Die richtige Erziehung

Pädagogin über Wutausbruch bei Kindern: Nachwuchs, der seine Eltern anschreit, fühlt sich geborgen

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Wachsen Kinder heran, kommt es häufiger zu Konflikten mit den Eltern. Ein Kind, das seine Eltern anbrüllt, sei etwas Positives, so eine Expertin.

In jeder Familie gibt es Streit und Diskussionen und das ist auch gut so. Nur wer Bedürfnisse offen kommuniziert, sich streiten, aber auch versöhnen kann, kann eine gesunde Bindung zu seinen Mitmenschen aufbauen. Kinder müssen diese Art der Auseinandersetzung erst lernen. Wutausbrüche, Geschrei und Sturheit sind dabei völlig normal. Dass Kinder diese Wut dann auch an ihren Eltern auslassen, ist natürlich nicht angenehm. Laut einer Pädagogin ist das aber ein Zeichen von Vertrauen.

Pädagogin: Eltern sollten es als Kompliment sehen, wenn ihr Kind sie anschreit

Wutausbrüche bei Kindern sind keine Seltenheit.

Manchmal sind die Wutausbrüche von Kindern so heftig, dass selbst Erwachsene daneben stehen und ratlos sind. Warum das ganze Geschrei? Wieso der lautstarke Protest? Gründe gibt es für Wutausbrüche bei Kindern viele. Einige sind zum Beispiel:

  • Autonomiebestreben
  • Überforderung
  • Bewegungsmangel
  • Mangelndes Selbstwertgefühl
  • Reizüberflutung
  • Frustration

Nicht immer lassen sich die Wutanfälle schnell besänftigen. Ab und an kommt es auch dazu, dass das Kind lauthals schreit und auch die Eltern Zielscheibe der Aggression werden. So schwer es dann auch fällt, aber Eltern sollten in diesen Augenblicken versuchen, ruhig zu bleiben und das Kind in seiner emotionalen Lage zu begleiten. Das bedeutet nicht, sich grenzenlos anschreien zu lassen, aber das Kind sollte sich ernst und wahrgenommen fühlen in seiner Wut.

Pädagogin: Wutausbruch ist Zeichen von Sicherheit

Die Pädagogin Nora Imlau erklärt, dass die Wutausbrüche gegenüber den Eltern sogar ein Zeichen von absolutem Vertrauen sind. Ihrer Meinung nach zeigen Kinder ihre Emotionen nur so offen in einem Umfeld, in dem sie sich geborgen und absolut sicher fühlen. „Dass unsere Kinder sich dabei manchmal regelrecht an uns abarbeiten, indem sie schimpfen und schreien und toben und wüten – all das sind keine Versuche, unsere Macht an sich zu reißen, sondern im Gegenteil: Zeichen großer Verletzlichkeit und Bindungssicherheit“, sagt Imlau. Ein Kind, dass um die Liebe seiner Eltern fürchte, würde niemals seinen Emotionen so freien Lauf lassen.

Die Ohrfeige war bis in die 80er verbreitet: Wie sich die Erziehung verändert hat

