiedenen Effekten: von der Anregung der Kollagenproduktion über die Minderung feiner Linien bis hin zur Bekämpfung von Akne und Pigmentflecken. Doch trotz seiner Popularität ranken sich Mythen um Retinol. Die Dermatologin Dr. Lela Ahlemann erklärt im Gespräch mit 24vita, wie Retinol überhaupt wirkt, was es tatsächlich leisten kann und wie es richtig angewendet wird. Dabei wird deutlich, dass das Produkt längst keine „Zaubercreme“ ist.

Was ist Retinol eigentlich und wie wirkt es auf der Haut?

Retinol, auch Vitamin A1 genannt, zählt zu den wissenschaftlich am gründlichsten untersuchten Inhaltsstoffen der modernen Hautpflege. Dabei handelt es sich um die Vorstufe der Retinsäure. Die eigentliche Wirkung von Retinol wird erst nach einem Umwandlungsprozess in der Haut: „Retinol wird zunächst zu Retinal und anschließend zur Retinsäure, auch Tretinoin genannt, umgewandelt – diese ist die biologisch aktive Form, die schließlich auf zellulärer Ebene wirkt“, erklärt Ahlemann.

In der Haut bindet sich die Retinsäure an spezielle Rezeptoren im Zellkern – sogenannte Retinsäure- und Retinoid-X-Rezeptoren. Diese agieren wie molekulare Schalter, die gezielt bestimmte Gene aktivieren, etwa jene, die für die Zellteilung, Kollagenproduktion und Entzündungsregulation zuständig sind.

„Man kann sich das vorstellen, wie ein Orchester: Die DNA enthält die Noten, aber die Retinsäure-Rezeptoren bestimmen, welche Noten gespielt werden und wie laut“, so die Dermatologin. Diese präzise Steuerung auf genetischer Ebene erklärt die vielfältigen Effekte von Retinol – von der Förderung der Hauterneuerung bis hin zur Regulation der Talgproduktion und Milderung von Pigmentflecken.

Expertin Dr. Lela Ahlemann

Dr. Lela Ahlemann ist Fachärztin für Dermatologie mit Zusatzqualifikationen in Phlebologie, Proktologie und Ernährungsmedizin. Seit rund 20 Jahren ist sie in der medizinischen Praxis tätig, seit 2014 leitet sie zwei eigene dermatologische Praxen in Hagen und Dortmund. Neben der klassischen Dermatologie mit Schwerpunkten wie Hautkrebsdiagnostik und chronischen Hauterkrankungen liegt ihr Fokus auf Best-Aging-Konzepten und medizinischer Kosmetik. In ihrem Buch „Glow up“ gibt Ahlemann Einblicke in bewährte Hautpflegekonzepte, erklärt Wirkstoffe sowie Behandlungen und ordnet aktuelle Beauty-Trends fachlich ein.

Retinol im Aufschwung: Warum der Wirkstoff plötzlich im Fokus steht

Obwohl Retinol längst kein Neuling in der Dermatologie ist, erlebt der Wirkstoff aktuell ein bemerkenswertes Comeback in der Hautpflege. „Die Forschung zu Retinol reicht bereits 50 bis 60 Jahre zurück – ursprünglich wurde Retinsäure zur Behandlung von Akne entwickelt“, sagt Ahlemann. Dass es heute als Anti-Aging-Wirkstoff so populär ist, liegt weniger an neuen Erkenntnissen als an der veränderten Informationsverbreitung: „Was früher vor allem Hautärzten und Forschern vorbehalten war, ist heute durch die sozialen Medien für viele zugänglich.“

Diese Demokratisierung des Wissens hat Retinol ins Rampenlicht gerückt, unterstützt durch virale Inhalte, die den Wirkstoff als eine Art Wundermittel inszenieren. Der Effekt ist real, sollte jedoch differenziert betrachtet werden. „Retinol wirkt, aber es ist keine Zaubercreme. Bei regelmäßiger Anwendung kann die Tiefe feiner Linien reduziert werden. Allerdings betrifft das nicht ausgeprägte Falten, wie etwa die Nasolabialfalte.“

Bei der Anwendung von Retinol ist Geduld gefragt

Die Anti-Aging-Wirkung von Retinol ist kein leeres Versprechen, denn sie ist wissenschaftlich gut belegt. Vor allem für die verschreibungspflichtige Retinsäure existiert eine Vielzahl fundierter Studien. Ursprünglich als Akne-Medikament zugelassen, zeigte sich im Laufe der Jahre ein unerwarteter Nebeneffekt: Patienten, die Retinsäure über längere Zeit nutzten, entwickelten eine sichtbar glattere, feinporigere Haut.

Auch für frei verkäufliches Retinol ist die Studienlage mittlerweile überzeugend. „Die wissenschaftliche Diskussion dreht sich heute nicht mehr um die Frage, ob Retinol wirkt, sondern darum, wie stark der Effekt tatsächlich ist“, sagt die Dermatologin. Klar ist: Tiefe Falten lassen sich damit nicht beseitigen, aber die Hautstruktur kann sich sichtbar verbessern.

Entscheidend für diesen Effekt ist die langfristige, regelmäßige Anwendung, allerdings nicht zwingend täglich. „In Studien wurden die besten Ergebnisse nach sechs bis zwölf Monaten erzielt“, erklärt Ahlemann. Erste Veränderungen, wie ein feineres Hautbild, zeigen sich oft schon nach wenigen Wochen. Wichtig ist dabei ein behutsamer Einstieg. Die Dermatologin rät: „Beginnen Sie mit zwei Anwendungen pro Woche. Wenn die Haut das gut verträgt, kann man langsam steigern.“ Wer zu viel aufträgt oder zu häufig anwendet, riskiert genau das Gegenteil: Anhaltende Reizungen können durch chronische Entzündungen die Hautalterung beschleunigen.

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