Was als Vandalismus begann, ist systematischer Diebstahl geworden. Die Ladeinfrastruktur kämpft gegen eine neue Form der Kriminalität.
Elektroautofahrer erleben immer häufiger eine böse Überraschung: Statt funktionsfähiger Schnellladesäulen finden sie nur noch „entkabelte“ Stromtankstellen vor. Mit Akku-Flex und Bolzenschneider bewaffnete Diebe machen systematisch Jagd auf die wertvollen Kupferkabel der Ladeinfrastruktur. Was zunächst als vereinzeltes Phänomen begann, entwickelt sich zu einem flächendeckenden Problem für die Elektromobilität in Deutschland.
Die Zahlen sind alarmierend: Allein EnBW, Deutschlands größter Schnellladenetzbetreiber, verzeichnet seit Juni 2025 über 1.000 Kabeldiebstähle. Zum Vergleich: Bis 2024 waren es bundesweit nur etwa 20 Fälle pro Jahr. Der Schaden pro gestohlenes Kabel beläuft sich auf 3.000 bis 8.000 Euro, was bei EnBW bereits zu Millionenschäden geführt hat. Besonders betroffen sind Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Kupferdiebstahl trifft kritische Infrastruktur
Die Täter haben es auf das wertvolle Kupfer in den dicken Ladekabeln abgesehen. Obwohl der reine Materialwert nur 60 bis 80 Euro beträgt, entstehen durch jeden Diebstahl erhebliche Folgekosten. Neben dem teuren Ersatzkabel fallen Reparaturkosten, eichrechtliche Überprüfungen und wochenlange Ausfallzeiten an. Besonders anfällig sind abgelegene Standorte wie Baumarkt- oder Supermarktparkplätze, wo Diebe nachts ungestört agieren können.
Die Reparaturdauer hat sich dramatisch verlängert: Statt der üblichen ein bis zwei Wochen dauert es laut n-tv mittlerweile sechs Wochen oder länger, bis eine beschädigte Ladesäule wieder betriebsbereit ist. Grund sind Engpässe bei Ersatzkabeln und der Mangel an spezialisierten Technikern. Erschwerend kommt hinzu, dass in Deutschland jede Säule mit neuem Kabel eichrechtlich erneut überprüft werden muss. Akute Brandgefahr: Hier dürfen Sie auf keinen Fall Ihr E-Auto laden.
Der volkswirtschaftliche Schaden geht weit über die direkten Reparaturkosten hinaus. Ausgefallene Ladesäulen untergraben das Vertrauen der Elektroautofahrer in die Ladeinfrastruktur und bestätigen Skeptiker in ihrer Kritik an der E-Mobilität. Zudem fließen Investitionen, die eigentlich für den Ausbau der Ladeinfrastruktur vorgesehen waren, in teure Sicherheitsmaßnahmen und Reparaturen.
Die Branche reagiert mit verstärkten Schutzmaßnahmen: bessere Beleuchtung, Videoüberwachung, akustische Alarme und GPS-Tracker in den Kabeln. Einige Hersteller experimentieren mit schnittfesten, verstärkten Kabeln. Doch wie bei Fahrradschlössern gilt: Absolute Sicherheit gibt es nicht, nur Zeitgewinn, der das Entdeckungsrisiko für die Täter erhöht. Übrigens ist auch die Deutsche Bahn von Kabeldiebstahl betroffen.
Kabelklau an Ladesäulen: das Problem auf einen Blick
• Dramatischer Anstieg: Von 20 Fällen pro Jahr auf über 1.000 seit Juni 2025 – nur bei EnBW
• Hohe Schäden: 3.000-8.000 Euro Reparaturkosten pro Kabel, Materialwert nur 60-80 Euro
• Lange Ausfälle: Reparatur dauert inzwischen bis zu 6 Wochen statt üblicher 1-2 Wochen
• Hotspots: Besonders betroffen sind NRW, Niedersachsen und abgelegene Standorte
Experten fordern, den Kabelklau an öffentlichen Ladesäulen rechtlich der Sabotage kritischer Infrastruktur gleichzustellen. Ein Leipziger Gericht verhängte laut WiWo bereits 20 Monate Haft wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ – ein Signal, dass die Justiz das Problem ernst nimmt. Nur durch konsequente Strafverfolgung und bessere Präventionsmaßnahmen lässt sich die Eskalation des Kabelklaus stoppen und die Elektromobilität vor weiterem Schaden bewahren.
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