VonKilian Bäumlschließen
Vielen Menschen machen die hohen Spritpreise zu schaffen. Ein Professor wünscht sich jedoch, sie würden noch deutlich weiter steigen, er spricht von „Guten Nachrichten fürs Klima“ – und erntet Kritik.
Berlin – Deutschland soll klimafreundlicher werden, dazu sollen die Verkehrsteilnehmer einen großen Teil beitragen. Um weniger Abgase auszustoßen und fossile Ressourcen zu sparen, sollen die Bürgerinnen und Bürger weniger Autofahren. Um Menschen von den Straßen auf die Schienen zu bewegen, wurde in diesem Jahr das Deutschlandticket eingeführt. Eine andere Möglichkeit, Personen vom Autofahren abzuhalten ist, das Autofahren so teuer zu machen, dass es sich nur noch wenige leisten können. Gregor Bachmann von der Humboldt-Universität Berlin findet „Autofahren muss wehtun“ und hält hundert Euro pro Liter offenbar für angemessen. Zum Vergleich, das sind laut dem ADAC die durchschnittlichen Spritpreise der letzten Jahre:
| Jahr | Super E 10 (Cent/Liter) | Diesel (Cent/Liter) |
|---|---|---|
| 2019 | 140,5 | 126,2 |
| 2021 | 152,2 | 138,5 |
| 2022 | 186,0 | 194,6 |
| aktuell | 180,5 | 164,1 |
Laut Professor sollte Sprit 100 Euro pro Liter kosten, denn: „Wer Auto fährt, ist an sich schon privilegiert“
Vergleicht man nur die Spritpreise der Jahre 2019 mit den aktuellen Durchschnittspreisen fällt auf, dass Tanken bereits um circa 40 Cent pro Liter teurer geworden ist. Geht man von einem 50-Liter-Tank aus, bedrängt der Preisunterschied an der Zapfsäule bereits jetzt etwa 20 Euro. Vor allem an Autobahntankstellen ist Sprit laut dem ADAC dreist überteuert.
Je nach Fahrverhalten macht sich das sehr schnell im Geldbeutel bemerkbar. Für Bachmann reicht das allerdings bei weitem nicht. „Erst wenn der Liter 100 Euro oder mehr kostet, werden unsere lieben Mitbürger und Mitbürgerinnen anfangen, langsam darüber nachzudenken, ob es auch mal ohne Auto geht“, schreibt er auf Twitter. „Die Allerärmsten hier können sich überhaupt kein Auto leisten. Wer Auto fährt, ist an sich schon privilegiert“, wird er von der Berliner Zeitung zitiert.
100 Euro für Sprit: Für seine Auffassung zum Autofahren fängt sich der Professor Kritik ein
Inzwischen teilte der Professor einen Post auf Twitter, in welchem er schreibt, dass seine Aussagen von der Zeitung reißerisch verwendet wurden. 100 Euro seien realitätsfern und er fügt hinzu: „Man darf den Deutschen eben alles nehmen, nur nicht ihr Bier und Auto.“ In den Kommentaren findet der Professor keinen Zuspruch, stattdessen kritisieren ihn viele Nutzende. „Natürlich sind 100 Euro realitätsfern. Und warum fordern Sie ihn dann?“, heißt es in einem Kommentar.
Eine weitere Person macht darauf aufmerksam, dass nicht die Zeitung für Bachmanns reißerische Aussagen verantwortlich sei, sondern er selbst sie auf Twitter veröffentlicht hatte. „Ach, der Artikel ist reißerisch? Nicht etwa ihr Tweet, der Anlass für das Interview war?“, kommentiert die Person und verweist auf einen Zeitungsartikel zu steigenden Spritpreisen, den Bachmann mit den Worten „Gute Nachricht fürs Klima: ‚Spritpreise ziehen deutlich an‘. Leider nicht deutlich genug“ kommentiert. Auch seine Aussage zum „nötigen“ Spritpreis von hundert Euro tätigt er im Tweet.
Ach, der Artikel ist reißerisch? Nicht etwa ihr Tweet, der Anlass für das Interview war? 😌
— Gert Wöllmann (@Gert_Woellmann) July 31, 2023
Zur Erinnerung: https://t.co/5tw6RDJUGx
Laut Professor fahren viele nur aus Bequemlichkeit Auto – „Haben Sie jemals im ländlichen Raum gelebt?“
Auch weitere Aussagen aus seinem Interview wurden kritisiert, so sagte er beispielsweise: „Ich würde mal grob geschätzt behaupten, dass die meisten, die erklären, auf ihr Auto angewiesen zu sein, es in Wahrheit gar nicht sind. Sondern nur der Bequemlichkeit halber fahren. Bus und Bahnen gibt es auch in Hellersdorf und auf dem Land.“
Auf Twitter fängt er sich auf hierfür Kritik ein, eine Nutzerin schreibt: „Haben Sie jemals im ländlichen Raum gelebt? Haben Sie Kontakt zur Arbeiterklasse? Natürlich nicht, sonst würden Sie solche steilen Thesen nicht verbreiten. Frage für einen Facharbeiter im Drei-Schicht-System, der täglich 40 Kilometer zur Fabrik pendelt.“ Daraufhin liefert sich Bachmann ein kurzes Wortgefecht mit der Frau, da laut ihm die Fabrik ein Ticket bezahlen müsste, um die Arbeiter und Arbeiterinnen zu halten. Auch die häufig schlechte Infrastruktur wird von Bachmann nur insofern thematisiert, als dass die Kommunen den öffentlichen Nahverkehr verbessern müssten. Im vergangenen Jahr hieß es wegen der schlechten Verbindung der Bahn auf Dorf und Land sogar, dass das 9-Euro-Ticket dort nutzlos sei.
100 Euro für Sprit wegen dem Klima sind gut, fährt der Professor selbst etwa Porsche?
Ein anderer Nutzer verweist auf einen Tweet von Bachmann, der erst vor einigen Tagen getätigt wurde, in dem der Professor schreibt: „So hat man‘s gern: „Biergarten geöffnet“ und direkt davor ein freier Parkplatz für den Porsche“. Viele Nutzer halten den Wagen für das Auto des Professors, in den Kommentaren antwortet er auf die Frage, ob es sich um seinen Wagen handelt jedoch mit „nein“.
So sehr sich der Professor auch in den Kommentaren verteidigt, für einige ist der Fall längst abgeschlossen. So heißt es in einem Kommentar: „Aus der Nummer kommen Sie nach meiner Einschätzung so schnell nicht raus. Nächste Gefahr: in Talkshows um Kopf und Kragen reden.“ Bleibt abzuwarten, ob man Bachmann schon bald bei Lanz und Co. begrüßen wird.
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