VonAndreas Schmidschließen
Wird das Gesundheitssystem umgekrempelt? Patienten sollen weniger Ärzte aufsuchen müssen und schneller Termine bekommen. Das ist der Plan.
Statistisch gesehen gehen die Deutschen rund zehnmal im Jahr zum Arzt. Das ist deutlich mehr als im europäischen Durchschnitt, wo die Menschen meist sechs bis sieben Mal im Jahr eine Praxis aufsuchen. Sind die Deutschen also einfach häufiger krank? Nein, sagen Experten. Vielmehr seien einige Arztbesuche unnötig.
Im Irrgarten des deutschen Gesundheitssystems gibt es also zu viele Ärztekontakte: Jeder fünfte Versicherte suchte zuletzt sechs oder mehr unterschiedliche Arztpraxen auf. Das Problem hat mittlerweile auch die Politik verstanden, das Zauberwort, um die vielen Arztkontakte besser zu verteilen, lautet: Patientensteuerung. Wie soll das funktionieren?
Bundesregierung will „verbindliches Primärarztsystem“ mit Termingarantie
Die Merz-Regierung aus CDU/CSU und SPD hat sich im Koalitionsvertrag auf ein „verbindliches Primärarztsystem“ verständigt. Soll heißen: Versicherte legen einen Hausarzt fest, der für sie erste Anlaufstelle ist. Dieser Hausarzt prüft, ob eine Behandlung durch einen Facharzt notwendig ist, und stellt bei Bedarf eine Überweisung aus. Ausnahmen sind vorgesehen, etwa für den Besuch beim Gynäkologen, Augenarzt oder Zahnarzt. Das System orientiert sich an den Plänen von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, die nie realisiert wurden.
Lauterbach-Nachfolgerin Nina Warken (CDU) will das Primärarztmodell nun zeitnah umsetzen – inklusive einer „Termingarantie“. Wer eine Überweisung vom Hausarzt erhält, soll innerhalb eines bestimmten Zeitraums einen Facharzttermin bekommen. Damit will die Regierung die langen Wartezeiten auf Facharzttermine verkürzen und die Versorgung gerechter machen, unabhängig davon, ob jemand privat oder gesetzlich versichert ist.
Die schwarz-rote Bundesregierung setzt bei der Neustrukturierung des Gesundheitssystems also vor allem auf eine Gruppe: die Hausärzte.
Krankenkassen wollen neues Arztmodell: „Dadurch werden unnötige Wartezeiten vermieden“
Die Ersatzkassen haben hingegen ein eigenes Modell für eine bessere Patientensteuerung vorgelegt. „Aus unserer Sicht sollte der Zugang zur Versorgung nicht zwingend allein über den Hausarzt erfolgen, sondern auf mehrere Schultern verteilt werden“, sagt dazu Boris von Maydell, Leiter der Abteilung Ambulante Versorgung beim Verband der Ersatzkassen (vdek). Laut dem Modell mit dem Namen „persönliches Ärzteteam“ soll es künftig drei Zugänge ins Gesundheitssystem geben: den Hausarzt, eine telemedizinische Ersteinschätzung und drei Fachärzte, die jederzeit aufgesucht werden können. „Dadurch werden unnötige Wartezeiten vermieden“, heißt es vom Verband.
Neues Arztmodell: „Das würde verhindern, dass Hausärzte überlastet werden“
Die Rolle des Hausarztes soll so bleiben wie gehabt. „Er ist für viele Versicherte bereits heute die erste Anlaufstelle und wird weiterhin der zentrale Zugang zur Gesundheitsversorgung bleiben“, so von Maydell im Gespräch mit dem Münchner Merkur. Die telemedizinische Ersteinschätzung soll per Telefon, Video oder vollständig digital erfolgen und orientiert sich am bisherigen Modell der Telefonnummer 116 117. Die Fachärzte soll man ohne Überweisung aufsuchen können. „Das erleichtert insbesondere für chronisch Kranke den Zugang zu ihren behandelnden Fachärzten und würde verhindern, dass die Hausarztpraxen durch unnötige Fälle überlastet werden.“
Bislang braucht man für bestimmte Fachgebiete in Deutschland eine Überweisung. Wer zum Beispiel zum Radiologen gehen möchte, muss vorher in der Regel einen anderen Arzt konsultieren, der einem dann eine Überweisung ausstellt. „Bisher ist es so“, sagt von Maydell: „Haben Sie zum Beispiel eine chronische kardiologische Erkrankung, werden Sie sehr häufig zum Kardiologen gehen. Dann ist es Unsinn, wenn Sie vor jedem Termin zum Hausarzt müssen, um die notwendige Überweisung abzuholen.“ Dieser „zusätzliche Arztkontakt“ soll durch das Patientensteuerungsmodell des vdek verschwinden.
Darüber, dass sich das Ärztesystem in Deutschland ändern muss, sind sich die meisten Akteure im Gesundheitssystem weitgehend einig. Über das Wie gibt es allerdings unterschiedliche Auffassungen. Fachärzte kritisieren den „Umweg“ über Hausärzte als patientenschädigend. Kassenärztliche Vereinigungen lehnen die Termingarantie als „realitätsfern“ ab. Die Bundesärztekammer unterstützt das System hingegen ebenso wie die Hausärzte. Der vdek sagt: „Wir brauchen definitiv eine bessere Patientensteuerung.“
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