65.000 Opfer jährlich

Plötzlicher Herztod: Auch junge Menschen oft gefährdet – Top-Herzexperten erklären Alarmsignale

+
Professor Thomas Voigtländer ist seit 2010 Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung.
  • schließen

Fälle wie der von Philipp brechen einem das Herz. Der Student lang mit 20 Jahren plötzlich tot im Bett. Kein Einzelfall: 65.000 Deutsche sterben jährlich an plötzlichem Herztod. Ihre Angehörigen sind oft auch gefährdet – ohne es zu wissen.

Er war Jahrgangsbester beim Abitur, begeisterter Autobastler, frisch verliebt und voller Pläne: Die Zukunft von Philipp L. aus Hinterweidenthal in der Südwestpfalz hätte sicher rosig ausgesehen. Doch plötzlich war alles vorbei. Eines Montagmorgens lag der 20-Jährige tot in seinem Bett. Sein Vater Mario L. (49) kann auch jetzt, fast vier Jahre später, den völlig unerwarteten Tod seines Sohnes kaum fassen. Am Abend zuvor hatte Philipp noch eine Tasse Tee mit seinen Mitbewohnern getrunken und verkündet, er werde am kommenden Morgen noch vor der Uni staubsaugen. Doch dann wunderten sich seine Mitbewohner, dass sein Wecker nicht zu klingeln aufhörte. Als sie nachschauten, entdeckten sie, dass der Tod Philipp im Schlaf überrascht hatte.

Eines Morgens lag Philipp tot im Bett, der Vater kann es bis heute nicht fassen

„Es war wie aus heiterem Himmel, es gab im Vorfeld keine Anzeichen, dass mit Philipps Herz etwas nicht stimmen könnte“, sagt der Vater Mario L. Als ihn Celine, die Freundin seines Sohnes, anrief, und ihm von dessen Tod erzählte, leitete er sofort eine rechtsmedizinische Untersuchung ein. „Ich wollte wissen, was passiert war. Und ob er bei seinem Tod gelitten hatte“, sagt der Vater. Er brauchte eine Erklärung, wie so etwas passieren kann, obwohl sein Sohn ja als kerngesund galt und einen gesunden Lebensstil pflegte.

Philipp starb im Alter von 20 Jahren am plötzlichen Herztod.

Hätte man Philipp im Vorfeld untersucht und die Herzschwäche entdeckt, könnte er vielleicht noch leben

In der Gerichtsmedizin in Köln stellte man einen plötzlichen Herztod fest. Grund war aller Wahrscheinlichkeit nach eine elektrische Herzstörung. In Philipps Fall ein Short-QT-Syndrom. Das ist ein seltener genetischer Herzdefekt, der ein hohes Risiko für Ohnmachtsanfälle oder plötzlichen Herztod birgt. Zur Erklärung: Elektrische Impulse im Herzen sorgen dafür, dass sich der Herzmuskel zusammenzieht und Blut durch den Körper pumpt. Der Herzmuskel braucht dazwischen Zeit, sich zu entspannen, bevor er das nächste elektrische Signal empfängt und sich wieder zusammenzieht. Die Zeit, die er zur Entspannung braucht, heißt QT-Intervall. Beim Short-QT-Syndrom ist das Intervall kürzer, beim Long-QT länger als normal. Trifft das nächste elektrische Signal den Herzmuskel zu früh oder spät, kann das gefährliche Rhythmusstörungen oder Blackouts auslösen.

Auch der Vater ist betroffen. Er hatte mit 41 Jahren einen Herzinfarkt. Dass der elektrische Herzfehler die Ursache war und nicht lediglich ein Gefäßverschluss, wie es damals hieß, weiß man heute. Zu spät für Philipp, der vielleicht noch leben könnte, hätte man die vererbbare Herzstörung beim Vater früher entdeckt. „Niemand hat mich gewarnt und so forschte ich auch nicht nach“, sagt der Vater. Also machte er sich diesbezüglich keine Sorgen: „Heute wäre das ganz anders. Mit meinen jetzigen Kenntnissen zu der Thematik würde ich auf jeden Fall darauf bestehen abzuklären, ob es familiäre Risiken für eine Herzerkrankung gibt“, sagt der Vater. Er mache keinem Arzt einen Vorwurf, aber im Nachhinein könne man Verdachtsmomente bemerken. „Ich hatte von Philipp nur ein EKG, bei dem seine Herzaktivität gemessen wurde, das wurde bei seiner Einstellung in den öffentlichen Dienst angefertigt“, erzählt der Vater.