Schulklasse, die gemeinsam etwas erarbeitet.
Stillsitzen – das wurde früher noch regelmäßig in der Schule gefordert. Beim Kirchenbesuch oder den Großeltern lief es ähnlich ab. Hibbeln oder wippeln, immer etwas in den Händen zu haben war selten irgendwo gern gesehen. Heute ist das anders. Studien zeigen, dass Bewegung zwischendurch das Lernen unterstützt und auch insgesamt sind sich Experten einig: Mehr Bewegung, auch über die Schule hinaus, wäre wünschenswert. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder in der Kirche oder einem feinen Restaurant umherrennen sollten – das wann und wo ist auch heute noch wichtig. (Symbolbild) © Wavebreak Media Ltd/Imago
Ein Kind balanciert auf einem Stamm am Meer.
Balancieren, auf einem Bein stehen, rückwärts gehen – bei Vorschuluntersuchungen fällt immer wieder auf, dass Fünfjährige immer öfter Probleme bei diesen Aufgaben haben. Besonders in größeren Städten sind bis zu 40 Prozent der Kinder motorisch etwas unterentwickelt. In der Grundschule selbst werden Seil- oder Stangenklettern im Sportunterricht seltener, weil immer weniger Kinder dies können. Aber das ist in der Regel kein Grund zur Besorgnis, denn in dem Alter kann viel aufgeholt werden. (Symbolbild) © Cavan Images/Imago
Ein Kind bindet seinen Schuh mit einer Schleife.
Wissen Sie noch, wie alt Sie waren, als Sie das Schleife binden lernten? Vor gut 20 Jahren wetteiferte man im Kindergarten darum, wer das noch vor der Einschulung fertigbringt. Heute kann sich gerade mal die Hälfte der Vier- bis Fünfjährigen ohne Hilfe anziehen, inklusive Schuhe binden. Einige Grundschulen haben darauf reagiert – und verbieten Schnürsenkel. Die Lehrenden haben einfach Besseres zu tun, als den ganzen Tag Schleifen an Kinderschuhen zu binden. (Symbolbild) © eyevisto/Imago
Ein Junge wäscht ab.
Wussten Sie, dass nur 23,5 Prozent der Haushalte 1983 Spülmaschinen besaßen? Heute sind es knapp 72 Prozent. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Kinder heute nicht mehr überall beim Abwasch helfen müssen. Auch beim Staubsaugen wird immer weniger Unterstützung gefordert, schließlich gibt es in immer mehr Familien Saugroboter. Trotzdem: Kinder können – und sollen – durchaus im Haushalt helfen. Das steht sogar im Gesetz (§ 1619 BGB). In welchem Maße bleibt natürlich den Eltern überlassen, aber häufig sind Hilfe beim Tischdecken/-abräumen oder das Einräumen der Spülmaschine üblich, auch für Kinder ab drei Jahren. (Symbolbild) © Valentina Barreto/Imago
Junge versteckt sich ängstlich unter einem Tisch.
Prügel, Schläge, Angst – früher war der Rohstock im Klassenzimmer weit verbreitet. In der DDR wurde er (und damit die Prügelstrafe) 1949 aus der Schule verbannt. Langsam folgte auch der Rest Deutschlands, in Teilen von Bayern wurde aber bis Anfang der 1980er Jahre immer noch auf diese Art durchgegriffen. Und erst seit 2000 gilt, laut Gesetz, endlich auch zu Hause: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ (§ 1631 BGB, Abs. 2) (Symbolbild) © Vasily Pindyurin/Imago
Ein Kind versteckt sich, es sind nur die Augen und die Mütze zu sehen.
„Gib‘ der Tante mal die Hand, Kind“ – der Spruch klingt nicht nur verstaubt, er ist es zum Glück auch. Da heute mehr auf die Kinder und ihre Bedürfnisse eingegangen wird, muss keiner mehr irgendwem die Hand oder ein Küsschen geben, wenn er oder sie das nicht möchte. Eine Wohltat, vor allem für schüchterne Sprösslinge. (Symbolbild) © Pawel Opaska/Imago
Junge allein im winterlichen Wald.
Mittagessen für die Geschwister machen, alleine zu Hause oder draußen sein: Viele Kinder mussten vor einigen Jahrzehnten diese Erfahrungen früh machen. Auch, wenn sie dafür vielleicht noch zu jung und von der Verantwortung überfordert waren. Heute haben Eltern mehr Zeit für ihre Kinder oder sorgen für entsprechende Betreuung und das Alleinsein kommt vergleichsweise spät. Das ist auf der einen Seite sehr löblich und gut, passierten doch früher auch oft Unfälle. Aber ein bisschen traurig ist es auf der anderen Seite auch, denn manchmal birgt ein kleiner Waldabschnitt viel mehr Möglichkeiten für Fantasie und Abenteuer als der moderne Spielplatz um die Ecke. (Symbolbild) © Frank van Delft/Imago

Kinder wollten über ihre Wutausbrüche keinesfalls die Herrscher-Rolle in der Familie einnehmen. Ein Kind, das seine Eltern anschreit, will nicht das Sagen über seine Eltern haben. „Dass sie in manchen Entwicklungsphasen gefühlt alles bestimmen wollen, lautstark auf ihren Forderungen beharren und wenig kompromissbereit sind, hat nichts damit zu tun, dass sie unseren Job machen wollen – sie entdecken auf diese Weise einfach nur ihr eigenes Ich, ihren eigenen Willen, ihren Platz in der Welt“, meint Nora Imlau. Die Theorie, dass ein Kind nur auf den richtigen Moment warte, um die Führungsrolle zu übernehmen, sei entwicklungspsychologisch in keiner Weise belegt.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

Rubriklistenbild: © Robyn Breen Shinn/Imago

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