Arztbesuch mit Demenz

Mit Demenz ins Krankenhaus oder zum Zahnarzt: So nehmen Sie Kranken die Angst

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Dr. Marc Auerbacher ist Oberarzt und zertifizierter Spezialist für Seniorenzahnmedizin der Deutschen Gesellschaft für Zahnmedizin und leitet die Spezialambulanz am LMU-Zahnklinikum in München.
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Fremde Gesichter, kahle Wartezimmer, Angst vor Schmerzen – für Menschen mit Demenz bedeuten Arztbesuche oft Stress. Wie man die Schwierigkeiten überwindet, erklären Experten.

In Deutschland leben 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Angehörige von Patienten mit Demenz berichten häufig, dass ein Zahnarztbesuch sehr herausfordernd sein kann, sagt Anja Kälin, systemischer Coach und Familientherapeutische Beraterin bei Desideria Care. „Das liegt daran, dass die Kommunikation mit einem Patienten je nach Phase der Erkrankung schwieriger sein kann und es natürlich auch Ängste und Unsicherheiten gibt, etwa weil der Patient die Notwendigkeit der Behandlung nicht mehr verstehen kann.“

Nur wenige Zahnärzte sind spezielle für die Behandlung Dementer ausgerüstet

Solche Situationen verwirren, überfordern und führen zu unnötigem Stress für alle Beteiligten. Deshalb fordern Anja Kälin und ihre Kollegen von Desideria Care: „Es braucht dringend mehr demenzsensible Zahnarztpraxen, die bei Bedarf auch leicht aufzufinden sind.“ Über die des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität berichten wir hier (Text unten) – doch gibt es hier natürlich Kapazitätsgrenzen. Weiterhin gibt es einige wenige niedergelassene Ärzte wie beispielsweise Vapula Haukongo in München, die sich auf Patienten mit Einschränkungen spezialisiert haben.

Begleitpersonen sollten offen mit der Diagnose Demenz umgehen

„Bisher ist es oft eine Odyssee, einen Zahnarzt zu finden, der auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz gut vorbereitet ist“, sagt Anja Kälin. Von den Ärzten wünscht sie sich neben Geduld bei der Behandlung eine gute Aufklärung, insbesondere im Vorfeld. Aber auch die Angehörigen bzw. Begleitpersonen sind gefragt: „Es braucht die Bereitschaft und das Bewusstsein der Begleitperson, offen mit der Demenz-Diagnose umzugehen und die Arztpraxis in die Problematik einzuweihen, damit sich diese auf die Situation einstellen kann.“ Denn der Umgang mit Demenz ist herausfordernd - für alle Beteiligten.

Anja Kälin ist Coach beim Verein Desideria Care, der sich insbesondere um die Angehörigen von Demenzkranken kümmert. Als Tochter einer an Demenz erkrankten Mutter liegt ihr vor allem die Stärkung der familiären Ressourcen und Potenziale am Herzen.

Der Notfallplan, wenn ein Demenzkranker in eine Klinik muss

Auch die stationäre Aufnahme in ein Krankenhaus, , ob geplant oder ungeplant, stellt für einen Menschen mit Demenz eine Herausforderung dar, sagt Anja Kälin. Zum einen forderte ihn die Erkrankung körperlich wie psychisch. Gleichzeitig müsse er sich auf die ungewohnte Umgebung einstellen, sich erinnern und Neues lernen zu können. „Die Patienten plagen Fragen wie: Warum bin ich hier? Wie bin ich hierhergekommen? Wie heißen die Personen, denen ich begegne? Wo ist mein Zimmer und wie finde ich zurück in mein Bett?“, erklärt die Expertin. Sie rät, bei einer geplanten Behandlung vorab gut mit dem überweisenden Arzt Nutzen und Risiko einer Behandlung im Krankenhaus abzuwägen. Zudem sei es gut, nach einem demenzsensiblen Krankenhaus in der Region zu schauen. Demenzsensible Krankenhäuser haben beispielsweise angepasste Informationssysteme zur besseren Orientierung, Klinikbegleiter für die individuelle Begleitung und beziehen von Anfang an die Angehörigen in die Versorgung mit ein.

Bereiten Sie für den Ernstfall eine Tasche vor mit Kleidung und wichtigen Dokumenten

Eine besondere Herausforderung sind Akutsituationen, bei denen Menschen mit Demenz unerwartet in die Notaufnahme kommen. „Grundsätzlich ist es gut, für solche Notfälle vorbereitet zu sein und immer eine Tasche parat zu haben mit Kleidung, Patientenverfügung, Handlungsvollmacht, Medikationsplan und einer Liste mit wichtigen Ansprechpartnern und Bezugspersonen“, rät Anja Kälin.