Der Herzinfarkt von Philipps Vater hätte als Alarmsignal erkannt werden sollen

„Bei mir wurde dieses Symptom nur in ganz geringer Intensität festgestellt, aber ich bekam nach dem Tod von Philipp nun die Untersuchungen, die auch er bekommen hätte, hätte man früher Verdacht geschöpft“, sagt der Vater.

Umso wichtiger ist es ihm jetzt, ähnlich Betroffene zu warnen. „Es gibt ein einige wichtige Fragen, die sich jeder stellen sollte“, sagt Mario L. und erklärt: „Es ist sinnvoll, etwas Ahnenforschung zu betreiben und nachzusehen, ob es bereits in der Eltern- oder Großelterngeneration Herzdefekte oder plötzliche Herztodesfälle gab.“

Ist eine Herzschwäche bekannt, kann man die Betroffenen oft mit einfachen Maßnahmen schützen

Weitere Alarmsignale sind, wenn ein Verwandter an wiederkehrendem Schwindel, Ohnmachtsanfällen oder Herzrhythmusstörungen leidet. Besteht die Gefahr, eine Herzerkrankung geerbt oder vererbt zu haben, sollte man sich genau untersuchen lassen. Um schlimme Folgen durch eine Prophylaxe zu verhindern, braucht es eine genaue Diagnose. Bei elektrischen Herzerkrankungen, wie Philipp sie hatte, sollen die Betroffenen beispielsweise bestimmte Antibiotika meiden, ebenso können plötzliche schrille Töne wie das Klingeln eines lauten Weckers oder der Sprung ins kalte Wasser gefährlich werden.

Mario L. weiß nun um die Risiken und hat seine Verwandten informiert – so zum Beispiel seine Schwester, die eine Tochter hat. Für Philipp ist es zu spät ist. Aber jetzt steht wenigstens seine Nichte unter Beobachtung und weiß um das genetische Risiko.

Man nennt ihn auch den Sekundentod. „Es sind statistisch 178 Tote pro Tag und die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Professor Thomas Voigtländer, Vorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Der plötzliche Herztod ist die häufigste Todesursache außerhalb von Krankenhäusern“, betont er. Das Problem für die Kardiologen: Oft werden die Toten nicht obduziert. So werden vererbte Herzkrankheiten oft nicht entdeckt. Zum Schaden für die Angehörigen. Denn liegt eine vererbbare Herzerkrankung vor, dann tragen sie ein 50-prozentiges Risiko in sich, ebenfalls betroffen zu sein und einen plötzlichen Herztod zu erleiden.

Die Professorin Silke Kauferstein leitet das Zentrum für plötzlichen Herztod am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Frankfurt am Main.

Rund 40 Prozent der an plötzlichem Herztod Gestorbenen sind unter 65 Jahre alt

Dieser jähe Tod trifft übrigens nicht nur ältere Menschen: In rund 40 Prozent der Fälle sterben relativ junge Menschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren. „Dass auch junge Menschen Opfer sein können, wissen viele nicht“, bedauert die Molekularbiologin Prof. Silke Kauferstein. Sie leitet das Zentrum für plötzlichen Herztod am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Frankfurt am Main. Sie erklärt: Ursachen des Herztodes im jungen Alter seien neben angeborenen Herzfehlern, Veränderungen der Herzkranzgefäße (Koronaranomalien), Herzmuskelentzündung (Myokarditis) vor allem genetisch bedingte Herzerkrankungen.

