VonKatharina Brumbauerschließen
Bei einem Lidl-Zulieferer in Niedersachsen leben Hühner unter katastrophalen Bedingungen, wie Aufnahmen aus dem Maststall belegen. Der Discounter will die Vorgänge prüfen.
Bad Wimpfen - Zusammengepfercht sitzen die Hühner in einem völlig überfüllten Stall. Auf engstem Raum können sie sich kaum bewegen, stolpern übereinander. Sie sind völlig verdreckt. Ihre Bäuche sind so dick, dass die Tiere sich kaum mehr auf den Beinen halten können und unter ihrem Gewicht zusammenbrechen. Es sind schockierende Aufnahmen, die im Sommer 2022 heimlich im Maststall eines Zulieferers des Discounters Lidl in Niedersachsen gemacht wurden. Die „Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt“ ist mit den Bildern jetzt an die Öffentlichkeit gegangen.
Völlig überzüchtete Hühner: Schwere Vorwürfe gegen Lidl und Zulieferer
Die Tierschutzorganisation erhebt schwere Vorwürfe gegen den Supermarkt Lidl und seinen Zulieferer. In den Aufnahmen sind kranke, sterbende, tote und verweste Tiere zu sehen. „Die Mitarbeiter übersehen in den riesigen, vollen Ställen offenbar tote Tiere, die dann zwischen ihren Artgenossen bis zur Verwesung liegen bleiben“, erklärt die Albert Schweitzer Stiftung in einer Pressemitteilung vom Dienstag, 25. Oktober.
Laut Informationen der Organisation wird das Hühnerfleisch unter anderem zu Produkten der Lidl-Eigenmarken „Metzgerfrisch“ und „Grillmeister“ verarbeitet. „Lidls Hühnerfleisch aus “Stallhaltung Plus‘ kommt von Qualzucht-Hühnern aus trostlosen Massenställen. Das belegen die Recherchen. Stellt Lidl sich das unter ‚Qualität‘ und ‚Tierwohl‘ vor?“, moniert Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung.
Schockierende Haltungsbedingungen bei Lidl-Zulieferer: Tierschützer fordern Discounter zum Handeln auf
Die Tierschutzorganisationen sagen, Lidl drücke sich vor richtigem Tierschutz. 2019 hat der Discounter ein Logo mit Namen „Haltungsform“ eingeführt, in dem es die Haltung der Tiere - auf einer Skala von 1 bis 4 - kennzeichnet. Das ist bisher noch kein Muss für die Supermärkte, auch wenn es immer mehr Supermärkte - zuletzt Kaufland - freiwillig machen. Die Bundesregierung arbeitet aber an einem neuen staatlichen Logo, mit dem die Discounter ab 2023 ihre Fleischprodukte verpflichtend kennzeichnen sollen.
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Seit 2022 versieht Lidl nicht nur seine Fleisch- und Wurst-, sondern auch seine Milchprodukte mit dem „Haltungsform“-Label. Aber die Albert-Schweizer-Stiftung wünscht sich mehr. Gemeinsam mit 34 anderen Tierschutzorganisationen hat sie die Europäische Masthuhn-Initiative ins Leben gerufen. Diese will die Haltungsbedingungen für Hühner drastisch verbessern. Dazu zählt unter anderem, dass nur noch 20 Tiere pro Quadratmeter gehalten werden und dass in die Ställe Tageslicht fällt. Rund 500 Unternehmen haben sich laut Albert Schweizer Stiftung der Initiative bereits angeschlossen und verpflichten sich, ab 2026 nunmehr Hühnerfleisch aus diesen verbesserten Bedingungen zu verkaufen.
Lidl hat sich der Initiative nicht angeschlossen. Einheitliche Kriterien für die Haltung von Masthühnern, wie sie auch die Initiative fordert, ließen sich „oft nicht ausreichend mit den unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen in Deutschland vereinbaren“, erklärt der Discounter mit Sitz in Bad Wimpfen (Baden-Württemberg) auf Anfrage des Münchner Merkurs von IPPEN.MEDIA. Die Weiterentwicklung des Tierwohls müsse nationale Gegebenheiten, wie zum Beispiel baurechtliche Vorgaben und daraus resultierende Zeitachsen zum Um- und Neubau von Ställen oder gegebenenfalls staatliche Förderprogramme für Stallbauten sowie existierende Tierwohl-Initiativen und Kennzeichnungssysteme, berücksichtigen.
Für die Albert-Schweitzer-Stiftung ein Zeichen dafür: Lidl beharrt nur auf dem „Haltungskennzeichen“-System. „Die Europäische Masthuhn-Initiative zielt dagegen auf einen neuen Mindeststandard für alle Hühner. Aldi, Bünting, Globus, Norma und Tegut machen im Rahmen der Initiative bereits Tierschutz für nahezu 100 Prozent der Masthühner, dann wird Lidl das ja wohl auch schaffen“, erklärt Klosterhalfen. „Wir fordern Lidl auf, Verantwortung zu übernehmen: Setzen Sie die Mindeststandards der Europäischen Masthuhn-Initiative für alle Hühner um!“ Auf seiner Homepage hat die Albert Schweitzer Stiftung eine Petition gestartet, die Qualzucht bei Lidl zu beenden. Für die kommenden Tage sind zudem Aktionen vor Filialen des Discounters geplant.
Vorwürfe der Tierquälerei: So reagiert Lidl
In seinem Statement gegenüber dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA betont Lidl aber auch, sich seit Jahren für die Weiterentwicklung des Tierwohlstandards einzusetzen und dies weiterhin zu tun. „Wir sehen ausdrücklich auch die Notwendigkeit einer Transformation der Nutztierhaltung.“ Der Discounter will weiter daran arbeiten, sein Sortiment in Zusammenarbeit mit den Partnern und Lieferanten entlang der gesamten Lieferkette und mit Blick auf die nationalen Kundenbedürfnisse tierwohlgerechter zu gestalten.
In seiner Stellungnahme verweist der Konzern auf bisher auf diesem Gebiet erreichtes. 2021 habe man es geschafft, den Anteil von Frischgeflügel in den Haltungsstufen 3 und 4 auf 20 Prozent auszubauen. Ursprünglich war dieses Ziel für 2026 angepeilt. Seit Anfang 2022 gilt bei dem Discounter die 5D-Regel, die sich auf Schweinefleisch bezieht. Verkauft werden soll nur noch Fleisch von Tieren, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet sowie geschlachtet worden sind und deren Fleisch in Deutschland verarbeitet wurde. Darauf beziehen sich die 5D.
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„Lidl spricht sich in aller Deutlichkeit gegen Tierquälerei aus.“ Der Discounter nehme jegliche Vorwürfe sehr ernst. Man habe den Lieferanten, der Lidl zufolge auch weitere Marktteilnehmer in Deutschland beliefert, um eine Stellungnahme gebeten. Parallel laufen interne Untersuchungen zu den Vorfällen an. „Auf Basis der Ergebnisse dieser Überprüfungen behalten wir uns weitere Schritte vor.“
Rubriklistenbild: © Equalia/Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt


