Merz-Regierung will Abschaffung des 8-Stunden-Tages – Gysi äußert schwere Befürchtung für Arbeitnehmer
VonKarolin Schaefer
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Die Koalition will dem Acht-Stunden-Tag an den Kragen. Gewerkschaften schlagen schon Alarm. Auch Gregor Gysi scheint alles andere als begeistert.
München – Schluss mit dem Acht-Stunden-Tag? Die Bundesregierung plant eine Revolution am Arbeitsmarkt. Laut Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD soll eine wöchentliche Höchstarbeitszeit die bisherige Acht-Stunden-Tag-Regelung ablösen.
Acht-Stunden-Tag bald Geschichte? Scharfe Kritik an Koaltionsvorstoß
Beschäftigte und Unternehmen würden sich mehr Flexibilität wünschen, heißt es im Koalitionsvertrag. „Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen – auch und gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“
Doch es gibt scharfe Kritik – gerade von Linken-Politiker Gregor Gysi. Schließlich sei der Acht-Stunden-Tag einst eines der höchsten Wahlkampfziele der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften gewesen, so Gysi Anfang Juni in der ARD-Talkshow „Maischberger“. „Dass sie daran rütteln lassen, kann ich nicht nachvollziehen“, meint der Politiker zum ehemaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Gysi fürchtet also um das Wohl der Arbeitnehmer. Lauterbach hingegen ist der Ansicht: Um Flexibilität zu schaffen, müssten sich Arbeitnehmer der modernen Arbeitswelt beugen.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht den Vorstoß der Union kritisch. Eine Lockerung der Arbeitszeit bringe „mehr unbezahlte Überstunden, mehr Hamsterrad und weniger Gesundheit“, heißt es in einer Mitteilung. Die versprochene Flexibilität bedeute aus Unternehmenssicht vor allem weniger Kosten, etwa für teure Schichtzulagen. „Wer länger arbeitet, ist auch nicht zwingend produktiver. Ab 8 Stunden nimmt die Produktivität ab, es passieren mehr Fehler und gesundheitliche Probleme nehmen zu.“
Kritik an geplanter Wochenarbeitszeit von Merz-Regierung
In Deutschland wurde der Acht-Stunden-Tag 1919 gesetzlich eingeführt. Dafür haben Arbeiterbewegungen gekämpft. Die Idee geht auf den walisischen Sozialreformer Robert Owen zurück. Sein Motto: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung.“ Dies sieht Gysi mit der Reform der Regierung unter Friedrich Merz (CDU) bedroht.
Möglich wäre mit der neuen Regelung nämlich ein Zehn-Stunden-Tag an vier Tagen pro Woche. Somit hätten Arbeitnehmer zwar einen weiteren freien Tag in der Woche. Einer Studie des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht (HSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge seien aber auch Arbeitstage von zwölf und mehr Stunden möglich. Die Lockerung der Arbeitszeit könnte zudem gesundheitliche Probleme bei Erwerbstätigen verschlimmern.
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Viele begrüßen Pläne der Regierung – Experte warnte jedoch: Zahlreiche Erkrankungen drohen
Bei vielen stoßen die Pläne der Merz-Regierung auf Zustimmung. Eine YouGov-Umfrage zeigt: 38 Prozent befürworten den Vorstoß für eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit. Etwa 20 Prozent sind dagegen, 37 Prozent sehen das neutral. Laut CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann gehe es nicht darum, die wöchentliche Arbeitszeit auszuweiten. „Es geht darum, dass die wöchentliche Arbeitszeit bleibt und gleichzeitig die tägliche Arbeitszeit ausgeweitet werden kann.“
Laut Nils Backhaus von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin steht aber fest: Arbeitszeiten von zehn Stunden und mehr erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen, koronare Herzerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und Schlafstörungen, sagte er der Tagesschau. Auch für den DGB sei die versprochene Flexibilität ein Trugschluss: „Das geht auch jetzt schon ohne Änderungen am Arbeitszeitgesetz; in tarifgebundenen Betrieben sind Vertrauensarbeitszeit, Gleitzeit, flexible Modelle längst Alltag.“ (kas/dpa)