„Leider aber sind viele vererbbare Herzerkrankungen in der Bevölkerung weit weniger bekannt als zum Beispiel der sehr viel seltenere Stoffwechseldefekt Mukoviszidose“, sagt Kauferstein. Dabei kommt das Long-QT-Syndrom, bei dem die Reizübertragung im Herzen gestört ist, doppelt so häufig vor wie Mukoviszidose. Einer von 2.000 Menschen erkrankt am Long-QT-Syndrom, das wegen der verlangsamten Reizübertragung zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen kann. Kauferstein hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, hier aufzuklären: „Vererbbare Herzdefekte müssen nicht schicksalhaft zum Tod führen.“ Zwar verlaufen die Herzerkrankungen oft lange Zeit ohne eindeutige Beschwerden. Aber deshalb sei es umso wichtiger, die Bevölkerung über die Alarmsignale zu informieren. „Das sind zum Beispiel unklare Ohnmachtsanfälle. Oft werden solche Warnsignale nicht erkannt.“

Am 12. Juni 2021 erlitt der dänische Mittelfeldspieler Christian Eriksen im EM-Spiel gegen Finnland einen Herzstillstand.

In Italien senkten Reihenuntersuchungen von Hobbysportlern bei Wettkampfteilnahmen die Zahl der Toten

Auch Sportler sind betroffen, Amateure häufiger als Profis. Dennoch passiert es auch immer wieder vor laufenden Kameras, dass das Herz eines Profisportlers plötzlich stillsteht. So zum Beispiel am 21. Juni 2021, als Christian Eriksen beim Gruppenspiel der EURO 2020 zwischen Dänemark und Finnland zusammenbrach. Eine sofortige Herzdruckmassage, gekoppelt mit weiteren Maßnahmen, rettete sein Leben. Andere Spieler hatten nicht so viel Glück und starben. Dabei sind die Profis viel besser überwacht als die Hobbysportler, sagt Professor Tim Meyer, Chefmediziner der Deutschen Fußballbunds und der UEFA. Er rät zu präventiven Herzuntersuchungen bei Amateursportlern. „Vor allem bei Freizeitsportlern höheren Alters und Wiedereinsteigern erhöhen ungewohnt hohe Belastungsintensitäten das Risiko eines plötzlichen Herztodes“, sagt er. In Italien, wo alle Amateursportler, die an Wettkämpfen teilnehmen, untersucht werden, habe dies die Zahl der plötzlichen Herztode deutlich gesenkt.

DFB-Chefarzt Tim Meyer rät vor allem älteren Freizeitsportlern vor dem Wiedereinstieg nach langen Pausen zu Vorsorgeuntersuchungen.

Die Alarmsignale für ein Risiko für einen plötzlichen Herztod

  • Ohnmachtsanfälle und kurze Verluste des Bewusstseins (sogenannte Synkopen). Diese kommen oftmals bei besonderen Auslösern vor wie Stress, schriller Wecker oder sportliche Belastung.
  • Krampfanfälle ohne eindeutige pathologische EEG-Befunde.
  • Plötzliche ungeklärte Todesfälle in jungen Jahren in der Familie. Alarmsignale sind auch plötzliche Todesfälle im Wasser oder unerklärbare Autounfälle. Auch wenn es eine bekannte Epilepsie gibt, muss diese nicht die Ursache gewesen sein – dennoch an plötzlichen Herztod denken.
  • Herzschwäche oder Herzschrittmacherpflichtigkeit vor dem 50. Lebensjahr.

Das ist ein plötzlicher Herztod

Ein plötzlicher Herztod ist dann gegeben, wenn ein Mensch innerhalb einer Stunde nach den ersten Symptomen stirbt, erklärt Professor Thomas Voigtländer. Blieb der Tod unbeobachtet, dann gilt als plötzlicher Herztod, wenn jemand 24 Stunden vor seinem Tod noch lebend gesehen wurde und an keiner anderen nicht das Herz betreffenden Erkrankung litt.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion leider nicht beantwortet werden.

Kommentare