Manchmal schaffen schon ein Wecker und Bild, die Anspannung zu mildern

Manchmal können An- und Zugehörige nicht mit dem Krankenwagen mitfahren. Hier können Angehörige gegensteuern – indem sie offen über die demenzielle Veränderung des Patienten berichten. Eine vertraute Person wirkt sich in jedem Fall positiv auf den Zustand der Menschen mit Demenz aus und erleichtert somit die Versorgung.  Auch im Krankenhaus ist es empfehlenswert, dass Patienten von ihnen vertrauten Personen begleitet werden und sie persönliche Dinge bei sich haben, die ihnen Halt geben, wie etwa ein Bild der Familie, einen Wecker, das Lieblingskissen oder Ähnliches.

Mit Demenz zum Zahnarzt: So klappt es.

Die Zahnarztpraxis mit Zeit und Herz: Besuch in der Spezialambulanz des LMU-Zahnklinikums in München für Menschen mit Behinderungen, Demenz oder Parkinson

„Normale Zahnärzte haben oft keine Geduld“, sagt Patient Falk S. Es verletzte ihn, wenn er beispielsweise gefragt werde, warum er zucke und Schwierigkeiten habe, den Mund zu öffnen. Denn Falk S. ist seit Geburt eingeschränkt, er leidet an einer infantilen Zerebralparese, also einer bleibenden Störung des Haltungs- und Bewegungsapparates. Der 39-Jährige kommt aber gut zurecht, arbeitet beispielsweise seit 17 Jahren bei der Firma Goretex in Putzbrunn und kann dank Rollstuhl auch alleine zu Ärzten. Nur braucht eben alles ein wenig länger bei ihm – und leider hat er schon öfters gespürt, dass sich mancher diese Extra-Zeit nicht gerne nehmen will. Um so froher ist er, dass er in München einen Ort gefunden hat, der für ihn perfekt ist.

Eine Praxis, in der das Gesetz „Zeit ist Geld“ außer Kraft gesetzt zu sein scheint: die Spezialambulanz für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf an der Zahnklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in der Goethestraße. „Wir behandeln hier Patienten mit Beeinträchtigungen und sind dafür speziell ausgestattet“, erklärt Leiter Dr. Marc Auerbacher. Er ist Oberarzt und zertifizierter Spezialist für Seniorenzahnmedizin der Deutschen Gesellschaft für Zahnmedizin. „Unser Bereich ist einmalig in der staatlichen deutschen Universitätslandschaft“, sagt Dr. Auerbacher. Die Einrichtung wurde 2012 auf Initiative des Direktors der Zahnklinik, Prof. Reinhard Hickel, gegründet, der unter anderem deswegen jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

In der 250-Quadratmeter-Praxis gibt es extragroße Behandlungszimmer und sanitäre Einrichtungen, die auch mit Rollstühlen bequem zu befahren sind. Zudem gibt es einen Spezialstuhl für 30.000 Euro, in dem auch Patienten in einem schweren elektrischen Rollstuhl behandelt werden können, ohne dass diese den Rollstuhl verlassen müssen. Und eines fehlt, das sonst allgegenwärtig zu sein scheint: Zeitdruck. „Die Behandlung von Menschen mit schweren Behinderungen ist zeit- und personalintensiv. Junge Zahnärzte, die Praxismieten bezahlen müssen, können sich diesen Aufwand oft gar nicht erlauben. Denn bei gesetzlich versicherten Menschen mit besonderem Behandlungsbedarf wird dieser Aufwand finanziell nicht ausreichend gedeckt“, sagt Dr. Auerbacher. Doch kann er in seinem kleinen Bereich nicht unzählig viele Patienten behandeln – insbesondere neue Patienten müssten deshalb mit Wartezeiten auf Termine rechnen. Dr. Auerbacher hofft, dass die spezielle Abteilung der Zahnklinik Schule macht. Er hat vor seinem Zahnarzt-Studium als Ergotherapeut gearbeitet und kann so besonders auf Menschen mit Einschränkungen eingehen. Sein Wissen gibt er auch an Studenten weiter, mit denen er wöchentlich Patienten in der Tagesklinik für Altersmedizin (Geriatrie) in der Ziemssenstraße besucht. Denn um Patienten mit Einschränkungen zu behandeln, braucht es spezielle Kenntnisse.

So geht beispielsweise Parkinson oft mit Schluckstörungen einher. Demente Menschen verstehen oft nicht, was von ihnen gefragt ist, und wollen beispielsweise den Mund nicht öffnen. „Hier braucht man viel Geduld und Einfühlungsvermögen“, sagt Dr. Auerbacher. Beim Menschen mit geistigen Behinderungen ist Angst oft eine der größten Barrieren. „Da geht es darum, Vertrauen aufzubauen, am besten mit einem konstanten und einfühlsamen Team.“

Dr. Auerbacher und seinem Team ist es wichtig, zu vermeiden, dass diese Menschen für eine Zahnbehandlung zu häufig in Vollnarkosen behandelt werden. Denn viele Studien zeigten, dass Narkosen besonders bei Demenzpatienten nicht unbedingt förderlich sind.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion leider nicht beantwortet werden.

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