VonStella Henrichschließen
Mediziner fordern die staatliche Produktion lebenswichtiger Arzneimittel in Deutschland. Das aber hat auch drastische Auswirkungen auf die Preise, die Verbraucher für Medikamente zahlen müssen.
München ‒ Wer ein Krebsmedikament oder bloß einen Hustensaft für Kinder benötigt, hat ein Problem. Die Produkte werden in den Apotheken rar. Deutschland ist inzwischen stark von der Produktion im Ausland abhängig. Das Problem ist kurioserweise nicht, dass es an Medikamenten wie Fiebersaft für Kinder, Paracetamol oder Ibuprofen mangeln würde. Das Problem besteht darin, dass diese Medikamente im Ausland besser bezahlt werden und hierzulande offensichtlich nicht lukrativ vermarktet werden können. Dazu kommen Lieferengpässe bei Antibiotika oder Krebsmedikamenten, die aus China oder auch aus Indien importiert werden.
Die Situation auf dem heimischen Medikamentenmarkt hat Folgen. Die Preise für die Konsumenten steigen. Die Online-Apotheken beispielsweise haben die Preise für klassische Erkältungsmedikamente im Durchschnitt bereits um acht Prozent seit diesem November angehoben, berichtet die Wirtschaftswoche und beruft sich dabei auf eine exklusive Auswertung des Stuttgarter Unternehmens Price Intelligence.
Preisveränderungen von ausgewählten Medikamenten im Vergleich:
| Medikament | Preisveränderung | Anzahl der angebotenen Produkte |
| Hustenlöser | + 18 Prozent | - 40 Prozent |
| Erkältungs- und Grippemittel allgemein | + 7 Prozent | - 27 Prozent |
| Halsschmerzmittel | + 12 Prozent | - 24 Prozent |
| Schnupfenmittel | + 11 Prozent | - 19 Prozent |
Quelle: Price Intelligence in Wirtschaftswoche (durchschnittliche prozentuale Veränderungen vom 1. November bis 19. Dezember 2022)
Die Übersicht zeigt, dass der Durchschnittspreis für Hustenlöser in Online-Apotheken seit November um 18 Prozent gestiegen ist. Die Anzahl der angebotenen Hustenlöser ist in diesem Zeitraum um 40 Prozent gesunken. Angebot und Nachfrage sind ganz offensichtlich aus dem Gleichgewicht. Mit zusätzlichen Folgen auf die Preise in Deutschland.
Preise für Medikamente steigen: Europa muss wieder mehr Medikamente selbst produzieren
Das Problem steigender Preise bei zusätzlicher Verknappung des Medikamentenangebots betrifft aber nicht nur die Online-Händler. Christian Splett, stellvertretender Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA), wies bereits vor mehreren Monaten auf die eingeschränkte Verfügbarkeit bei Fiebersäften, Zäpfchen für Kindern mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen hin, berichtet Business-Insider. Es gebe nur noch wenige Hersteller, die den deutschen Markt mit diesem Produkt versorgten.
Eine Situation, die auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach längst erkannt hat. Ordnungspolitisch will der Minister in den Markt eingreifen, indem die Preisvorschriften für Kinderarzneien gelockert werden, wieder Medikamente von europäischen Herstellern ins Spiel kommen und Vorräte der preisgünstigsten Arzneien angelegt werden. Auch Medikamente für die Krebsversorgung Erwachsener und Antibiotika sollen durch finanzielle Anreize besser verfügbar werden, erklärt Lauterbach in einem Interview bei Tagesschau.de.
Preise für Medikamente: Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigt Ende der Discounter-Politik an
Um die erklärten Ziele des Ministers zu erreichen, sollen gesetzliche Krankenkassen bei Engpässen einmalig künftig bis zum 1,5-Fachen des bisherigen maximalen Betrags für benötigte Arzneimittel übernehmen können. Die Zuzahlung für Medikamente soll für den Patienten außerdem begrenzt werden. Der Minister will damit die weitere Ökonomisierung des Gesundheitssystems ausbremsen und die Discounter-Politik im Medikamentenhandel beenden.
Umgesetzt werden sollen die Pläne im neuen Jahr. Lauterbach sagte, eine „Discounter-Politik“ habe die Versorgung kontinuierlich über Jahrzehnte verschlechtert. „Das zurückzudrehen, geht nicht über Nacht.“
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